Durchgangslager Westerbork
Geräuschlose Deportation in den Tod

Gronau/Westerbork -

In Güterwagen gepfercht ging für die Menschen hier die Fahrt nach Auschwitz, Bergen-Belsen, Sobibor und Theresienstadt los: Zweimal in der Woche fuhren von Westerbork aus Deportationszüge. Eine Gruppe aus Gronau und Epe hat jetzt das ehemalige Sammellager in den Niederlanden besucht.

Dienstag, 17.09.2019, 07:45 Uhr aktualisiert: 17.09.2019, 07:55 Uhr
Gruppenaufnahme am historischen Ende des Schienenstranges. Hier erklärte Königin Juliana 1970 das Gelände zum Nationalen Denkmal. Seitdem stehen das Lagergelände und seine noch dort befindlichen, zum Teil rekonstruierten Gebäude unter Schutz. Die nach oben zeigenden abgetrennten Schienenstränge unweit der Rampe sollen die schreckliche Vernichtung der vielen Menschen symbolisieren. Von diesem Punkt im Lager starteten die Züge mit den in die Viehwaggons eingepferchten Menschen. Foto: hdm

Erst vor einigen Wochen hatten fünf Mitglieder des Förderkreises „Alte Synagoge Epe “ das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz und Birkenau in Polen besucht. Dort endeten viele Züge mit den Viehwaggons, in denen aus ganz Europa Juden, Sinti und Roma und andere Bevölkerungsgruppen zur Vernichtung herangeschafft wurden. Die Niederlande hatten ein Sammellager bei Westerbork eingerichtet.

Für die jüdische Bevölkerung waren vor dem Krieg die Niederlande ein Land, das ihnen das Überleben möglich machen könnte. Viele flohen über die Grenze. Ungefähr drei Viertel der jüdischen Bevölkerung aus Gronau und Epe konnte sich nach der Pogromnacht am 9. November 1938 erst einmal dem Zugriff der Nationalsozialisten entziehen. Sie fanden in den Niederlanden Zuflucht. Dazu gehörten Familienmitglieder der hiesigen Familien Andriesse, Leben­stein, Weyl, Pagener, Rothschild, de Witte oder Zilvensmit.

Flüchtlingslager wird zum Startort der Deportation

In der Nähe der ehemaligen Rampe erinnerte Rudi Nacke an das Schicksal dieser Gronauer und Eperaner, die trotz der Flucht ermordet und über Westerbork in die Vernichtungslager gebracht wurden. Doch die jüdische Bevölkerung aus Deutschland war auch von der niederländischen Regierung nicht gern gesehen und so beschloss diese 1939 den Bau eines Aufnahmelagers für die aus dem Deutschen Reich geflohenen Juden. Die damals Verantwortlichen wählten die Drenthsche Heide bei Hooghalen, zehn Kilometer nördlich des Dorfes Westerbork als Lagergelände aus. Dort entstand durch Eigenarbeit und eigenes Geld der jüdischen Menschen ein zentrales Flüchtlingslager, das kurze Zeit später nach dem deutschen Überfall von den Besatzern als Sammellager für die bevorstehenden Deportationen übernommen und in ein polizeiliches Judendurchgangslager umgewandelt wurde.

Von diesem Ort aus fuhren zweimal in der Woche Deportationszüge mit den in Güterwagen gepferchten Menschen nach Auschwitz, Bergen-Belsen, Sobibor und Theresienstadt. Insgesamt verließen von Juli 1942 bis September 1944 rund 100 Transporte mit ungefähr 107.000 Juden, aber auch vielen Sinti und Roma, die damals Zigeuner genannt wurden, das Lager.

Gräueltaten der Nationalsozialisten

Das Durchgangslager Westerbork war am Samstag Ziel einer Gruppe Gronauer und Eperaner. Unter Leitung von Heinz Krabbe und Rudi Nacke, beide Vorstandsmitglieder des Förderkreises Alte Synagoge Epe fuhren die Teilnehmer nach Drenthe. Unter sachkundiger Führung wurden sie über die Gräueltaten der deutschen und niederländischen Nationalsozialisten informiert. Beim Gang über die Pfade des Lagers konnten sie erahnen, wie viel Kummer und welchen Schmerz die Menschen in ihren letzten Lebenstagen ertragen mussten.

Von Epe über Westerbork in den Tod

Die Namen der Eper Juden, die von Westerbork aus in den Tod geschickt wurden: Helena Andriesse-Rothschild, Markus Rothschild, Laura Rothschild, Paul Andriesse, Charlotte Zeehandelaar-Andriesse, Siegfried Pagener, Bernard Pagener, Gretel Pagener, Hermine Pagener, Simon Pagener, Berta Pagener, Käthe Pagener, Anna Eichenwald, Max Eichenwald, Hannelore Eichenwald, Liesel Eichenwald, Isaak de Witte, Julius de Witte, Sophia de Witte-Dublon. Auch sie werden beim Vorlesen der 102 000 Namen der von Westerbork Deportierten genannt. Die Aktion findet vom 22. bis 27. Januar statt und dauert etwa 116 Stunden.

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Nachdem das Versteck von Anne Frank und ihrer Familie in Amsterdam verraten worden war, kam auch diese Familie in das Aufnahmelager. Anne Frank verbrachte bis zu ihrem Weitertransport und ihrem Tod in Bergen-Belsen einige Wochen in einer Strafbaracke in Wes­terbork.

Der letzte Deportationszug nach Auschwitz fuhr am 3. September 1944 ab. Am 12. April 1945 wurde Westerbork von kanadischen Soldaten befreit.

Lagerkommandant nach drei Jahren wieder frei

„Schnell und geräuschlos“ sollte die Deportation der Menschen erfolgen. Albert Konrad Gemmeker als Lagerkommandant verstand es, das Durchgangslager perfekt funktionieren zu lassen, reibungslos und ohne Zwischenfälle. Nach dem Krieg wurde der Lagerkommandant zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er wegen guter Führung nur drei Jahre absitzen musste. Er lebte bis zu seinem Tod in Düsseldorf. Von den Vernichtungen der Menschen in den Vernichtungslagern habe er nichts gewusst, behauptete er.

Die Besucher aus Gronau und Epe hatten die Gelegenheit, sich im Erinnerungszentrum von Westerbork genauer über das Lagerleben und die hier eingesperrten Menschen zu informieren. Nach dem Krieg wurde das Lager einige Jahre von den niederländischen Behörden verwendet, um NSB-Mitglieder (niederländische Nationalsozialisten) und Kollaborateure ohne Prozess gefangen zu halten. Kurz darauf wurde es in ein militärisches Lager umgewandelt. 1951 wurde Kamp Westerbork als Wohnort für Soldaten aus Niederländisch-Indien und für die damals eingereisten Molukker eingerichtet.

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