Kaplan Ralf Meyer über sein Verhältnis zu Ostern
„Am Karfreitag kein Happy End“

Greven -

Kaplan Ralf Meyer ist mit seinen 32 Jahren der jüngste Geistliche in Greven. Der Mettinger hat drei Semester Mathe und Physik studiert, wollte Gymnasiallehrer werden. Dann entdeckte er die Theologie und sieht sich heute als „Lehrer im Glauben“. Mit ihm sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning über Ostern.

Freitag, 19.04.2019, 10:09 Uhr
Kaplan Ralf Meyer in der St. Mary‘s-Kirche. Foto: Günter Benning

Herr Meyer , ich habe gerade eine Abiturientin eines katholischen Gymnasiums gefragt, was sie Ostern macht. Die Antwort war „Prostern“.

Meyer: Prostern?

...die Jugendlichen gehen einen trinken. Was sagen Sie dazu?

Meyer: Okay, ich kann niemanden vorschreiben wie er Ostern zu feiern hat. Ich kann nur versuchen, Interesse zu schaffen.

Was heißt Ostern für Sie?

Meyer: Es ist ein sehr emotionales Fest, das ich mit der persönlichen Hoffnung auf Auferstehung verbinde. Ich feiere an Ostern, dass auch ich ewiges Leben von Gott geschenkt bekommen habe, durch die Taufe.

Ewiges Leben, Wiedergeburt, Himmel. Das sind Glaubensinhalte, die bei vielen Jugendlichen sofort aufstoßen. Sehen Sie das materiell oder symbolisch?

Meyer: Ich denke mir das so, dass ich als der Ralf, der ich hier bin, mit meinen Eigenschaften und Charakterzügen erkennbar wieder da sein werde. Wie das funktioniert, weiß ich nicht. Ich glaube aber, dass es klappt. Aus der Bibel weiß ich, Jesus ist manchmal wiedererkannt worden an seinen Charakterzügen, teilweise aber auch nicht. Das, was mich ausmacht, was mich als Mensch lebendig hält, ist das, was weiterlebt.

Man könnte ja sagen, man lebt im Denken, den Erzählungen der Menschen weiter?

Meyer: Ja, aber ich lebe auch durch Gott weiter. Mein ewiges Leben ist von Gott abhängig.

Ich sehe schon, wie jetzt etliche Leser die Augen verdrehen...

Meyer: Stimmt, aber es ist doch eine schöne Entlastung für alle Angehörigen und für alle, die trauern. Das ewige Glück hängt nicht davon ab, wie sehr Angehörige um uns trauern, sondern davon, was Gott für uns getan hat.

Das ist ein Trost für die Menschen, die im Alter keine Angehörigen mehr haben. Erleben Sie das öfter?

Meyer: Ja, bei vielen Senioren, die ich besuche, zum Beispiel zur Krankensalbung. Dass bei Bestattungen wenige Menschen anwesend sind, kommt immer häufiger vor. In Greven gibt es zwar noch viele Familien, aber es gibt auch vermehrt Einzelne. Wenn sie sterben, fällt uns das kirchlich gar nicht so auf, weil es oft Sozialbeerdigungen sind. Das macht der Bestatter allein, dann bekomme wir es in der Gemeinde leider nicht mit.

Zu Ostern gehört auch die Karfreitagsliturgie, ungefähr das Düsterste, was man sich denken kann. Was passiert da?

Meyer: Am Karfreitag erinnern wir uns an den Tod Jesu Christi mit all dem Leid und Schrecken, das damit verbunden ist. Wir müssen lernen, das auszuhalten. Am Karfreitag gibt es kein Happy End.

Ich kenne das als düstere Angelegenheit, ist das bei Ihnen auch?

Meyer: Wir haben Andachten in der St. Martinus-Kirche und der Franziskus-Kirche. Das ist nicht düster, es ist ja nachmittags um 15 Uhr. Aber von der Stimmung her ist es sehr getragen. Was wir zu Ostern feiern, ist übrigens die älteste bekannte Liturgie – aus den ersten Jahrhunderten des Christentums.

In unserer Spaßgesellschaft kommen viele Menschen ja mit Trauer und dem Gedanken an den Tod nicht gut klar. Merken Sie das, wenn Sie mit Jugendlichen reden?

Meyer: Tod gibt es nur noch in Spielfilmen und Computerspielen. Selten im Rahmen der Familie. Dass nahe Angehörige sterben, kommt im Durchschnitt alle zehn Jahre vor, vor 100 Jahren passierte es noch alle fünf Jahre. Ich sehe aber eine große Faszination und Neugierde. Die meisten Fragen an mich drehen sich um die Beichte und um das Sakrament der Krankensalbung.

Was fragen die jungen Leute?

Meyer: Sie interessieren sich für das Thema Tod und Sterben. Die meisten wollen nicht sterben, obwohl sich manche den Tod wünschen. Das Sterben ist der Prozess, der schmerzhaft sein kann. Der Karfreitag zeigt uns, dass sogar Gott diesen Weg mit uns gegangen ist. Das ist kein Gott wie auf dem Olymp, wie Zeus, sondern wir glauben, dass Gott so nah an den Menschen dran ist, dass er weiß, was Leiden ist. Das unterscheidet uns übrigens auch vom Gott des Islam.

Der Islam hat ein Problem damit, sich Gott als Leidenden vorzustellen. Warum haben die Christen immer dieses Leidensbild vor sich? Da verziehen ja auch Menschen aus vielen anderen Kulturen das Gesicht?

Meyer: Bei der Vorstellung verziehen viele Christen das Gesicht. Meine Familie sagt auch, wir wollen keine Leiche im Wohnzimmer hängen haben. Aber das Göttliche, was man nicht sieht, ist das, was danach kommt.

Hier in St. Mary‘s hängt neben dem Kreuz Maria mit dem Jesuskind.

Meyer: Das ist ja auch eine schöne Erfahrung. Weihnachten wird deshalb von den Familien gefeiert und zelebriert, während Ostern für manche eher ein Ferientag zum „Prostern“ ist. Wir haben alltägliche Erfahrungen damit, ein Kind großzuziehen, aber keine Erfahrungen mit auferstandenen Menschen. Kulturell sieht man das auch: Es gibt viele popkulturelle Songs über Weihnachten und nichts über Ostern. Außer „Stups der kleine Osterhase“.

Interessieren sich Jugendliche eigentlich für Kirche?

Meyer: Es gibt Jugendliche, die sagen, ihr könnt die Kirche englisch nennen, wenn ihr trotzdem das Gleiche macht, komme ich einmal und nie wieder. Ich bin da ehrlicher: Mein jüngstes Angebot war die Reihe „Filmgucken in der Fastenzeit“, nichts mit „Movie“ oder so. Die Jugendlichen suchen Unterstützung und Beratung in gewissen Abschnitten ihres Lebens. Es gibt spirituellen Bedarf. Dass die katholische Kirche den nicht immer abdeckt, ist mir auch klar. Da müssen wir aber experimentieren dürfen.

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