Blickpunkt der Woche: Internationaler Frauentag
Es gibt kein schwaches Geschlecht

Gronau -

Seit Jahrhunderten kämpfen Frauen für ihre Rechte, doch noch immer sind sie an vielen Stellen mit traditionellen Rollenbildern konfrontiert. Solche festgefahrenen Klischees haben teilweise schwerwiegende Folgen.

Samstag, 09.03.2019, 09:00 Uhr
Eine Wand bröckelt: Immer mehr Frauen lehnen sich gegen traditionelle Rollenbilder auf. Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Ein typischer Nachmittag im deutschen Privatfernsehen: Männer bauen Häuser, buddeln im Garten, schrauben an Autos. Frauen gehen shoppen, suchen Deko aus, backen Kuchen. Und wer davon abends noch nicht genug hat, sieht sich zur Primetime Männer an, die zwischen brennenden Autos mit dem Bösewicht kämpfen – oder Frauen, die in knappen Kleidern um den Bachelor oder den nächsten Topmodel-Titel kämpfen.

Warum lechzen anscheinend noch immer so viele Zuschauerinnen und Zuschauer nach diesen etablierten gesellschaftlichen Rollenbildern und Klischees im Fernsehen? Warum wollen augenscheinlich noch immer so viele Frauen lieber Topmodel statt Bundeskanzlerin werden? Warum bekommen kleine Mädchen noch immer so häufig blonde Barbies geschenkt, während kleine Jungs mit Autos und Bauklötzen spielen?

Als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Gronau kämpft Edith Brefeld Tag für Tag gegen solche eingefahrenen Denkmuster. Sie ermuntert Frauen, sich etwas zuzutrauen und sich nicht vor anderen kleinzumachen, sie bleibt hartnäckig in ihrem Bestreben nach gleicher Bezahlung und nach geschlechtergerechter Sprache, auch wenn sie dafür von manchen belächelt wird.

Denn es geht um mehr als nur darum, dass Frauen sich wünschen, dass auch die Männer mal den Staubsauger oder die volle Windel in die Hand nehmen. Es geht um Renten, die bei vielen Frauen ohne Mann an ihrer Seite später kaum zum Leben reichen, weil sie sich Jahrzehnte lang um die Kinder gekümmert haben. Es geht um Bundes- und Landtage wie Stadträte, die noch immer von Männern dominiert werden und damit Frauen nicht die gleiche Chance eröffnen, an politischen Entscheidungen mitzuwirken. Und es geht um Phänomene wie Machtmissbrauch und Gewalt, die zu vielen Frauen im eigenen Zuhause begegnen. Solche festgefahrenen Klischees haben also schwerwiegende, mitunter sogar tödliche Folgen.

Jede vierte Frau im Alter von 16 bis 85 Jahren wurde laut dem Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben bereits einmal in ihrem Leben von ihrem Lebensgefährten oder Ex-Lebensgefährten misshandelt. Häufiger als jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Dabei sind es nach Angaben des Bundeskriminalamtes zu über 82 Prozent Frauen, die von Gewalt in der Partnerschaft betroffen sind.

Auch in Gronau ist Edith Brefeld immer wieder mit häuslicher Gewalt konfrontiert. Regelmäßig sind die Zettel zum Abreißen am Inforegal im Rathaus vergriffen, auf denen die Nummer des Hilfetelefons bei Gewalt gegen Frauen abgedruckt ist. Die Frauenschutzwohnung ist fast durchgängig zu hundert Prozent belegt, wie sie sagt. Nicht immer geht es dabei nur um physische Gewalt. Häufig wird diese von psychischer Gewalt begleitet – von Erniedrigungen, Demütigungen, sozialer Isolation. „Das hört nie auf, habe ich das Gefühl“, ist Edith Brefelds Einschätzung. Und sie bekleidet das Amt der Gleichstellungsbeauftragten in Gronau schon seit 17 Jahren.

Umso wichtiger ist es, dass die Frauen ihr Schweigen brechen und sich wehren – gegen Belächeltwerden, gegen Ausgrenzung, gegen Unterdrückung, gegen Gewalt. Das fängt bei der Sprache an, geht mit Gehaltsverhandlungen weiter und darf nicht dann aufhören, wenn das erste Kind geboren wird. Zu jedem Kind gehört nicht nur eine Mutter, sondern auch ein Vater. Und beide haben das Recht und die Pflicht, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern.

Frauen sind keine Minderheit. Im Gegenteil. Mit 50,6 Prozent stellten sie laut statistischem Bundesamt im Oktober 2018 sogar die knappe Mehrheit der Bevölkerung dar. Sie sollten also weder als Minderheit behandelt werden noch sich als Minderheit behandeln lassen.

Und weiter für eine vollständige Gleichstellung kämpfen. Nicht nur am Internationalen Frauentag am 8. März, sondern auch an allen anderen Tagen im Jahr.

   

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