Blickpunkt der Woche
Neue Debatte um legalen Hanfanbau in Enschede: Idee ist eine Diskussion wert

Der künftige Bürgermeister von Enschede spricht sich für legalen Cannabis-Anbau aus – und der Aufschrei in Gronau bleibt aus.

Montag, 13.07.2015, 07:51 Uhr
Veröffentlicht: Montag, 13.07.2015, 01:44 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Montag, 13.07.2015, 07:51 Uhr
Der künftige Bürgermeister Enschedes möchte den Hanf-Anbau legalisieren. Ob Gronaus Nachbarstadt dann zur „Joint-City wird, bleibt abzuwarten . . . Foto: Schwarze-Blanke

Ganz anders als 1982. Damals hatte die Stadt Enschede den Verkauf von Haschisch und Marihuana im dortigen Jugendzentrum „Kokerjuffer“ erlaubt. Die Sache schlug weltweit Wellen. Die Politik in Gronau fürchtete um die Gesundheit der heimischen Jugend durch ungehemmten Zugang zu Drogen. Selbst die gerade angetretene Regierung von Bundeskanzler Kohl mischte sich ein.

Dabei war die hinter dem Beschluss des Enscheder Rats liegende Absicht durchaus bedenkenswert. Denn Realität war – und ist noch heute: Ein Teil der Jugendlichen kifft nun mal. Der Handel mit Drogen ist zwar nicht erlaubt, doch er wird größtenteils toleriert. Das sogenannte Opportunitätsprinzip im niederländischen Recht erlaubt es den Staatsanwälten, „nach pflichtgemäßem Ermessen“ zu entscheiden, ob sie Ermittlungen aufnehmen. Da den Staatsanwälten die Verfolgung richtiger Krimineller wichtiger ist als die von jugendlichen Kiffern, herrschte schon damals landesweit eine Duldung des Drogenhandels, zumindest in gewissen Grenzen.

Doch die Dealer waren (und sind) nicht unbedingt vertrauenswürdig. Was sie ihren Kunden anboten, war oft alles andere als nur das als weiches Rauschgift geltende „Wiet“. Viele Dealer hatten auch harte Drogen im Angebot. Um diesen Kriminellen das Wasser abzugraben, fungierte damals ein Mitarbeiter des Kokerjuffer als eine Art „Hausdealer“, der an die Kunden bis zu vier Gramm Haschisch verkaufen durfte. Zu günstigeren Preisen als auf der Straße und mit der Garantie, dass dem Dope keine anderen Mittelchen beigemischt waren. Zudem wurden die Käufer mit Broschüren über die gesundheitlichen Gefahren des Drogenkonsums aufgeklärt.

Das Experiment währte gerade mal vier Wochen. Der Druck aus dem Ausland wuchs, durch die – von Enscheder Seite nicht gewollte – Publizität kamen immer mehr junge Leute auch aus Deutschland in das Jugendzentrum, um sich mit Dope einzudecken. Die ganze Sache geriet aus dem Ruder, sodass der zuständige Staatsanwalt den Stecker zog.

Und nun kommt Onno van Veldhuizen und spricht sich dafür aus, den Anbau von Cannabis zu legalisieren. Dass diese Aussage in Gronau nicht zu einem Aufschrei führt wie vor 33 Jahren, liegt zum einen daran, dass die aktuelle Koalition im Enscheder Rathaus sich einig ist, in dieser Rats­periode keine Experimente in Sachen Drogenpolitik zu machen. Die bestehenden Coffeeshops werden toleriert, so lange sie sich an die Regeln halten. Wenn nicht, werden sie zeitweise geschlossen.

Zudem ist die Diskussion nicht neu. Und van Veldhuizen steht mit seiner Ansicht nicht allein. Auch der frühere Bürgermeister Peter den Oudsten war für eine Legalisierung.

Van Veldhuizen vertritt mit seiner Ansicht die Position seiner Partei, der linksliberalen Democraten ’66 (D’66). Die findet es paradox, dass der Verkauf und Konsum von Cannabisprodukten in Coffeeshops zwar geduldet wird – es allerdings keine legale Art gibt, die Hanfpflanze anzubauen. Konsequenz: Cannabis wird illegal angebaut, in angemieteten Hallen, in Kellern, in Wohnhäusern. Unter teils abenteuerlichen Umständen: Es wird illegal Strom abgezapft, es kommt zu Bränden. In diesem Umfeld sind auch Schwerkriminelle unterwegs.

D’66 will durch die Legalisierung den Hanfanbau und -handel unter Kontrolle bringen. Das hätte den Vorteil, nicht kalkulierbare Gesundheitsrisiken für den Konsumenten zu minimieren. Denn Gefahren gibt es durchaus: Der Gehalt des rauschauslösenden Wirkstoffs THC in Cannabispflanzen hat sich nämlich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich erhöht. So stark, dass einige Experten nicht mehr von einer „weichen“ Droge sprechen. Bei legalem Anbau könnte der THC-Gehalt kontrolliert werden. Der legale Handel könnte den illegalen unattraktiv machen. Die Polizei hätte Kapazitäten für andere Strafsachen. Nicht zuletzt würde der legale Anbau/Handel Steuern in die niederländischen Staatskasse spülen.

Dass es keinen Aufschrei in Gronau gibt, liegt auch daran, dass sich die Diskussion um Haschisch und Marihuana in den vergangenen Jahren deutlich entkrampft hat. Auch hierzulande hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass nicht jeder, der einen Joint raucht, automatisch im Drogensumpf versackt. Gesundheitsgefahren gibt es gleichwohl, und sie sollten nicht bagatellisiert werden. Auch Haschisch und Marihuana bergen Suchtpotenzial, psychische Erkrankungen können Folge übermäßigen Genusses sein. Das immer wieder gehörte Argument, Haschisch sei eine Einstiegsdroge, ist dagegen schwach. Zwar stimmt es, das die allermeisten Konsumenten harter Drogen mit weichen Drogen angefangen haben – doch bedeutet das im Umkehrschluss nicht, dass jeder Hanfkonsument gleich schwerstabhängig wird. Sonst müsste ja auch aus jedem Biertrinker zwangsläufig ein Alkoholiker werden . . .

Die mit dem illegalen Anbau zusammenhängende Kriminalität ist übrigens schon längst in der deutschen Grenzregion angekommen. In Gronau wurden erst im Mai über 1500 Pflanzen entdeckt und vernichtet, im vergangenen Jahr gab es Prozesse gegen Plantagenbetreiber aus Epe.

Ob ein totales Cannabis-Verbot den Konsum zurückdrängen könnte? Wohl kaum. Auch die Prohibition in den USA der 20er- und 30er-Jahre erwies sich als Flop. Getrunken wurde nach wie vor, und Kriminelle verdienten sich eine goldene Nase am Alkoholschmuggel.

Der Kriminalität könnte durch legalen Anbau ein Riegel vorgeschoben werden. Wichtiger aber scheint mir die weitere, intensive Aufklärung gerade junger Leute über die gesundheitlichen Gefahren aller Arten von Drogen. Legaler und illegaler. Ehrlich, aber ohne Panikmache.

Dass Erfolge gegen Rauschmittel möglich sind, zeigt sich meines Erachtens im Bereich Tabak. Viele junge Leute finden es heute völlig uncool zu rauchen. Vor 30, 40 Jahren hatten Zigaretten noch ein ganz anderes Image.

Ob der D’66-Vorschlag nach den nächsten Wahlen umgesetzt wird und in Enschede ein Pilotprojekt startet? Das bleibt abzuwarten, zumal die Idee auch in den Niederlanden umstritten ist. Der Ansatz ist aber wert, diskutiert zu werden. Vorausgesetzt, die Umsetzung geht mit weiteren Maßnahmen einher. Denn ein Eindruck darf nicht entstehen: dass der Konsum von Suchtmitteln – auch wenn die Restriktionen gelockert werden – gar keine Konsequenzen für die Gesundheit hat.

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