Interview mit Gronaus Gleichstellungsbeauftragter
Edith Brefeld: „Es muss ein Umdenken stattfinden“

Gronau -

Heute ist der Tag der Frauen. Und das weltweit. Im Interview mit WN-Redakteurin Mareike Meiring spricht die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Gronau, Edith Brefeld, über die Chancen, die junge Frauen heute haben, über Rollenklischees und über die Notwendigkeit geschlechtergerechter Sprache.

Freitag, 08.03.2019, 09:00 Uhr aktualisiert: 08.03.2019, 10:04 Uhr
Am heutigen 8. März ist der Internationale Tag der Frauen. Weltweit kämpfen Frauen für die Gleichstellung der Geschlechter. Foto: Jens Wolf/dpa

Heute ist der Tag der Frauen. Und das weltweit. Überall machen Frauen auf ihre Rechte und die Gleichstellung der Geschlechter aufmerksam. Im Interview mit WN-Redakteurin Mareike Meiring spricht die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Gronau, Edith Brefeld , über die Chancen, die junge Frauen heutzutage haben, über noch immer vorherrschende Rollenklischees und über das Anrecht der Frauen, auch in der Sprache gleichermaßen genannt zu werden.

Die Sozialistin Clara Zetkin forderte am 8. März 1910 auf einem Kongress in Kopenhagen das Wahlrecht für Frauen. Der Internationale Frauentag wurde im Jahr 1977 von den Vereinten Nationen als Tag für die Rechte der Frau und den Weltfrieden anerkannt. Wofür lohnt es sich heute noch, an dem Tag zu kämpfen?

Edith Brefeld: Wir haben vieles erreicht, aber längst noch nicht alles. Es ist wichtig, dass die jungen Frauen jene Chancen, die sie jetzt haben, auch nutzen. So sollten sie sich unter anderem fragen: Werden die Frauen bei der Rente später gleichberechtigt behandelt, da sie es sind, die die Kinder bekommen und daher geringere Renteneinzahlungen hinnehmen müssen? Oder warum werden wir – die Hälfte der Bevölkerung – nicht explizit benannt, sondern sollen uns mit der männlichen Anrede angesprochen fühlen?

Bis zur Schwangerschaft herrscht ja bereits in vieler Hinsicht Gleichberechtigung. Doch ab der Geburt eines Kindes beginnt oft das klassisches Muster: Die Frau bleibt Zuhause und beansprucht den größten Teil der Elternzeit, startet danach wieder in Teilzeit, bei dem Mann läuft jobtechnisch alles wie bisher . . .

Brefeld: Ganz genau. Sofern ein offenes Elternhaus da ist, haben Mädchen und Jungs ja mittlerweile oft die gleichen Möglichkeiten etwa bei der Wahl der Ausbildungsberufe oder des Studiums. Doch ist der Fall eingetreten, dass eine Frau in einer Beziehung schwanger wird, geht es los. Zum Beispiel gehen Männer viel seltener in Elternzeit, da sie die besser bezahlten Jobs haben. Oder aber der Druck der Gesellschaft ist so groß. Wie stehe ich denn dann vor den Kollegen dar, wenn ich ein Jahr Elternzeit nehme? Nicht einmal 30 Prozent der jungen Männer gehen überhaupt in Elternzeit – und wenn, dann meist nur zwei Monate.

Weil sie es nicht wollen oder weil manche Frauen sie nicht lassen?

Brefeld: Das ist die zweite Krux: Es gibt genug Männer, die sich das zutrauen würden. Aber viele Frauen trauen es ihren Männern nicht zu. Es muss ein Umdenken bei Männern wie auch bei Frauen stattfinden. Manchmal stehen wir Frauen uns selbst im Weg. Wir sind so erzogen worden, dass wir uns um alles kümmern und den Überblick haben. Aber es gibt kein Pampers-Wechseln-Gen. Und warum sollte der Mann nicht genauso gut den Haushalt schmeißen können?

Haben Sie denn das Gefühl, dass hier ein Umdenken stattfindet?

Brefeld: Bei den jungen Frauen ja. Die haben ein ganz anderes Denken und eine andere Selbstverständlichkeit. Vieles hängt mit dem Elternhaus, der Erziehung und der Bildung zusammen. Bildungsferne Menschen haben oft noch diese Klischees im Kopf. Und wenn wir einen Mann haben, der 2000 Euro verdient, und eine Frau, die 800 Euro verdient, ist ja auch relativ klar, wer in der Erziehungszeit Zuhause bleibt . . .

Liegt das Problem auch darin, dass sich Frauen oft jene Jobs aussuchen, in denen man weniger verdient? Oder ist das Gehalt in jenen Berufen auch deshalb so niedrig, weil es typische Frauenberufe sind?

Brefeld: Die typischen Frauenjobs sind einfach schlecht dotiert. Und das, obwohl oft eine gleichwertige Ausbildung dahinter steht. Warum verdient eine Krankenschwester, der wir das Leben unserer Eltern oder Kinder anvertrauen, denn weniger als etwa ein Bankkaufmann, dem wir unser Geld anvertrauen? Und sobald ein Mann Friseur wird, ist klar: Der muss den Meister machen und macht sich dann selbstständig. Und häufig sind es später die Krankenpfleger und nicht die Krankenschwestern, die eine Station leiten.

Wie durchbricht man diesen Kreislauf?

Brefeld: Wenn ich diese Lösung hätte, säße ich nicht mehr hier. Wichtig ist Aufklärung, Bildung und penetrantes Daraufhinweisen: „Dotiert alle Jobs im Verhältnis gleich!“ Wir haben zum Beispiel den Bankkaufmann und die Bankkauffrau. Und der Bankkaufmann verdient in der freien Wirtschaft im Schnitt 200 Euro mehr, trotz gleicher Ausbildung.

Helfen da auch Maßnahmen wie eine Frauenquote?

Brefeld: Eine Frauenquote ist wichtig, wenngleich ich ganz persönlich keine große Freundin der Frauenquote bin. Ich weiß, dass Frauen gut sind. Wenn Frauen mehr Selbstbewusstsein hätten und sich präsenter machten, würden sie auch mehr gesehen. Ein großes Problem sind die gut funktionierenden Seilschaften unter den Männern. Da, wo Männer sind, kommen auch Männer hin und da bleiben auch Männer. Das muss durchbrochen werden. Dabei hoffe ich auf die jetzt 20- bis 30-jährigen Frauen. Die müssen sich noch mehr vernetzen und Männern auf Augenhöhe begegnen.

Wie wichtig finden Sie dabei eine geschlechtergerechte Sprache, etwa Doppelnennungen wie bei „Bürgerinnen und Bürgern“?

Brefeld: Das ist keine Empfehlung, ich verlange das! Das ist zwingend. Wir Frauen haben doch das Recht, dass Männer und Frauen gleichermaßen genannt werden. Es nimmt doch nicht mehr Zeit für mich in Anspruch, „Liebe Kolleginnen und Kollegen“ statt nur „Liebe Kollegen“ zu sagen. Und sonst gibt es ja auch noch die Möglichkeit, neutrale Formen wie „Beschäftigte“ zu wählen.

Und warum machen es trotzdem die wenigsten?

Brefeld: Aus reiner Bequemlichkeit. Wenn wir das zum Beispiel an Schulen schon praktizieren würden, dann würden es die nächsten Generationen gar nicht mehr anders kennen und nicht mehr anders sagen.

Wenn sie auf Ihre 17 Jahre als Gleichstellungsbeauftragte von Gronau und auf die vorherigen zweieinhalb Jahre als Stellvertreterin schauen: Worauf sind Sie besonders stolz?

Brefeld: Wir haben keine Frauen mehr, die in Erziehungszeit gehen und mit einem neuen Arbeitsvertrag hier anfangen. Das geht aber schon auf das Konto meiner Vorgängerin. Stattdessen gibt es bei Frauen, die aus der Elternzeit wiederkommen, nur eine Stundenreduzierung mit der Möglichkeit, wieder aufzustocken. Und bei Vorstellungsgesprächen werden die Gleichstellungsbeauftragten immer berücksichtigt. Ich möchte gerne, dass wir in allen Bereichen paritätisch besetzt sind, nicht nur in den unteren und mittleren Lohngruppen. Das hat die Stadt Gronau fast erreicht.

Glauben Sie, dass Sie als Gleichstellungsbeauftragte irgendwann überflüssig werden?

Brefeld: Ich hoffe es. Aber ich glaube nicht, dass ich das in meinem Leben noch erleben werde. Da muss noch mehr passieren. Gleichstellung ist dann erreicht, wenn es egal ist, ob es sich um Hermann oder Hermine handelt.

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