Viel Bürokratie, wenig Kontrolle
Landwirte zum geplanten neuen „Tierwohl“-Label

Lüdinghausen -

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner plant ein neues „Tierwohl“-Label. Bei heimischen Landwirten stößt sie dabei aber eher auf Skepsis. Wichtiger als ein neues „Tierwohl“-Label ist aus Sicht von Jan-Bernd Edelbusch und Klemens Schürmann eine veränderte Politik, aber auch ein anderes Verbraucherverhalten.

Dienstag, 12.02.2019, 08:00 Uhr
Helmut Feldkamp wie auch seine Berufskollegen Jan-Bernd Edelbusch und Klemens Schürmann sind von der Idee eines neuen „Tierwohl“-Labels nicht überzeugt. Foto: shutterstock/privat/wer

Der bundesdeutsche Durchschnittshaushalt gibt etwa zehn Prozent seines Einkommens für Lebensmittel aus. Das ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ein deutlich geringerer Anteil. Der Durchschnitt liegt bei etwa 23 Prozent. Die für kulinarische Feinheiten bekannten Franzosen und Italiener investieren wesentlich mehr ihres privaten Budgets für Fleisch, Obst und Gemüse.

„Das hat auch etwas mit Wertschätzung für die Lebensmittel zu tun“, ist Klemens Schürmann überzeugt. Der Fleischermeister, der auf seinem Hof in Brochtrup selbst noch 30 Rinder hält und seit 30 Jahren Fleisch im eigenen Hofladen direkt vermarktet, hat einen besonderen Blick für Qualität. Und genau aus diesem Grund sieht er die neue Initiative von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner in Sachen „Tierwohl“-Label kritisch.

Helmut Feldkamp

Helmut Feldkamp Foto: privat

Zum einen ist er überzeugt: „Die Leute kaufen nach Preis.“ Und: Wenn ein Schwein erst einmal zerlegt sei, könne tatsächlich nur noch schwer nachvollzogen werden, „woher es kommt. Er muss glauben, was etwa in der Fleischtheke beim Discounter geschrieben ist.“

Wir in unseren kleinen Betrieben können den Kunden noch den Nachweis über die Herkunft der Tiere geben.

Klemens Schürmann

Auf der sicheren Seite sei der, der regional – „beim Metzger seines Vertrauens“ – einkaufe. „Wir in unseren kleinen Betrieben können den Kunden noch den Nachweis über die Herkunft der Tiere geben“, sagt er. Er findet für diese Einschätzung Unterstützung bei Jan-Bernd Edelbusch. Die beiden verbindet eine schon seit drei Jahrzehnten währende Geschäftsbeziehung. Edelbuschs Hof liegt nur durch eine Landstraße getrennt dem schürmannschen Betrieb gegenüber. Von dort stammen die Schweine, die Schürmann als Kotelett oder Schnitzel in seinem Laden verkauft.

Das Problem vor allem für die kleinen Betriebe seien die Groß-Schlachtereien. „Die bestimmen den Markt und verhandeln die Preise mit den Discountern“, sagt Edelbusch. Dem sei der normale Landwirt ausgeliefert. Er selbst arbeitet in seinem Betrieb seit drei Jahren nach den Vorgaben der Initiative „Tierwohl“ – finanziert von verschiedenen Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels. Und das aus eigenem Interesse, wie er betont. So biete er seinen rund 700 Schweinen unter anderem mehr Platz im Stall, Spielmöglichkeiten sowie Raufutter. Unangemeldete Kontrollen etwa alle drei bis vier Monate stellten sicher, dass er sich an die Vorgeben hält.

Jan-Bernd Edelbusch (l.) und Klemens Schürmann

Jan-Bernd Edelbusch (l.) und Klemens Schürmann Foto: wero:

Wichtiger als ein neues „Tierwohl“-Label ist aus Sicht von Edelbusch und auch Schürmann eine veränderte Politik. Das Motto „Immer größer, immer mehr“ habe ausgedient. Zugleich müsste sich das Verhalten der Verbraucher ändern, die Einstellung zur Ernährung. In allen Bereichen der Landwirtschaft müsse ein Umdenken stattfinden, bei Landwirten, Handel und Verbrauchern. Es habe eine Entfremdung eingesetzt: „Die Nutztierhaltung wird vermenschlicht“, sagt Edelbusch.

Auch Helmut Feldkamp setzt auf Fleisch aus kleinerer Haltung als Sicherheit für Qualität. Der Fleischermeister mit eigenem Laden in der Seppenrader Bauerschaft Ondrup produziert so schon seit 1978. „Fleischkauf ist Vertrauenssache. Wir wissen, wo es herkommt“, lautet seine Devise, mit der er seine Kundschaft zu überzeugen versucht. Und die kommt sogar aus dem Ruhrgebiet.

Fleischkauf ist Vertrauenssache. Wir wissen, wo es herkommt.

Helmut Feldkamp

So ist er ebenso wie sein Lüdinghauser Berufskollege Klemens Schürmann nicht sonderlich überzeugt von immer wieder neuen von der Politik propagierten Labels, Etiketten und anderem mehr. Die seien mit „großem bürokratischen Aufwand verbunden. Aber wirklich nachhalten, kann man das nicht“, bringt er solchen Maßnahmen wenig Vertrauen entgegen.

Feldkamp setzt vielmehr auf das Regionale. Seine Tiere würden in einer kleinen Schlachterei in Dülmen geschlachtet. Das Rindfleisch kommt vom eigenen Hof, die Schweine von zwei Landwirten in der Nachbarschaft, mit denen er seit vielen Jahren zusammenarbeitet. Und genau diese Verlässlichkeit wüssten die Kunden zu schätzen. Dafür brauche es kein neues Label.

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