Theater-Sprechstunden
Erpho Bell bringt Menschen mit Demenz auf die Bühne

Havixbeck -

Menschen mit Demenz schauspielern auf der Theaterbühne. Was nach einem wagemutigen Experiment klingt, gelingt dank viel Respekt und Verständnis, sagt Erpho Bell. Bell ist Autor und Theatermacher. Und er hat sich der Arbeit mit Demenzkranken verschrieben.

Dienstag, 04.12.2018, 08:00 Uhr aktualisiert: 04.12.2018, 08:10 Uhr
Erpho Bell hat sich dem Theater verschrieben. In der Arbeit mit demenziell erkrankten Menschen hat er eine Aufgabe gefunden, die die Menschen bewegt. Foto: Wilfried Gerharz

Seit 15 Jahren hat es sich der Havixbecker zur Aufgabe gemacht, Menschen mit Demenz auf die Bühne zu holen. Und er ist sicher: Das Theaterspiel hilft, der Krankheit den Schrecken zu nehmen.

Dabei komme es zu wertvollen Begegnungen, erzählt Bell . „Es gibt Menschen, die mit ihren demenzkranken Angehörigen noch nie über die Krankheit gesprochen haben. Zusammen auf der Bühne zu sein, bietet die Möglichkeit, zum ersten Mal nach langer Zeit wieder ins Gespräch zu kommen“, sagt er. Er wolle mit dem Theaterangebot „Räume schaffen, die neben dem Alltäglichen liegen“, wo sich „alle auf derselben Ebene treffen“. Um frei von Vorurteilen, Bevormundung und Ängsten miteinander umzugehen. Die Situation im Spiel, wenn zwei Menschen sich plötzlich in ihren Rollen begegnen, ermögliche das. Weil Betroffene und Angehörige sich dann unbelasteter aufeinander einlassen könnten. Weil die Krankheit zum ersten Mal seit langer Zeit nicht im Zentrum des Bewusstseins stehe.

Theater-Sprechstunden im Münsterland

Seit September bietet Bell sogenannte Theater-Sprechstunden im Münsterland an. In Warendorf, Metelen, Bocholt und Havixbeck gibt es das Angebot bereits, auch Coesfeld könnte bald dazukommen. Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen können hier das Theaterspiel kennenlernen – ganz unverbindlich.

Der Theatermacher ist nicht nur überzeugt, dass es für Menschen mit Demenz zu wenig Angebote, sondern auch zu wenig Wertschätzung gibt. In seinen Augen ist das der Grund für die Unfähigkeit vieler Menschen, über die Krankheit zu sprechen. „Wir setzen diese Menschen zurück, weil wir oft nur das sehen, was durch die Krankheit verloren gegangen ist. Das, was aber von dem geliebten Menschen noch da ist, sehen wir meist gar nicht mehr“, betont er. Das „Schreckgespenst Demenz“ halte die Menschen fest im Griff.

„Die Demenz hat ihren Schrecken verloren“

Die Erfahrung, selbst auf der Bühne zu stehen, helfe den Patienten, meint Bell. Es gebe klare, geprobte Situationen. Dennoch funktioniere das Spiel hier auf emotionalere Weise als das klassische Sprechtheater. „Es ist entschleunigt. Und es hat etwas sehr Ehrliches, Liebevolles‘“, sagt er über die Fähigkeit der Betroffenen, sich im Spiel ganz auf die Situation einzulassen. „Ein so unmittelbares Spiel habe ich zuvor in meiner Laufbahn noch nie erlebt.“

Für ihn steht fest: Mit demenziell erkrankten Menschen zu arbeiten, hat ihn verändert. Vor allem habe „die Demenz ihren Schrecken verloren“, sagt er. Nun hofft er, dass seine Theaterarbeit das auch für andere Menschen leistet. Und dass sie dazu beiträgt, Menschen mit Demenz mehr Respekt und Anerkennung zu schenken.

Frei sein

Schon im Herbst 2019 möchte Erpho Bell das Projekt, das aus den Sprechstunden erwachsen soll, auf die Bühne bringen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Aber es ist ohnehin vor allem die regelmäßige Arbeit miteinander, die ihm am Herzen liegt – und nicht das fertige Stück. Das Theater ermögliche den Demenzkranken das, was ihnen der Alltag verbiete: frei zu sein von Grenzen.

Erpho Bell

Erpho Bell war 2003 leitender Dramaturg am Schlosstheater Moers und suchte neue Ideen. „Die entscheidende Idee kam von einem Mitarbeiter des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes“, erinnert sich der Theatermacher. „Er sagte: ,Wenn ihr mal was wirklich Mutiges machen wollt, etwas, das unaufhaltsam auf uns zukommt – dann bringt ihr Menschen mit Demenz auf die Bühne.’ Von da an hat mich dieses Thema elektrisiert.“ Zwei Jahre später verwirklichte Bell in Moers „Erinnern-Vergessen: Kunststücke-Demenz“; 2010 brachte er bereits das nächste Konzept an den Start. „Ich war künstlerisch noch lange nicht mit diesem Thema fertig“, sagt er rückblickend. So entstand in Bremerhaven das Stück „Über Schiffe gehen“, das sowohl demenzkranke als auch professionelle Schauspieler zum Ensemble zählte.

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