Neue ehrenamtliche Notfallseelsorgerin
„Mitfühlen, aber nicht mitleiden“

Kreis Steinfurt -

Wenn Gabriele Ludwigs Bereitschaft hat, ist es egal, ob sie nur kurz einkaufen geht oder einen Besuch bei Freunden macht: sie hat ihre Utensilien dann immer dabei. Seit November gehört die Burgsteinfurterin zum Team der ehrenamtlichen Notfallseelsorger.

Montag, 25.12.2017, 06:12 Uhr

Seit November gehört Gabriele Ludwigs aus Burgsteinfurt zum Team der Notfallseelsorge im Kreis Steinfurt.
Seit November gehört Gabriele Ludwigs aus Burgsteinfurt zum Team der Notfallseelsorge im Kreis Steinfurt. Foto: Bischöfliche Pressestelle/Niewöhner

Wenn sie Bereitschaft hat, verlässt Gabriele Ludwigs das Haus nicht ohne ihre violette Einsatzjacke. Selbst wenn die Burgsteinfurterin nur kurz zum Einkaufen in den Supermarkt fährt, liegt die Jacke im Auto. Aus Sorge, nicht sofort startklar zu sein. Seit November ist die 63-Jährige ehrenamtliche Notfallseelsorgerin im Kreis Steinfurt.

Sie steht Menschen bei, die durch ein Unglück einen Angehörigen verloren, selbst ein Unglück erlebt haben oder als Helfer dabei waren. Keine leichte Aufgabe. „Aber eine, die ich mir zutraue“, sagt sie. Weil die Hauptamtlichen die Notfallseelsorge im Kreis Steinfurt alleine nicht leisten können, sucht die ökumenische Arbeitsgemeinschaft immer wieder Freiwillige wie Gabriele Ludwigs zur Unterstützung.

Sich dieser Herausforderung zu stellen – die Burgsteinfurterin hat einige Zeit überlegt, bevor sie sich für die einjährige Ausbildung angemeldet hat. Im kommenden Frühjahr geht die mehrfache Mutter und Großmutter, die als Verwaltungskraft beim Katholischen Kreisbildungswerk arbeitet, in den Ruhestand: „Für mich war es wichtig, danach eine sinnstiftende Tätigkeit zu haben.“

2017 wurde das Team der Notfallseelsorge, das aktuell aus 45 Haupt- und Ehrenamtlichen besteht, mehr als 120 Mal gerufen – so oft wie niemals zuvor. Ihre Bereitschaftszeiten suchen sich die Notfallseelsorger selbst aus. Im Internet können sie sich in einen Kalender eintragen, jeweils für 24 Stunden. „Wir fahren rund um die Uhr los, wenn Polizei oder Feuerwehr uns um Hilfe bitten“, erklärt Gabriele Ludwigs. Gerufen werden die Notfallseelsorger nach Suiziden, häuslichen Todesfällen oder schweren Verkehrsunfällen. Meistens sollen sie dabei sein, wenn die Beamten den Hinterbliebenen die Nachricht überbringen.

Unterwegs zu den Einsätzen versucht sich Gabriele Ludwigs nicht zu viele Gedanken darüber zu machen, was sie vor Ort erwarten könnte: „Ansonsten bekommt man Angst vor der eigenen Courage.“ Statt zu grübeln, betet die Katholikin im Auto um die richtigen Worte in der jeweiligen Situation: „Als Christin weiß ich, dass ich nicht alleine bin, dass jemand an meiner Seite ist, der mich trägt.“

Der Glaube ist ihre Kraftquelle, die sie stark macht, auf Unvorhergesehenes besonnen zu reagieren. Routine, da ist sich die 63-Jährige sicher, wird es nie wirklich geben: „Jeder Einsatz ist anders.“

Wenn ein Notfallseelsorger mit der Polizei vor der Tür steht, ahnen viele Angehörige schon Schlimmes. Gabriele Ludwigs und ihre Kollegen drängen sich nicht auf: „Wir bieten an, bei ihnen zu bleiben, wenn sie es möchten.“ Selten wird ein Notfallseelsorger weggeschickt. Die einen brauchen jemanden zum Reden, andere sitzen stundenlang auf dem Stuhl, die Hände vor dem Gesicht – und sagen nichts: „Dann schweige ich mit ihnen.“

Die Steinfurterin lässt sich ganz auf ihr Gegenüber ein, hinterfragt nichts, bewertet nichts, hält alles mit aus: „Mitfühlen, aber nicht mitleiden, das ist wichtig“, betont sie: „Das muss man lernen, um selbst handlungsfähig zu bleiben.“

Niemanden alleine zu lassen, erst recht nicht in schweren Stunden: Für Gabriele Ludwigs ist dies mehr als eine Aufgabe, es ist ein christlicher Auftrag. „Aber ich missioniere nicht“, ergänzt sie. Wenn Familie und Freunde keine religiöse Bindung haben, ist das für die Seelsorgerin in Ordnung. Bitten sie jedoch darum, ein Gebet zu sprechen oder den Verstorbenen zu segnen, kommt sie diesem Wunsch nach. Wie lange Gabriele Ludwigs bleibt, hängt vom Einzelfall ab. Mal reicht eine Stunde, mal vergehen mehrere Stunden: „Man bekommt ein Gespür dafür, wann es gut ist, wieder zu gehen.“

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