Die letzte Kohle
Abschied von der Ibbenbürener Zeche

Ibbenbüren/Mettingen -

Spätestens bei der zweiten Zeile versteinern die Gesichter: „Und er hat sein helles Licht bei der Nacht, und er hat sein helles Licht bei der Nacht“. Nein, der Steiger kommt nicht mehr. Aus, vorbei. Nach fast 500 Jahren ist der Bergbau in Ibbenbüren Geschichte. Und selbst wenn Kumpel und Region seit 2007 Zeit hatten, sich auf dieses Ende vorzubereiten, so tut der Einschnitt weh. Das ist an den Gesichtern der Bergleute zu sehen.

Dienstag, 04.12.2018, 20:04 Uhr aktualisiert: 04.12.2018, 21:40 Uhr
Fünf Bergleute schieben das Tonnengefäß mit der letzten Kohle aus dem Schacht der Ibbenbürener Zeche. Die fast 500 Jahre alte Tradition des Steinkohleabbaus im Tecklenburger Land ist zu Ende. Foto: Wilfried Gerharz

„Es ist fast wie auf einer Beerdigung“, sagt Stefan Hillermann. Der Bergmann ist ausgesucht, um Ministerpräsidenten Armin Laschet den letzten Kohleklumpen zu überreichen, der in Ibbenbüren gefördert worden ist. Schweigen, als fünf Kumpel die letzte Lore mit Kohle – Bergleute sprechen von „Tonnengefäß“ – aus dem Schacht schieben. Ein schwerer Moment für die Kumpel, auch wenn die sich seit dem Kohlekompromiss 2007 darauf vorbereiten konnten.

360 Kumpel müssen Job wechseln

Zechenkonzern RAG , Gewerkschaft und auch die Region haben die Zeit genutzt. 2466 Kumpel arbeiteten damals in Ibbenbüren, aktuell sind es noch gut 600. Die Zahl wird in den nächsten Jahren weiter sinken. Niemandem ist gekündigt worden, die meisten haben den Übergang in den Vorruhestand geschafft. Rund 360 mussten oder müssen sich noch neue Jobs suchen – in der Großkonditorei Coppenrath & Wiese in Mettingen beispielsweise, bei Zulieferern für die Autoindustrie oder etwa der Feuerwehr. Die Kumpel sind gefragt, ihre Ausbildung angesehen. Denn die RAG bildete schon lange nicht mehr einfache Bergleute aus, sondern Fachkräfte wie den Elektroniker für Betriebstechnik.

Ibbenbürener Bergleute überreichen «letzte Kohle» an Laschet

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    Die Glocke schlägt noch einmal, dann öffnet sich das Tor vor dem Förderkorb. 

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Fünf Bergleute schieben eine Lore heraus. Die letzte Kohle hat das Anthrazit-Bergwerk in Ibbenbüren verlassen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Damit ist eine fast 500-jährige Tradition im Tecklenburger Land zu Ende.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Schicht im Schacht. Die vorletzte deutsche Steinkohlenzeche ist dicht.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die allerletzte, Prosper Haniel in Bottrop, soll am 21. Dezember geschlossen werden, so sieht es der 2007 geschlossene Kohlekompromiss vor.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Von einem Tag „von historischer Dimension“ sprach Zechenchef Heinz-Werner Voß, „ein einstmals zentraler Zweig deutscher Industriegeschichte geht unwiederbringlich zu Ende.“

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Das ist sicher ein schwerer Tag“, sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Es ende „ein wichtiges Kapitel in der Geschichte unseres Landes.“ 

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die letzte Kohle aus Ibbenbüren: Unter den Ehrengästen waren (von links): NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann, Bischof Felix Genn, Peter Schrimpf, Chef des Kohlekonzerns RAG, Ministerpräsident Armin Laschet, der Vorsitzende der RAG-Stiftung Bernd Tönjes, Ibbenbürens Bürgermeister Marc Schrameyer, Zechenchef Heinz-Werner Voß, Mettingens Bürgermeisterin Christina Rählmann, Arbeitsdirektor Jörg Buhren-Ortmann, Betriebsratschef Uwe Wobben (hinten) und Hörstels Bürgermeister David Ostholthoff. 

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Acht Steinkohle-Bergwerke mit 33.000 Bergleuten gab es noch in Deutschland, bevor 2007 der Bund sowie die Kohleländer NRW und Saarland sich darauf einigten, dass der subventionierte Steinkohlenbergbau 2018 enden würde – und zwar ohne Entlassungen, in einem sozialverträglichen Sinkflug.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die meisten Kumpel schafften den Übergang in die „Anpassung“, den Vorruhestand.

    Foto: Wilfried Gerharz
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  • Doch selbst wenn Kumpel und Region seit 2007 Zeit hatten, sich auf dieses Ende vorzubereiten, so tut der Einschnitt weh. 

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  • Die Schutzpatronin, die heilige Barbara, durfte beim Abschied am Barbaratag nicht fehlen. 

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Laschet würdigt Leistung

Die Kohlebrocken, die Laschet und Ibbenbürens Bürgermeister Marc Schrameyer entgegennehmen sind schon vor längerer Zeit beiseite gelegt worden. Am 17. August ist die letzte Kohle unter Tage abgebaut worden im Flöz 53 – ohne öffentliche Beteiligung. Förderende. An dem Tag wollten die Kumpel unter sich sein, allein mit den Gefühlen.

Am Dienstag aber würdigt Laschet ihren Beitrag zur industriellen Entwicklung in Deutschland, zum Wohlstand. In Ibbenbüren seien viele Innovationen entwickelt worden, nicht nur der Kohlehobel, hier sei bis zuletzt ein „Steinkohlebergbau der Superlative“ betrieben worden: Im „nördlichsten Revier Deutschlands“ sei „besonders wertvolle Kohle“ aus dem mit mehr als 1500 Meter „tiefsten Schacht Europas“ gefördert worden. Und der Bergmannssohn Laschet würdigt die Tugenden der Kumpel, die auch NRW geprägt hätten.

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Wehmut und Zuversicht

Kaum einer unter den Ehrengästen aus der Region, der nicht Bergleute in der Familie hätte. Großvater, Schwiegervater und Mann von Mettingens Bürgermeisterin Christina Rählmann haben auf der Zeche gearbeitet. „Zwiespältig“ seien daher ihre Gefühle. Wehmut, dass die Ära zu Ende gehe, aber auch Zuversicht. Denn: Seit Jahren haben Politiker, Bürger und Planer Pläne entwickelt, was aus den mehr als 70 Hektar Zechengelände in Ibbenbüren und den 20 Hektar am Mettinger Nordschacht werden soll. Ergebnis: In Mettingen könnte ein naturnahes Gewerbe- und Wohnquartier mit kleinen Handwerksbetrieben entstehen. In Ibbenbüren ein Industrie- und Gewerbegebiet mit Platz auch für innovative Unternehmen. Die Nachfrage nach Gewerbeflächen sei in der Noch-Bergmannstadt so groß, dass er gar nicht so schnell neue ausweisen könne, sagt Bürgermeister Schrameyer.

Abseits in der Menge steht einer, der 2007 den Kohlekompromiss ausgehandelt hat: Hubertus Schmoldt, damals Chef der Bergbaugewerkschaft IGBCE. Es sei ja schön, das heute so viele Freunde des Bergbaus gekommen seien, sagt er. „Die Freunde hätten wir 2007 gut gebrauchen können.“

Reden, das Steigerlied und ein Schnaps. Zechenchef Heinz-Werner Voß dankt am Ende allen, dass sie „dem Ibbenbürener Bergbau die letzte Ehre erwiesen haben “.

Kommentar: Ein letztes Glückauf!

Die letzte Kohle ist gefördert, die letzte Schicht gefahren. Die Sorge, die Kumpel über Jahrzehnte begleitet hat, ist Wirklichkeit geworden: Der Deckel ist auf dem Pütt in Ibbenbüren. Nach fünfhundert Jahren schließt nicht nur eine Zeche, es geht eine Kultur zu Ende mit eigenen Regeln, eigenen Werten, eigener Sprache. Das ist hart für die Bergleute – ein Moment, in dem sich niemand einer Träne schämen muss.

Aber: Anders als befürchtet, gehen rund um die Ibbenbürener Zeche nicht die Lichter aus. Im Gegenteil: Die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Die gut ausgebildeten Bergleute sind gefragt, die älteren sozial abgesichert in einen frühen Ruhestand gewechselt. Es gibt viele Interessenten für die Zechen-Flächen. Wirtschaftlich und sozial gesehen ist der Ausstieg vorbildlich gelaufen, weil Gewerkschaften, Unternehmen, Politik, Kommunen und die Kumpel – gemeinsam! – den langsamen Sinkflug über Jahre möglich gemacht haben. Das hat mittelständischen Betrieben die Chance gegeben, die Lücke zu füllen.

Was bleibt? Erst die Kohle und die Maloche von Generationen von Kumpeln haben die Industrialisierung und den Wohlstand möglich gemacht. Der Bergbau ist Geschichte, aber die Bergleute haben Anerkennung, ihr Handwerk eine angemessene Erinnerung verdient. In dem Sinne: „Glückauf!“ - Martin Ellerich

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