Per Instagram gegen das Stigma
Online-Psychotherapeutin klärt über psychische Erkrankungen auf

Ibbenbüren -

Anke Glaßmeyer hatte zwei Jahrzehnte mit einer Essstörung zu kämpfen. Als sie mit elf Jahren in eine Klinik in Münster eingeliefert wurde und dort den wenig einfühlsamen Umgang mit Patienten erlebt, schwor sie, es einmal besser zu machen. 

Donnerstag, 20.12.2018, 19:06 Uhr
Mit dem Handy in der Hand: Anke Glaßmeyer klärt im Netz über psychische Erkrankungen auf. Foto: Wilfried Gerharz

Heute ist die Ibbenbürenerin 31, Psychotherapeutin – und versucht bei Instagram unter dem Namen „diepsychotherapeutin“, psychische Krankheiten zu entstigmatisieren. Für jeden verständlich aufbereitet, klärt sie in ihren Posts darüber auf, was sich hinter einer Diagnose verbirgt, was in einer Therapie passiert und wie man als Angehöriger helfen kann.

Zuerst war der Instagram-Account nur als Lernhilfe für ihre Abschlussprüfung zur Psychotherapeutin gedacht, inzwischen folgen Glaßmeyer über 7000 Menschen. Die Community ist froh darüber, dass psychische Erkrankungen vorbehaltlos thematisiert werden, denn immer noch herrschen Vorurteile psychisch Erkrankten gegenüber. Dabei bekommt laut einer Studie der Deutschen Depressionshilfe fast jeder Fünfte einmal im Leben eine Depression, eines der häufigsten psychischen Leiden in Deutschland. Trotzdem glauben ebenso viele Menschen, dass ein Leben nach dem Motto „Reiß dich zusammen und iss Schokolade“ eine geeignete Behandlung darstellt.

Mehrere Appelle an Gesundheitsminister Jens Spahn

Sogar Erkrankte selbst haben oft jede Menge Vorbehalte gegen eine Therapie. „Es ist keine Schande, sich Hilfe zu holen, sondern demonstriert Stärke. Ich will zeigen, dass Psychotherapie auch Spaß machen kann“, sagt Glaßmeyer. Manche Patienten trauten sich auch während der Behandlung nicht, ihren Therapeuten gewisse Dinge zu fragen. Deswegen beantwortet Glaßmeyer auch Fragen zum Umgang miteinander: Wieso grüßt meine Therapeutin mich nicht? Darf ein Therapeut mehrere Familienmitglieder behandeln und dürfen wir nach der Therapie befreundet bleiben?

Auch oft Thema auf ihrem Instagram-Profil ist, dass man im Durchschnitt 19 Wochen auf einen Therapieplatz warten muss. Dabei gebe es genügend Therapeuten, allerdings dürfen nur diejenigen mit einem sogenannten Kassensitz Kassenpatienten behandeln. Im Vergleich zum Behandlungsbedarf seien das viel zu wenige, ärgert sich Glaßmeyer.

Sie hat auf Instagram schon mehrere Appelle an Gesundheitsminister Jens Spahn gerichtet und die Einrichtung von mehr Kassensitzen gefordert. Denn auch sie darf nur Privatversicherte und Selbstzahler behandeln. „Ich erhalte viele verzweifelte Anrufe, und es tut mir wahnsinnig leid, wenn ich diese Menschen ablehnen muss.“

Unterstützung online oder offline

Glaßmeyers Vision für die Zukunft ist eine Online-Coaching-Plattform, auf der Psychotherapeuten für alle zeitnah erreichbar sind und schnelle Hilfe garantiert ist. Sie hofft, dass so Patienten geholfen werden kann, denen wegen ihres Berufs tagsüber die Zeit für eine Therapie fehlt, die weit von den nächsten Praxen entfernt wohnen, oder die sich noch nicht trauen, sich persönlich Hilfe zu holen.

Offiziell darf das aber nicht als Therapie bezeichnet werden, da dies in Deutschland ein geschützter Begriff ist. In Großbritannien, den USA und den Niederlanden ist es hingegen bereits möglich, anerkannte Online-Therapien anzubieten. Glaßmeyer berührt es in jedem Fall, wenn Menschen durch ihre Aufklärungsarbeit den Mut finden, sich online oder offline Unterstützung zu holen. „Es ist bereichernd und ein schönes Gefühl, Hoffnung zu bieten“, sagt sie, bevor sie am Ende des Interviews ihr Handy zückt, um ein Foto zu machen. Das landet – natürlich – auf Instagram.

Bedarfsplanung für Psychotherapeuten

Wie viele Psychotherapeuten benötigt werden, legt die Bedarfsplanung fest. Grundlage der Bedarfsplanung ist eine vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) erlassene Richtlinie. Der G-BA ist das höchste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland. Er legt für jedes Fachgebiet eine Verhältniszahl fest – das heißt eine Relation von Einwohnern je Arzt. Laut Kassenärztlicher Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) vom Mai 2018 liegt der Versorgungsgrad im Kreis Steinfurt bei 163,5 Prozent. Der Kreis gilt damit als überversorgt.

Vanessa Pudlo, Pressereferentin der KVWL, räumt allerdings ein, dass „die zugrunde liegenden Messzahlen dringend einer Anpassung an die Realität bedürfen“, denn psychische Erkrankungen hätten in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Der G-BA sei mit Vorarbeiten für eine Reform der Bedarfsplanung beschäftigt. „Wann die neue Bedarfsplanungs-Richtlinie fertig ist und in Kraft tritt, lässt dich derzeit noch nicht sagen“, so Pudlo weiter.

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