Auftakt der „Ibbenbürener Schulgespräche“
„Den Lehrern das Herz rausgerissen“

Ibbenbüren -

Dr. Michael Winterhoff lässt an der Bildungspolitik der vergangenen Jahrzehnte kein gutes Haar: „Den Lehrern hat man das Herz rausgerissen.“ Der Kinder- und Jugendpsychiater und Buchautor („Die Wiederentdeckung der Kindheit“) hatte noch andere provokante Thesen zum Auftakt der „Ibbenbürener Schulgespräche“.

Montag, 28.01.2019, 14:54 Uhr
Freuten sich über ein volles Haus (von links): Schirmherrin Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung, Referent Dr. Michael Winterhoff und die Initiatoren Jürgen Bernroth und Andreas Tangen. Foto: Cornelia Ruholl

Das Bürgerhaus war voll. Die Auftaktveranstaltung der „Ibbenbürener Schulgespräche“, initiiert und veranstaltet von Goethe-Gymnasium und Janusz-Korczak-Schule, war ein Publikumserfolg. „Irgendwas müssen wir richtig gemacht haben“, sagte Andreas Tangen , Leiter des Goethe-Gymnasiums, der gemeinsam mit Jürgen Bernroth, Leiter der Janusz-Korczak-Schule, die Zuhörer im Saal begrüßte.

Im Zentrum der Veranstaltung am Donnerstag unter der Schirmherrschaft von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek stand ein 90-minütiger Impulsvortrag des bekannten Autors Dr. Michael Winterhoff , Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut mit tiefenpsychologischer Ausrichtung. Der Titel seines Vortrags entsprach dem Titel seines jüngsten Buches „Die Wiederentdeckung der Kindheit“.

Winterhoff sprach von einer dramatischen Veränderung seit Mitte der 90er Jahre. 70 bis 80 Prozent der Grundschüler seien heute verhaltensauffällig und steckten fest in der Entwicklungsphase von Kleinkindern, viele seien von der Psyche her auf dem Stand von Kindern im Alter von zehn bis 16 Lebensmonaten stehengeblieben. Wie groß das Problem sei, könne man erst beim Übergang von der Schule in den Beruf sehen. 50 Prozent der Schulabsolventen seien „nicht herkömmlich arbeitsfähig“. Es fehlten ihnen die sogenannten Softskills (Pünktlichkeit, Arbeitshaltung etc.). „Sie können nicht priorisieren, nicht erkennen, welcher Reiz gerade wichtig ist.“ Das sei im Erwachsenenalter „nicht aufholbar“.

Die Leistung, alle äußeren Impulse auszuschalten, um sich voll auf eine Aufgabe zu konzentrieren, zum Beispiel um einen Vortrag halten zu können, werde „gestützt von der emotionalen und sozialen Psyche“, so Winterhoff. Dazu gehöre unter anderem Frustrationstoleranz (die Fähigkeit, zu warten und auszuhalten). „Deshalb können wir arbeiten gehen, obwohl die Sonne scheint“, so Dr. Winterhoff. Und psychischen Funktionen wie diese „bilden sich nicht von allein, sondern nur dann, wenn sie von klein auf abverlangt und eingeübt werden“. Diese Leistung gehe nicht über den Kopf. Winterhoff erläuterte eindrücklich und unterhaltsam, wie sich die soziale und emotionale Psyche von Kindern entwickelt. „Die Entwicklung der Psyche ist ein Hirnreifungsprozess“, so Winterhoff. Und „die Entwicklung der Psyche hat mit Erziehung nichts zu tun“.

Die Ursache für die mangelnde Ausprägung der sozialen und emotionalen Psyche sieht Dr. Winterhoff unter anderem in einer Elterngeneration, die nicht mehr „in sich ruht“ (auch aufgrund fortschreitender Digitalisierung) und die „unbewusst die Kindheit abgeschafft“ habe. Heute sei man der Vorstellung erlegen, „über Reden und Begreiflichmachen könne man erziehen“. Aber: „Das Gehirn reift nicht durch Verstehen und Einsicht.“ Tragischerweise habe diese Vorstellung aber Anfang der 2000er Jahre Einzug ins Bildungswesen gehalten.

Winterhoff wandte sich gegen ein Zuviel an „Wechselhaftigkeit“ in Kita und Grundschule statt konsequenten Lernaufbaus. Er forderte Erwachsene auf, Orientierung zu geben. Eltern hätten heute oft eine symbiotische Beziehung zu ihrem Kind, es fehle an Abgrenzung.

Erwachsenen empfahl er als Ausweg aus dem Hamsterrad, lange Waldspaziergänge oder sich allein in eine Kirche zu setzen, um wieder „Kapitän ihrer eigenen Psyche“ zu werden. Denn Kinder brauchen Erwachsene, die in sich ruhen. Außerdem seien personenzentriertes Arbeiten und Regeln nötig, es brauche ritualisierte Abläufe und Lehrer, die die Kinder auf sich beziehen.

Er wandte sich gegen die Bildungspolitik der letzten Jahrzehnte: „Den Lehrern hat man das Herz rausgerissen.“ Sie würden nicht unterstützt, sondern geschwächt. Und dann habe man ihnen noch „eine Inklusion ohne Konzept oben drauf“ gesetzt. „Dafür haben wir Fachleute und die Kinder brauchen sie“.

Lehrer müssten „den Maulkorb abnehmen und Missstände in den Schulen benennen“. Und er forderte die Politik auf, Geld in die Hand zu nehmen. Unter anderem brauche es in der Grundschule zwei Lehrer für 15 Kinder.

Nach dem Vortrag befragte Moderatorin Elke Frauns (Münster) auf der Bühne Vertreter Ibbenbürener Kitas und Schulen: Monika Althaus (Mauritius-Grundschule), Jürgen Bernroth (Janusz-Korczak-Schule), Margret Evers (Ludwigkindergarten), Sandra Frommeyer (Berufsbildende Schulen), Michael Greiwe (Hauptschule), Anke Ludwig-Bartz (Gesamtschule), Christoph Moormann (Schulseelsorger), Ruth Spölgen (Anne-Frank-Realschule), Hermann Stubbe (Freie Schule), Andreas Tangen (Goethe-Gymnasium) und Carla Zachey (Fachberaterin des Kindergarten-Verbundes im Evangelischen Kirchenkreis).

Das Ablegen des „Maulkorbs“ fiel den meisten dabei schwer, viele blieben im Werbemodus. Weitgehend unbestritten blieb die Bedeutung von Beziehung für das Lernen. Als Massenphänomen oder gar Katastrophe sehen mochten vor allem Andreas Tangen und Hermann Stubbe die Auffälligkeiten bei Kindern nicht. Hermann Stubbe und Anke Ludwig-Bartz verteidigten auch offene Lernkonzepte. „Ich glaube nicht, dass Kinder überfordert sind, wenn sie zwölf Angebote in der Lerntheke finden, das halte ich für Quatsch, Herr Winterhoff“.

Dass besonders in der Grundschule die Beziehung wichtig ist, betonte Monika Althaus: „Es geht über die Person. Deshalb brauchen wir nicht so viele PCs und Tablets, sondern Bezugspersonen.“ Und Ruth Spölgen wünschte sich von allen Erwachsenen „die Zivilcourage, wieder Vorbild zu sein und zu erziehen.“

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