Brigitte Salmen und Claudia Sauer über Maria 2.0
„Wir brauchen ein Gleichgewicht“

Greven -

Brigitte Salmen und Claudia Sauer gehören zur Martinus-Gemeinde und haben die Ideen der Aktion Maria 2.0 in Greven sichtbar gemacht. Salmen leitet den Familiensingkreis der Martinus-Gemeinde, Sauer hat als Grundschullehrerin Theologie unterrichtet. Über die Hintergründe der Frauen-Initiative in der katholische Kirche sprachen sie mit unserem Redaktionsmitglied Günter Benning.

Sonntag, 19.05.2019, 07:50 Uhr
Brigitte Salmen (l.) und Claudia Sauer (r.) haben ihre eigene Vision einer geschwisterlichen Kirche. Foto: Günter Benning

Frau Salmen , wie war das Gefühl beim Auftakt der Aktion Maria 2.0 in Greven?

Salmen: Ein gutes. Die Solidarität der anwesenden Männer und Frauen war zu spüren. Es war eine positive Stimmung, in der Hoffnung, Kirche erneuern zu können.

Frau Sauer , was werfen die Frauen der katholischen Kirche vor?

Sauer: Was ich selber als Christin und Gemeindemitglied kritisiere, ist die fehlende Demokratie und Transparenz in der Kirche. Ich rede von der Institution, nicht von der Ortskirche. Mehr als die Hälfte der Mitglieder sind Frauen, dafür kommen sie viel zu wenig vor. Es gibt in Deutschland seit 100 Jahren das Frauenwahlrecht, Gleichberechtigung hat sich entwickelt. Davon ist in der Kirche sehr wenig zu spüren.

Man hat, wenn man in Kirchen geht, schon das Gefühl, dass Frauen überproportional vertreten sind. Sie beteiligen sich in der Kommunionvorbereitung, der Caritas , in vielen Dingen. Widerspricht sich das nicht?

Salmen: Eigentlich schon. Das macht die Aktion Maria 2.0 ja klar. Wir rufen Frauen auf, eine Woche die Kirchen nicht zu betreten. Nicht um zu streiken, sondern um zu zeigen, wie leer die Kirchen wären, wenn die Frauen nicht da wären. Ich glaube, Frauen haben viel zu sagen und zu geben in all ihrer Kreativität. Wir brauchen ein größeres Gleichgewicht zwischen den Aktivitäten der Frauen und den Rechten, die sie haben.

Wir haben in diesem Jahr 100 Jahre Frauengleichberechtigung gefeiert. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie in eine Kirche gehen?

Sauer: Kirche ist für mich ein Stück Heimat und ein Stück Wohnung. Sie ist der Ort meines Glaubenslebens. Dort fühle ich mich wohl, aber nicht in allen Bereichen. Wenn man sich in einer Wohnung nicht wohl fühlt, kann man sie renovieren, Fenster öffnen. Man muss nicht gleich umziehen. Ich möchte, dass Frauen sich besser wahrgenommen fühlen.

Wenn Sie Frauen in leitenden Funktionen wollen, können Sie zur evangelischen Kirche gehen. Was ist der Unterschied?

Salmen: Wir sind ja beide in der katholischen Kirche groß geworden. Das ist unsere Heimat. Einige wechseln die Konfession, viele treten aus. Aber wir verbinden mit unserer Kirche auch viel Positives. Ich persönlich habe mich noch nie ausgegrenzt gefühlt. Aber es gibt ja Frauen, die sich zum Priesteramt berufen fühlen. Warum sollen sie es nicht dürfen?

Sauer: Außerdem gibt es ja theologische Unterschiede zwischen den Kirchen, die mir wichtig sind.

Das große Thema derzeit sind die Missbrauchsfälle. Kennen Sie solche Fälle aus ihrem Leben?

Salmen: Ich kann mich gut erinnern, dass meine Großmutter von Beichterlebnissen erzählt hat, wo der Priester sie peinlichst ausgefragt hat nach ihrem Sexualleben. Aber ich bin entsetzt über jeden Missbrauchsfall, ob in der Kirche oder sonstwo. In einer Institution , die diese Ansprüche von Nächstenliebe und Menschenwürde hat, ist das ganz besonders schrecklich.

Hat das mit der verkorksten Sexualmoral der Kirche zu tun?

Sauer: Ich glaube schon, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Machtstrukturen, Klerikalismus und dem, was da passiert ist. Wenn die Kirche geschwisterlicher wäre, wenn in Leitungsfunktionen Männer und Frauen wären, wäre es zu vielen dieser Übergriffe nicht gekommen.

Passt die Sexualmoral der katholischen Kirche in unsere Zeit?

Salmen: Nein. Deshalb fordert Maria 2.0 die Aufhebung des Pflichtzölibats und eine Sexualmoral, die an der Lebenswirklichkeit ausgerichtet ist. Ich unterrichte junge Menschen, denen muss ich nicht kommen mit der althergebrachten Sexualmoral der Kirche. Aber wie schön wäre es, wenn etwa ganz offiziell in der Institution Hilfen gegeben würden für einen verantwortlicher Umgang mit dem Thema Verhütung. Die Institution steht einerseits irgendwie immer noch für „Keinen Sex vor der Ehe“, aber auf der Internetseite des Bistums wird über die „Traufe“ berichtet. Also die gemeinsame Taufe und Trauung. Da passen Wirklichkeit und Anspruch nicht zusammen.

Ist es nicht ein Kennzeichen des Katholizismus, dass man sich immer durchlaviert?

Sauer: Ja, aber das mag ich nicht mehr. Oft wird gesagt, „nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird“. „Macht mal einfach und fragt nicht.“ Das darf nicht mehr sein, wir müssen offen reden. Wir müssen sagen, dass in katholischen Ehen zum Beispiel auch die Pille benutzt wird. Wer die kirchliche Missio, die Lehrbeauftragung bekommen will, muss heute noch zustimmen, dass er die Sexualregeln der Kirche befolgt. Und dann wird gesagt: Es kontrolliert aber keiner. Was soll das?

Es geht aber nicht nur um Sexualität?

Salmen: Es geht darum, zu gucken, was hält uns in dieser Kirche. Da gibt es viel Positives. Stellen wir uns mal vor, es gäbe die Ortskirche nicht mehr – was würde uns dann fehlen? Die Initiatorinnen von Maria 2.0 sehen einfach ein unglaubliches Potenzial in dem, was die Kirche, die Botschaft Jesu uns zu sagen hat. In einer Welt, in der es um Fake News geht, um Orientierungslosigkeit, hätte die Kirche eine Menge zu sagen. Wir könnten junge Menschen wieder interessieren für Wertefragen. Das ist heute schwierig.

Was bedeutet der Protest für Greven?

Salmen: Wir hatten gerade einen Ostergottesdienst in Greven, wo Kirche einfach gut getan hat. Es gibt viele Menschen, die sich in der Kirche engagieren, Kirche bietet eine Menge Raum. Wir müssen anders reden über unsere Glaubensinhalte – oft finden wir nicht die richtige Sprache. Aber in jeder Gemeinde tut die Kirche jede Menge guter Dinge, Kirche muss und kann gut tun – und die Rolle der Frauen muss dabei stärker gewürdigt werden.

Wie sieht Ihre Vision einer Kirche 2.0 aus?

Salmen: Realistisch oder als Traum?

Traum!

Salmen: Eine geschwisterliche Kirche, die in dieser absolut pluralen Gesellschaft ein Ort ist, wo man gemeinsam auch mit Menschen anderer Religionen nach dem Guten sucht. Sie ist ein Ort, der daran erinnert, dass Rechtsextremismus Vergangenheit sein muss, dass Kriegshetze nicht auf fruchtbaren Boden fällt, dass religiöser Fanatismus nicht geht. Ein Ort, an dem man spüren kann, dass es doch etwas anderes gibt als das, was wissenschaftlich zu belegen ist.

Sauer: Ich würde ergänzen: Das alles ja, aber in Christi Nachfolge. Ich berufe mich auf das Neue Testament als die Frohe Botschaft, mit der wir in unserer heutigen Zeit leben können.

Salmen: Jesus hätte sich sicher gestritten. Aber er hätte niemanden ausgeschlossen. Und schon gar keine Frau.

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