Sparclub Weiße Krone
Der Sparkasten bleibt nie leer

Nienborg -

Unscheinbar fristet der Sparkasten im Kegelhaus Wissing sein Dasein. 24 nummerierte und beschriftete Geldeinwurfschlitze und die alt-ehrwürdige Überschrift „Spar- und Darlehenskasse“ in dem rechteckigen Blechkasten mit der Hammerschlag-Oberfläche lassen ein jahrelanges Clubsparen erahnen.

Donnerstag, 28.12.2017, 06:12 Uhr

Der Sparkasten wird regelmäßig geleert. In diesem Jahr waren dafür die Kassierer Willi Kock (l.) und Clemens Roters zuständig.
Der Sparkasten wird regelmäßig geleert. In diesem Jahr waren dafür die Kassierer Willi Kock (l.) und Clemens Roters zuständig. Foto: Martin Mensing (2)

Und so ist es auch: Der Sparkasten ist Zeuge einer bewegten Geschichte von Dorfleben, Pflege westfälischen Brauchtums, Geselligkeit, Spaß, Gemütlichkeit, Freundschaft, aber auch Trauer. Davon berichten Willi Kock und Clemens Roters bei der letzten Leerung des Kastens in diesem Jahr. Sie beide sind in diesem Jahr die Kassierer vom Sparclub „Weiße Krone 1973“.

„Wir Callenbecker Jungs haben damals nach dem Hochamt im Hinterzimmer der alten Gaststätte Kock unseren Frühschoppen gemacht“, erinnert sich Clemens Roters. Dort, wo seit vielen Jahren Martina Nölke ihren Friseursalon betreibt, trafen sich damals viele Nienborger zu verschiedenen Anlässen. Viele alte Bilder auf dem Notebook von Willi Kock sind nicht nur Zeugnis zahlreicher Festlichkeiten, sondern auch gelebter Nienborger Geschichte.

„In der alten Gaststätte wurden auch Partnerschaften gegründet“, sagt Willi Kock und schaut schmunzelnd zu Clemens Roters rüber: Der erinnert sich gerne an die Fußball-WM 1974, als er dort seine spätere Ehefrau Ingrid kennenlernte. Ein Jahr zuvor hatten Kock und Roters den Sparclub gegründet. Im nächsten Jahr feiert dieser bereits seinen 45. Geburtstag. Dann soll eine Zweitagesfahrt auf dem Programm stehen.

Die Mitglieder bei ihrer letzten Tour.

Die Mitglieder bei ihrer letzten Tour. Foto: privat

Zwischen den Feiertagen findet im Vereinslokal traditionell die Generalversammlung statt. Hierfür haben die Kassierer in den Tagen vor dem Weihnachtsfest zum letzten Mal den Sparkasten geleert. Willi Kock nimmt jedes Sparfach einzeln aus dem Sparkasten heraus und legt das eingezahlte Geld auf den Tisch, Clemens Roters dokumentiert die Einzahlung in der Kladde. Die Höhe der Einlage jedes Mitgliedes wird notiert. Am Ende zählen sie noch einmal nach. Doppelte Kassenprüfung muss sein, finden die beiden. Zwischendurch serviert ihnen Vereinswirtin Nadine Schubert, die seit Oktober die Gaststätte Wissing führt, kühle Getränke. „Weiße Krone – das ist die Schaumkrone eines gut gezapften Bieres, in Form einer weißen Krone“, begründet Willi Kock die Namensgebung. Er erinnert sich noch, dass in den 70er-Jahren der Anspruch bei den Gästen in der elterlichen Gastwirtschaft an ein frisch gezapftes Glas Bier sehr hoch war.

„Zu unseren besten Zeiten waren fast alle Sparfächer belegt“, sagt Clemens Roters. Aktuell sind sie 14 Sparer. Fünf Sparclubmitglieder sind bereits verstorben, einige sind verzogen, andere aus dem Club ausgetreten. In den Anfangsjahren war Elisabeth Kock, Mutter von Willi Kock, Präsidentin in der eigentlichen Männerdomäne Sparclub. In diesem Jahr steht Franz-Josef Gesenhues an der Spitze des Clubs.

Die Geschichte der Sparschränke in Deutschland geht auf das erste Drittel des 20. Jahrhunderts zurück. Doch es schlossen immer mehr Gaststätten – auch in Nienborg – und damit ging auch die Zahl der Sparclubs zurück. Doch die Mitglieder der „Weißen Krone“ trotzten dieser Entwicklung – und zogen einfach mit ihrem Sparkasten weiter. Mit der Schließung der alten Gaststätte Kock und dem Umzug zur Burgschänke zog auch der Sparclub um. Zum zehnjährigen Jubiläum schmückte ein Festbogen den Eingang der Gaststätte und die Männer feierten dem Anlass entsprechend im schwarzen Anzug.

Als dann die Burgschänke schloss, ging es auch für die Sparer weiter: dieses Mal zum Kegelhaus Wissing. Neben dem Sparkasten ziert auch eine Forke den Raum in der Gaststätte. Diese gehört zum westfälischen Outfit des Clubs und zielt auf die Herkunft der überwiegenden Mitglieder ab: die Landwirtschaft. Beim Spalierstehen anlässlich von Silberhochzeiten oder beim Weggen bringen für die erstgeborenen Kinder tragen sie traditionell Holzschuhe, eine schwarze Cordhose, einen blau-weiß-gestreiften Arbeitskittel und ein rotes Halstuch. Bei der Silberhochzeit von Josef und Elfriede Roters steckten sie passend zum Beruf des Silberbräutigams an die Zinken der Forke Schweineohren.

Es geht den Mitgliedern nicht nur ums Sparen. Auch viele andere Aktivitäten und Feste prägen das Clubleben. Dazu gehören Tages- oder Mehrtagesfahrten, Maifahrten, historische Hausschlachtungen und Kartoffelaktionen sowie das interne Schützenfest. Aktuell regiert das Königspaar Josef Roters und Sabine Büning den Verein.

Der Sparkasten

Der Sparkasten Foto: Martin Mensing

Der Sparclub ist keine reine Männerdomäne. Oft sind die Ehefrauen mit dabei. „Legendär sind die Karnevalspartys in Kostümen, mit Büttenreden und Liveband“, schwelgt Clemens Roters in Erinnerungen. „Da passierte es auch schon mal, dass sich beim Frühschoppen am nächsten Morgen Nienborger Originale zu uns gesellten und diese später auch verkleidet waren“, ergänzt Willi Kock. Bei allen Zusammenkünften pflegen die Mitglieder das deutsche Liedgut mit kräftigem Gesang. All diese Dinge halten Willi Kock und Clemens Roters seit Jahren im Clubarchiv fest, das mehrere Seiten sowie ordentlich Speicherplatz auf dem Computer füllt.

Auf der heutigen Generalversammlung vor dem Jahreswechsel werden die überschüssigen Spargelder ausgeschüttet. Den diesjährigen Sparkönig können die beiden in der Kladde schon ausmachen. Den Namen verraten sie noch nicht, dieser erhält ein Präsent. Auch Strafgelder für säumige Sparer werden sie einsammeln. Dann übergeben Willi Kock und Clemens Roters ihren Posten an zwei neue Kassierer. Die Mitglieder sind verpflichtet, regelmäßig zu sparen, einmal im Monat wird der Sparkasten geleert.

Die Kassierer kümmern sich auch um die Organisation der alljährlichen Fahrt. In diesem Jahr ging es für einen Tag mit den Ehefrauen und Frauen der verstorbenen Sparclubmitglieder nach Papenburg und Leer.

„Heute finden in den Gaststätten kaum noch Gespräche und Austausch statt“, meint Willi Kock. Er erinnert sich noch daran, als die Gaststätten (nicht nur in Nienborg) zum Frühschoppen und Dämmerschoppen gut gefüllt waren und sich die Männer beim Pils über Alltägliches unterhielten. Anders ist das bei den Sparclubmitgliedern. Im neuen Jahr beginnt für sie der nächste Sparzyklus. Mindestens einmal im Monat gehen sie in ihre Gaststätte und werfen ihren Sparbeitrag in ihr Sparfach. Dabei erfährt der Blechkasten regelmäßig seine Aufmerksamkeit. Und nicht nur das. Die Sparer nutzen die Gelegenheit auch für ein Pils und Pläuschchen mit den Gästen.

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