Besichtigung des Jüdischen Friedhofs
Eine Reise in die Geschichte

Gronau -

Normalerweise versperrt ein Tor den Zugang zu diesem besonderen Ort. Am Sonntagnachmittag stand es weit offen – und lud ein, zu einer Entdeckungsreise in die Geschichte. Zum Besuch des Jüdischen Friedhofes an der Vereinsstraße hieß Rudolf Nacke im Namen des Arbeitskreises „Woche der Erinnerung“ und auch des Förderkreises „Alte Synagoge Epe“ mehr als 50 interessierte Besucher willkommen.

Dienstag, 06.11.2018, 09:50 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 06.11.2018, 09:33 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 06.11.2018, 09:50 Uhr
Rund 50 Besucher nutzten am Sonntag die Gelegenheit, im Rahmen der „Woche der Erinnerung“ an einer Führung über den Jüdischen Friedhof an der Vereinsstraße teilzunehmen. Foto: Klaus Wiedau

Vor dem Betreten des kleinen Friedhofes setzte Nacke die Kippa auf, die Kopfbedeckung, die Juden beim Besuch von Synagoge und Friedhof tragen. Nacke tat es, wie er sagte, aus Ehrfurcht vor den Toten, aber auch vor all jenen, „die nicht bis hierher gekommen sind“, wie er mit Blick auf den gewaltsamen Tod vieler Juden in Konzentrationslagern während des Nationalsozialismus anmerkte.

Um 1828 angelegt, diente der Friedhof bis 1936 als Begräbnisstätte für jüdische Mitbürger aus Gronau, Epe und Nienborg. Der älteste Grabstein ist der von Hirsch Weyl (gestorben 1828), als letzte wurde auf dem Friedhof 1936 die Haushälterin Sophie Steilberg beigesetzt. Ihr Urgroßvater fiel, wie Nacke berichtete, 1783 einem Meuchelmord zum Opfer und lieferte Annette von Droste-Hülshoff den Stoff für ihr Werk „Die Judenbuche“.

Jüdische Friedhöfe unterscheiden sich von anderen Begräbnisstätten unter anderen dadurch, dass die Gräber nicht auf Zeit erworben werden, sondern als sogenannte Ewigkeitsgräber den Toten dazu dienen, auf den Tag zu warten, an dem der Messias kommt. Wohl auch mit Blick darauf werden die jüdischen Grabanlagen auch „Haus der Ewigkeit“ genannt.

Vor diesem Hintergrund sei es höchstes Ziel aller Juden, einen solchen friedlichen Platz zu finden, um die Ankunft des Messias abzuwarten. Der millionenfache Tod von Juden in den Konzentrationslagern stehe im krassen Widerspruch zu dieser jüdischen Vorstellung vom Tod und sei insofern eine „doppelte Vernichtung“ gewesen, wie eine Besucherin anmerkte.

Nacke erinnerte an viele jüngere Juden, die einst in Gronau gelebt haben und eigentlich auf diesem Friedhof ihre letzte Ruhestätte hätten finden sollen: Henriette Lebensstein etwa, 1928 geboren und 1941 in Ausschwitz gestorben. Oder Edith und Ernst Lebenstein, Hannelore Eichenwald sowie Bernhard und Gretel Pagener.

Heinz Krabbe, Mitglied des Förderkreises „Alte Synagoge Epe“ und als Gästeführer in der Enscheder Synagoge tätig, ging auf Fragen aus dem Kreis der Besucher auf jüdische Begräbnisrituale ein. Er berichtete zudem über die Synagoge in Enschede. Erhalten blieb sie, weil das Gebäude während der Besatzung durch die Nationalsozialisten zum Hauptquartier des Sicherheitsdienstes der SS umgewidmet wurde. In die umliegenden Häuser jüdischer Familien seien gleichzeitig die dort tätigen Offiziere eingezogen.

Im Kreis existiert von den einstmals 13 Synagogen nur noch die in Epe, für deren Sanierung und Erhalt sich der Förderkreis „Alte Synagoge Epe“ einsetzt. In das Konzept des Hauses, das Kultur- und Erinnerungsstätte werden soll, wollen die Verantwortlichen auch den jüdischen Friedhof einbeziehen.

Nacke berichtete, dass es in der Stadt heute zahlreiche sogenannte Stolpersteine gibt, die an den letzten Wohnsitz jüdischer Mitbürger in Gronau erinnern. Dass es nicht mehr sind, hängt damit zusammen, dass jeweils nur am letzten Wohnsitz ein solcher Stolperstein verlegt wird. Rund 20 bis 30 Prozent der jüdischen Mitbürger seien aber vor den Nazis nach Holland geflohen – in eine trügerische Sicherheit, wie sich nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die Niederlande herausstellte.

54 Grabmale gibt es auf dem jüdischen Friedhof, darunter auch solche, auf denen die Texte auf Althebräisch verfasst sind. Eine Besonderheit sind auch sogenannte Paargräber, in denen Eheleute bestattet wurden. In den 1950er-Jahren wurde die Pflege des Friedhofes von der Stadt übernommen. Das ist wohl auch der Grund, warum die kleine Anlage sich heute als friedlicher Ort – eben als Haus der Ewigkeit – präsentiert.

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