Klimaflüchtlinge Kabeljau und Dorsch
„Die Welt muss aufwachen“

Gronau/Bremerhaven -

Die Veröffentlichung kam genau zum richtigen Zeitpunkt: Just vor Beginn des UN-Weltklimagipfels in Kattowitz gingen Dr. Daniela Storch und ihre Kollegen beim Alfred-Wegener-Institut mit alarmierenden Ergebnissen ihrer Forschungen an die Öffentlichkeit. Fazit, so die aus Gronau stammende Meeresbiologin: „Wenn wir es nicht schaffen, unter zwei Grad Klimaerwärmung zu bleiben, werden viele Fischhabitate wegfallen.“

Samstag, 15.12.2018, 10:00 Uhr
Der Polardorsch (o.) leidet unterm Klimawandel. Dr. Daniela Storch bemüht sich um Schadensbegrenzung. Foto: Hauke Flores/Sina Löschke

Dabei geht es (noch) nicht dem Menschen an die Existenz, sondern an die von Fischen – „unsere beiden“, wie sie Dr. Storch nennt: Polardorsch und Kabeljau. Am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven haben Dr. Daniela Storch und ihre Kollegen erstmalig gekoppelt an verschiedene Klimamodelle im Experiment nachgewiesen, wie steigende Temperaturen und eine zunehmende „Versauerung“ des Ozeans die Laich- und Bruthabitate bestimmter Meeresbewohner bedrohen. „Bei beiden Spezies“, so der Forschungsbericht, „kann schon ein leichter Temperaturanstieg den Tod der Eier oder Deformationen bei den Larven hervorrufen.“

Welche Auswirkungen es weiter hat, wenn die beiden prominenten Futter- und Speisefische in ihrem Bestand bedroht sind, veranschaulichen Zahlen wie diese: „Die Norweger und die Russen fischen 800 000 Tonnen Kabeljau jedes Jahr.“ Beide Fischarten brauchen zum Laichen niedrige Temperaturen. Erwärmt sich der Ozean, gibt es für sie nur drei Möglichkeiten: Anpassung, Abwanderung, Tod. In der Folge fehlt dann nicht nur ein beliebter Speisefisch auf unseren Tellern, sondern auch ein wichtiges Glied in der Nahrungskette für andere Tiere: Robben, Wale und viele Vogelarten.

Drei Szenarien haben die Bremerhavener Forscher durchgespielt: „Business as usual“, eine moderate Erwärmung und ein Szenario, das das vom UN-Weltklimarat ausgegebene 1,5-Grad-Ziel einhält. Sie zeigen drastisch, was passiert, wenn alles so weitergeht wie bisher: „In der Region um Island und Norwegen werden bis zu 60 Prozent weniger Dorschlarven aus den Eiern schlüpfen.“

Aber hilft sich die Natur nicht selbst? „Es scheint, dass es mit dem Klimawandel zu schnell geht für eine Anpassung“, erklärt Expertin Storch. Erste Abwanderungen würden dagegen schon beobachtet. Aber: „Ob beispielsweise der Kabeljau neue Laichgebiete erschließen kann, ist fraglich“, führt sie aus. „Die sind auch abhängig von Strömungsbedingungen und Verfügbarkeit von Futter.“ Damit es nicht zum Äußersten, also zum Absterben ganzer Bestände oder Arten kommt, müsse dringend reagiert werden. Mit einem besseren, über nationale Grenzen hinweg agierenden Fischereimanagement etwa, das berücksichtigt, wenn ein Bestand in einer sensiblen Phase des Laichens oder der Larvenentwicklung ist. „Ein Kabeljaubestand macht sich nichts aus nationalen Grenzen“, so Storch.

Hier setzt auch die weitere Forschungsarbeit von Dr. Daniela Storch und ihrem Team an: „Wir arbeiten jetzt an einer weiteren Veröffentlichung, wo wir uns die Mechanismen angucken“, erklärt die Wissenschaftlerin. „Wir versuchen herauszufinden, warum manche Phasen der Entwicklung von Eiern und Larven sensibler sind als andere.“ Hieraus könnten wiederum Empfehlungen für ein verbessertes Fischereimanagement abgeleitet werden.

Außerdem hofft sie für die weitere Arbeit auf noch bessere, detailliertere Klimamodelle. „Dann könnten wir noch bessere Prognosen machen.“

Drei Faktoren bestimmen das Leben der Meeresbewohner: Temperatur, Sauerstoffgehalt und Kohlendioxid im Wasser. Steigt die Temperatur, erhöht sich der Stoffwechsel der Tiere und damit ihr Sauerstoffbedarf. Gleichzeitig stoßen die Organismen mehr Kohlendioxid aus, das sich im Wasser löst. Diese „Versauerung“ lässt wiederum die Temperatur ansteigen. Ein Teufelskreis, der für manche Meeresbewohner schon jetzt fatal ist. „Irgendwann ist es zu warm und der Energiebedarf der Tiere kann nicht mehr gedeckt werden.“ Viele Arten in den Tropen seien „schon an der Grenze“, so Storch. „Korallen etwa können nicht abwandern.“

Darum geht es bei ihrer Forschung längst nicht nur um wissenschaftlichen Ehrgeiz. „Die Welt muss aufwachen, muss loslegen.“ Die Welt? Alle. Jeder Einzelne könne dazu beitragen, weniger Kohlendioxid auszustoßen. Dr. Storch: „Es ist wichtig, dass wir uns auch gesellschaftlich anpassen.“ Was das heißt? Die Wissenschaftlerin lacht. „Weniger Autofahren, zum Beispiel. Weniger Fleisch essen.“

Heute geht die UN-Klimakonferenz zu Ende. Bleibt die Frage, wie es weitergeht – mit dem Polardorsch, dem Kabeljau, dem Klima. Seit der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse habe das Telefon nicht mehr stillgestanden, erklärt Dr. Storch. Sie mag ihren Optimismus nicht aufgeben. Noch könne etwas getan werden, betont sie. Noch sei die Veränderung der Lebensbedingungen für ihre beiden Fische tolerierbar. „Wenn wir die Erwärmung unter zwei Grad halten, könnte man mit geringen Einbußen für beide Arten leben.“ Noch seien ihre Forschungsergebnisse „eine starke Warnung“. Noch sei es nicht zu spät. Und: Die Politik begreife, dass auch der wirtschaftliche Schaden enorm sei, werde nicht reagiert. Inzwischen dämmere es vielen aber, dass es günstiger sei, jetzt Energie da hinein zu stecken, die weitere Erwärmung zu verhindern. „Ich denke, unser Papier hat verdeutlicht, dass es den Fischen an den Kragen geht, wenn man nicht mit aller Gewalt versucht, dem Einhalt zu gebieten.“ Ihre Forschungen hätten den UN-Sonderbericht zur Klimaerwärmung bestätigt. „Es ist angekommen, dass es brennt.“

Dr. Daniela Storch

Dr. Daniela Storch Foto: Sina Löschke

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