Bahnunternehmen fehlt Fachpersonal
Lokführer verzweifelt gesucht

Münster/Düsseldorf -

Verspätete Züge, gestrichene Verbindungen und genervte Pendler: Bei den Nahverkehrszügen in Nordrhein-Westfalen lief im Herbst vieles nicht rund. Ein Grund dafür: Der Branche fehlen Lokführer. Mit einer Werbekampagne wollen die Bahnunternehmen nun gemeinsam für den Beruf werben und neue Arbeitskräfte gewinnen. Doch es wird auch untereinander gekämpft.

Freitag, 08.02.2019, 19:00 Uhr aktualisiert: 08.02.2019, 19:32 Uhr
Unterwegs mit dem Zug von Münster in Richtung Warendorf: Dass überall oft Züge ausfallen, liegt auch daran, dass den Unternehmen die Lokführer fehlen. Foto: Gunnar A. Pier

„Wir haben zu lange am Limit gearbeitet, dann kann schon eine Kleinigkeit das zu eng geplante System zusammenbrechen lassen“, sagt Peter Stemmler, Mitglied bei der Gewerkschaft der Lokführer und Betriebsrat bei der Nordwestbahn , die unter anderem von Borken nach Essen und von Coesfeld nach Dorsten fährt.

Das Unternehmen war vor Kurzem vom Verkehrsverbund Rhein-Ruhr abgemahnt worden, weil immer wieder Züge ausfallen – genau wie kurze Zeit später auch DB-Regio. Als Grund gibt die Nordwestbahn einen hohen Krankenstand bei den Lokführern an.

Lokführer sind bundesweit Mangelware. So sucht die Eurobahn, die zum Beispiel von Münster nach Dortmund, Osnabrück, Rheine und Bielefeld fährt, nach Angaben von Sprecherin Nicole Pizzuti derzeit rund 120 Lokführer.

Fachkräfte werden abgeworben

Wie erbittert der Kampf um Fachkräfte mitunter geführt wird, zeigt ein Schreiben, das beim Marktführer Deutsche Bahn aktuell für Unmut sorgt. Konkurrent National Express gibt darin seinen Lokführern Hinweise, wie man Kollegen der Bahn am besten abwerben kann.

Das Unternehmen bedient beispielsweise die Linie Rheine–Münster–Krefeld. Die Bahn reagiert empört: Anstatt auf diese unangemessene Weise Mitarbeiter abzuwerben, solle man frühzeitiger und konsequenter in Ausbildung investieren.

Bahnunternehmen haben das Thema jahrelang verschlafen und zu wenig ausgebildet und eingestellt.

Stefan Mousiol, Sprecher der Gewerkschaft der Lokführer

Mit dem Ansatz fährt nach Angaben von Unternehmenssprecher André Rahmer die Westfalenbahn sehr gut. „Wir bilden selber aus“, sagt er. Gerade haben 14 Teilnehmer ihren Lehrgang abgeschlossen und wurden direkt übernommen.

Westfalenbahn setzt auf den Nachwuchs

Die Westfalenbahn fährt unter anderem auf den Linien Emden–Rheine–Münster und von Rheine über Ibbenbüren und Osnabrück nach Ostwestfalen. Der nächste Lehrgang beginnt im Mai. Rahmer ist optimistisch, dass die 16 Plätze wieder vergeben werden.

Und wer einmal beginnt, hat ausgesprochen gute Job-Aussichten. Denn alle NRW-Bahnunternehmen wollen auf dem schwierigen Bewerbermarkt punkten. „Gerade vor dem Hintergrund des bundesweiten Fachkräftemangels genießt der gesamte Bereich des Personalmarketings bei uns eine hohe Priorität“, sagt etwa Karin Punghorst von der Nordwestbahn (NWB).

Mehr als 1,3 Millionen Euro investiere die NWB in Anwerbung und Ausbildung von Personal. Wegen Zugausfällen kommt das Unternehmen seit Wochen nicht aus den Schlagzeilen.

„Der Arbeitsmarkt für Lok- und Triebfahrzeugführer ist so gut wie leergefegt“, sagt Punghorst. Die Branche wächst, zudem gehen viele altgediente Lokführer in den Ruhestand. Als dritten Grund führt die NWB-Sprecherin die von den Gewerkschaften zuletzt ausgehandelte Möglichkeit ins Feld, zwischen mehr Gehalt und mehr Urlaub wählen zu können: Die Mehrzahl setze auf ein Urlaubsplus.

Einsteiger bekommen hohe Prämien

„Die Bahnunternehmen haben das Thema jahrelang verschlafen und zu wenig ausgebildet und eingestellt“, kritisiert Stefan Mousiol, Sprecher der Gewerkschaft der Lokführer. Nun werde zwar nachgesteuert, aber die Maßnahmen griffen nur zeitverzögert. Schlüssel für mehr Bewerber seien die Arbeitsbedingungen, die sich nach und nach verbessern müssten, fordert der Gewerkschaftler.

Und so kämpft auch jeder Arbeitgeber weiter für sich: Die Unternehmen haben längst eigene Ausbildungs- und Quereinstiegsprogramme angeschoben, werben für sich als fortschrittliches oder junges Team, auch Antritts- und Treueprämien werden gezahlt. So zahlt die Nordwestbahn Einsteigern bis zu 1500 Euro nach erfolgreicher Probezeit.

Triebfahrzeugführer: Ausbildung und Suche

► Voraussetzungen: Wer Triebfahrzeugführer werden möchte, muss in der Regel eine Tauglichkeitsprüfung bestehen. Dabei geht es um die gesundheitliche und psychologische Eignung. Sie müssen etwa bei der Westfalenbahn 20 Jahre alt sein.

► Gehalt: Das Einstiegsgehalt liegt laut Tarif bei 2925 Euro. Hinzu kommen Zuschläge, die monatlich variieren, wie Schichtzulagen an Feiertagen und nachts.

► Kampagne: Im Herbst vergangenen Jahres hatten sieben im nordrhein-westfälischen Schienennahverkehr aktive Unternehmen beschlossen, die Kräfte bei der Personalsuche zu bündeln. Eine gemeinsame Werbekampagne wurde auf den Weg gebracht. Schlagersänger Guildo Horn soll als Kampagnen-Gesicht bei Berufs- oder Quereinsteigern Interesse wecken.

►  Auftakt: NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) wirbt für einen Schulterschluss der konkurrierenden Unternehmen im Sinne der Fahrgäste. „Sich gegenseitig Personal abzuwerben, gehört nicht dazu. Das ist ungefähr so, als wenn sich zwei nackte Männer gegenseitig in die Tasche greifen.“ Am kommenden Donnerstag stellt er in Düsseldorf ein Programm von sieben Unternehmen vor, das etwa die Erstattung von Ausbildungskosten bei Arbeitgeberwechseln vorsieht.  

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