Atommüll aus Jülich
Panzerung verhindert Castor-Pläne

Jülich/Ahaus -

Falls Castoren aus Jülich nach Ahaus kommen, dann später als ­geplant. Das hat Rudolf Printz von der Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklear­anlagen (JEN) unserer Zeitung gesagt. Der Herbst 2019 werde nicht zu halten sein. Grund sei die Panzerung der Lastwagen. Aus Angst vor Terrorangriffen müssen diese besonders aufgerüstet werden. Ob die Castoren überhaupt nach Ahaus kommen, sei aber offen. Weitere Optionen sind ein Transport in die USA und ein neues Zwischenlager in Jülich: Alle Varianten würden zurzeit geprüft.

Mittwoch, 03.10.2018, 13:25 Uhr
152 Castoren stehen in einem Zwischenlager in Jülich. Da, wo sie jetzt stehen, dürfen sie nicht bleiben. Foto: JEN

Vor vier Jahren hat das NRW-Wirtschaftsministerium entschieden, dass die 152 Castoren in Jülich „unverzüglich“ ihr Lager räumen müssen. Ihr Standort ist nicht erdbebensicher, obwohl der Boden darunter zu den erdbebengefährdetsten Gebieten Deutschlands gehört. Trotz der Anordnung wurden die Behälter keinen Millimeter bewegt. Wenn es um von Atommüll geht, hat das Wörtchen „unverzüglich“ eine andere Bedeutung als im Duden. Denn ob und wenn ja, wann die Behälter Jülich jemals verlassen, steht in den Sternen.

Transport verschoben

2012 waren die Kugeln schon so gut wie auf dem Weg nach Ahaus. Doch nach den Protesten bei früheren Transporten sagten die Gesellschafter des Forschungszentrums, die Bundesrepublik und das Land NRW, den Transport ab. Seitdem wird den Jülichern die Tour ständig durch Terroristen, Erdbeben und Atomkraftgegner vermasselt.

Fast 300.000 solcher Grafitkugeln müssen „unverzüglich“ von ihrem jetzigen Standort verschwinden.

Fast 300.000 solcher Grafitkugeln müssen „unverzüglich“ von ihrem jetzigen Standort verschwinden. Foto: Gunnar A. Pier

So stehen die Castoren mit 290.702 bestrahlten, hochradioaktiven Grafitkugeln so groß wie Billardkugeln abfahrbereit auf dem Gelände des Forschungszentrums in Jülich herum.

Versuchsreaktor in jülich

Eigentümer des AVR-Reaktors („Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH), aus dem die Brennelemente stammen, ist die Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen mbH (JEN). Der Reaktor war von 1967 bis 1988 in Betrieb. Er diente aber vor allem dazu, verschiedene Brennelementtypen zu testen. 1999 stellte sich heraus, dass Boden und Grundwasser unter dem Reaktor vergiftet sind. Um sie reinigen zu können, wird nun der Reaktor abgebaut. Von ihm übrig bleiben soll nur noch eine grüne Wiese.

...

Alternativen zu Ahaus

Die Ahauser fürchten, dass die Kugeln in ihrem Zwischenlager landen werden. Doch Rudolf Printz , Technischer Geschäftsführer der Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen (JEN) betont, auch die Alternativen zu verfolgen, „auch wenn das die Ahauser nicht glauben“, wie er sagt.

Rudolf Printz: Wir fühlen uns vonden verantwortlichen Behörden alleine gelassen

Rudolf Printz: Wir fühlen uns von den verantwortlichen Behörden alleine gelassen. Foto: Stefan Werding

Drei Ideen

Zurzeit gibt es für die Zukunft der Castoren drei Ideen:

► Sie bleiben in Jülich und kommen in ein noch zu bauendes Zwischenlager. Das Problem: Der Neubau eines Zwischenlagers dauert zehn Jahre, schätzt Printz. Und ein neues Lager müsste so gebaut werden, dass es ein Erdbeben aushält.

► Sie landen wieder in den USA, wo der Brennstoff ursprünglich herkommt. Das Problem: Seit Trumps Wahl haben die Behörden dort „auf den obersten vier Ebenen“ sämtliche Ansprechpartner ausgetauscht, sagt Printz. Immerhin liegt laut JEN eine Art Umweltverträglichkeitsprüfung vor. „Die Amis wollen das Zeug“, sagt Printz. Sie haben Inter­esse, dass kein radioaktives Material in falsche Hände gerät. So sei in den vergangenen Jahren mehr oder weniger geräuschlos radioaktives Material aus zwei Forschungsreaktoren in Jülich in die USA zurückgekehrt. Knackpunkt der Verhandlungen ist offenbar, wann die Castoren in den Besitz der USA übergehen würden. Je früher, desto besser, sagt Printz. Denn dann tragen die USA die Verantwortung für die Brennelemente. Und die Kosten ihres Transports.

► Sie kommen ins Zwischenlager nach Ahaus (BZA). Das Problem: Transporte – egal ob ins Münsterland oder zu einem Hafen an der deutschen Küste – werden von Atomkraftgegnern massiv behindert werden. Printz sagt, dass alle Voraussetzungen für eine Lagerung im BZA erfüllt seien. Doch gegen eine entsprechende Genehmigung klagen die Stadt Ahaus und eine Privatperson vor dem Oberverwaltungsgericht. Abgesehen davon müssen die Transporter aus Angst vor Terroristen speziell gepanzert werden. Wie das funktioniert, ist ebenfalls noch nicht klar. Durch gesetzliche Regelungen ist Jülich verpflichtet, dem Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) nachzuweisen, dass die Lastwagen gegen Terror und Sabotage geschützt sind. Das Bundesamt will auch wissen, wie Jülich sie schützt.

Das stört Printz: „Wir sind gezwungen, umfangreiche Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zu leisten. Dabei handelt es sich um Pionierarbeit, bei der wir uns von den verantwortlichen Behörden alleine gelassen fühlen.“

Keine der drei Varianten lässt sich also von einem Tag auf den anderen umsetzen. Und „unverzüglich“ schon mal gar nicht.

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