Syrien-Flüchtling
Richtung Frieden und Freiheit - Mammo Hussein lebt in Reckenfeld

Reckenfeld -

Der Ingenieur Mammo Hussein ist auf abenteuerlichen Wegen aus Syrien geflohen – und tut jetzt alles für ein friedliches Familienleben in Deutschland.

Samstag, 04.03.2017, 11:03 Uhr

Mammo Hussein (29) lebt seit rund eineinhalb Jahren in Reckenfeld und träumt davon, bald seine Frau nach Deutschland nachholen zu können. Er wünscht sich ein selbstbestimmtes Leben in Frieden.
Mammo Hussein (29) lebt seit rund eineinhalb Jahren in Reckenfeld und träumt davon, bald seine Frau nach Deutschland nachholen zu können. Er wünscht sich ein selbstbestimmtes Leben in Frieden. Foto: oh

Der Moment, der alles veränderte. Der Tag, der sein Leben in ein davor und ein danach teilte. Die Begegnung, die sein Leben auf den Kopf stellte. Mammo Hussein kann sich noch gut daran erinnern. Gut und leidvoll. Schon vor diesem Tag war das Leben in Syrien beschwerlich und gefährlich, zumal als Kurde muslimischen Glaubens (größte Minderheit in Syrien).

Mammo Hussein erlebte den Bürgerkrieg in all seinen grausamen Facetten. Bomben, Terror, politische und religiös motivierte Verfolgungen. Stets war er bemüht, sich die vielschichtigen Konflikte nicht zu eigen zu machen, er wollte einfach nur friedlich leben. Doch eines Tages hatte er keine Wahl mehr, so schien es zumindest. Man suchte ihn auf, machten ihm klar, dass die kommende Nacht die letzte sein würde, die er im eigenen Haus verbringt. Künftig sei sein Zuhause die Kaserne. Er solle sich den Truppen anschließen und für Assad kämpfen – oder sterben.

Für Mammo Hussein kam keine dieser Optionen in Frage. Er wusste, er hat sehr wohl noch eine Wahl, diese eine nur. Also traf eine sehr schmerzliche Entscheidung: Er muss seine Sachen packen und gehen. Fliehen. Sich dem unerbittlichen Regime und dem mörderischen Viel-Fronten-Krieg entziehen. Seine Heimat, die Stadt Qamishli (im Nordosten Syriens direkt an der türkischen Grenze) verlassen, Frau und Eltern zurücklassen. Nichts war von da an mehr wie vorher.

Ziel: Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre

Über die Türkei gelangte Mammo Hussein nach Deutschland . Bezahlt habe er nicht für den Transport, betont er. „Ich habe sieben oder acht Tage in einem Lkw geschlafen“, sagt er. Als sich die Tür des Laderaums endlich wieder öffnete, am 28. August 2015, war er im Land der Hoffnungen angekommen: Deutschland.

Dorthin flüchtete auch einer seiner Brüder, dieser fand in Bremen Zuflucht. Ein anderer Bruder lebt bereits seit 17 Jahren in Köln. Rund einen Monat nach seiner Ankunft in Deutschland zog Mammo Hussein als einer der ersten Bewohner in die umgebaute Hauptschule in Reckenfeld ein. Er richte sich notdürftig ein, versuchte sich zu orientieren, knüpfte erste Kontakte, kümmerte sich vor allem um den Asylantrag und einen Deutschkurs. Den B1-Kurs hat er inzwischen bestanden. Für den aufbauenden B2-Kurs fährt er regelmäßig mit dem Zug nach Münster. „Der Kurs ist nicht einfach“, sagt Mammo in recht flüssigem Deutsch.

Im Gespräch kann er sich mühelos verständigen, muss nur selten nach den passenden Wörtern suchen. „Im Schreiben bin ich besser“, sagt er, fast entschuldigend. Im Integrationskurs lernt er nicht nur die Sprache seiner neuen Heimat, sondern auch etwas über Geschichte, Verfassung und Kultur seines Gastlandes. Über seinen Asylantrag ist noch nicht entschieden worden. „Ich war zum Interview in Bielefeld, das ist sieben Monate her. Seitdem warte ich.“ Sein Ziel: eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre. „Wenn ich die habe, kann ich meine Frau nachholen.“

Mit dem Bus ins Kesselhaus

Zu ihr und weiteren Familienmitgliedern sowie Freunden hält er Kontakt per Whats­App und Facebook . So gut es eben geht. Die Nachrichten, die ihn erreichen, machen ihm Angst. Kämpfe in der Nähe „seiner“ Stadt, viele Tote bei einem Anschlag, Furcht vor so genannten ethnischen Säuberungen.

Der 29-Jährige ist froh, dem entronnen zu sein. Er träumt davon, mit seiner Frau eine Familie zu gründen, sieht sein Kind, das er sich wünscht, schon in Deutschland aufwachsen. Vielleicht in der Nähe von Köln, in der Nähe seines Bruder, der sich schon so gut auskennt in dem Land, das auch für Mammo Hussein mehr werden soll als eine Heimat auf Zeit. Rückkehr nach Syrien? Für ihn nicht absehbar – und nicht erstrebenswert. Zu unruhig, zu gefährlich, zu lebensfeindlich, zu unkalkulierbar die Zukunft. Wie es mit oder ohne Assad in Syrien weitergeht – wer kann das schon sagen? Mammo Hussein richtet sich darauf ein, dass er sehr lange nicht, vielleicht nie wieder zurückkehren kann. Also versucht er, sich in Deutschland so gut es geht zu integrieren, sich etwas aufzubauen. Mit der Sprache ist ein Anfang gemacht, eine eigene Wohnung und ein Job sollen folgen.

Hussein ist studierter Ingenieur für Telekommunikation. Nebenberuflich war er auch als Sportreporter tätig. Vor allem Fußball hat es ihm angetan, Real und Barca interessieren ihn besonders. In der „Bagatelle“ um die Ecke schaut er sich bisweilen Spiele deutscher Mannschaften an. Mit dem Bus fährt er auch nach Greven, ins Kesselhaus. „Da gibt es einen Mann, er heißt André“, berichtet Hussein. An Champions-League-Abenden schalte dieser – wenn die anderen Gäste nichts dagegen haben – Mammo zuliebe auf jenen Kanal, der Real oder Barca zeigt.

Null Privatsphäre

Integration – keine Einbahnstraße, das weiß der Syrer. Deshalb ist er dankbar für jede Unterstützung. Eine Frau („Sie heißt Ilja“; gemeint ist Ilja Kryszat) kümmere sich sehr, unterstütze, habe ein offenes Ohr, kenne die Sorgen und Probleme der Hauptschul-Bewohner. „Sie kümmert sich um Integration, Deutschkurse und Jobs“, schwärmt Mammo Hussein. Er weiß auch um die Konflikte zwischen Deutschen und Flüchtlingen, ahnt, dass nicht alle die Geflüchteten gern hier sehen. Anfeindungen gegen Flüchtlinge habe er persönlich jedoch noch nicht erleben müssen.

Gemessen an der aktuellen Lage in Syrien empfindet er Deutschland als Paradies. „Deutschland ist ein sicheres Land. Es gibt hier Meinungsfreiheit und keinen Stress mit Religion“, betont Mammo Hussein – nicht nur einmal. Sicherheit, Meinungsfreiheit – für ihn hohe Güter. „Menschen sind Menschen. Ich wünsche mir ein Zusammenleben ohne Stress, ohne Ärger.“

Genau wie ein selbstbestimmtes Leben. Das, daraus macht er keinen Hehl, ist unter den Bedingungen in der Hauptschule schwerlich möglich. Anfangs teilte sich Mammo Hussein das Zimmer mit fünf Mitbewohnern. Inzwischen sind sie „nur“ noch zu viert. Null Privatsphäre, keine Rückzugsmöglichkeit, keine Ruhe. Seit eineinhalb Jahren. Das Lernen – etwa der wichtigen Vokabeln – fällt da schwer. Und nicht nur das.

Er träumt daher von einer eigenen Wohnung – und weiß natürlich, dass das nicht leicht wird, der Wohnungsmarkt war schon angespannt, bevor eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kam. Und doch ist er zuversichtlich, dass Deutschland die Herausforderung meistert, dass das „Wir schaffen das“-Versprechen eingelöst werden kann. Er will seinen Teil dazu beitragen, Mammo Hussein will das beste machen aus dem „danach“.

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