Ehemaliger KZ-Wächter
USA schieben früheren SS-Mann nach Ahlen ab

Washington/Düsseldorf/Warendorf -

Die USA haben den früheren SS-Mann Jakiw Palij, der als Aufseher im Konzentrationslager Trawniki im besetzten Polen tätig war, nach Deutschland abgeschoben. Der 95-Jährige kommt in ein Altenheim in Ahlen.

Dienstag, 21.08.2018, 11:49 Uhr aktualisiert: 23.08.2018, 07:41 Uhr
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Jakiw P. seine Rolle im Lager Trawniki im besetzten Polen verschleiert. Er gab sich als Bauer und Fabrikarbeiter aus. Foto: Uncredited/US Department of Justice/dpa

Der von den USA nach Deutschland abgeschobene frühere SS-Mann Jakiw Palij wird in einer Senioreneinrichtung in Ahlen unterkommen. Das hat am Dienstag der Landrat des Kreises Warendorf, Dr. Olaf Gericke , erklärt.

Der 95-Jährige landete am Morgen in Düsseldorf und wurde direkt nach Ahlen gebracht. Der Mann war nach Angaben der US-Botschaft während des Zweiten Weltkriegs als Aufseher im NS-Arbeitslager Trawniki im besetzten Po­len tätig. Er lebte im New Yorker Stadtteil Queens.

Seine Abschiebung war bereits 2004 angeordnet worden, in den vergangenen Jahren hatte sich die Bundesrepublik seiner Aufnahme jedoch beharrlich verweigert. Palij hatte nie einen deutschen Pass.

Konzentrationslager Trawniki

Dieses vom US-Justizministerium zur Verfügung gestellte Foto zeigt männliche Gefangene im früheren Konzentrationslager Trawniki im besetzten Polen. In dem KZ war der frühere SS-Mann Jakiw Palij Aufseher. Foto: Uncredited/US Department of Justice/dpa

USA ordneten Abschiebung schon 2004 an

Diese Sicht hat sich nun gewandelt. Aus dem Außenamt hieß es, die Bundes­regierung wolle mit der Aufnahme Palijs ein Zeichen der moralischen Verantwortung setzen. Das Bundesinnen­­mi­nisteri­um sprach von „Wahrung politischer Interessen“.

Augenscheinlich war es Zufall, dass ein Seniorenheim in Ahlen ausgewählt wurde. „Es wurde nach einer Unterbringung gesucht, die den geforderten Umständen Rechnung trägt“, hieß es aus Düsseldorf. Weder der Kreis Warendorf noch die Stadt Ahlen waren an der Entscheidung beteiligt. Nach In­formati­onen unserer Zeitung hat der Mann keinerlei Bezug zum Münsterland.

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Zuletzt lebte Jakiw Palij in diesem Haus in New York. Foto: Kathy Willens/AP/dpa

Laut Bundesinnenministerium ist die Entscheidung auch eine Reaktion auf „Bitten von Vertretern der jüdischen Gemeinden und Opferverbänden, der US-Administration, Senatoren und Kongressabgeordneten“. Um „das Freiheitsversprechen zu wahren, das Holocaust-Opfern und ihren Familien“ gegeben worden sei, habe Präsident Trump die Abschiebung des 95-Jährigen zur Chefsache gemacht, teilte das Weiße Haus nach Agenturangaben mit. Die USA würden niemanden tolerieren, der NS-Verbrechen und andere Menschenrechtsverstöße un­terstützt habe, hieß es dazu weiter.

Keine Ermittlungen in Deutschland

Palij wurde nach Angaben von US-Ermittlern 1941 im NS-Ausbildungslager Trawniki ausgebildet und war danach als bewaffneter Aufseher im gleichnamigen Ar­beitslager tätig. Als solcher habe er die Flucht jüdischer Gefangener verhindert und somit eine entscheidende Rolle gespielt, dass dort am 3. November 1943 etwa 6000 Juden erschossen wurden.

Es wurde nach einer Unterkunft gesucht, die den geforderten Umständen Rechnung trägt.

Doris Haßmann, Staatskanzlei

Ermittelt wird ge­gen den 95-Jährigen in Deutschland vermutlich nicht mehr. Das hat Oberstaats­anwalt Jens Rommel von der Zentralen Stelle zur Auf­klärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg gegenüber un­serer Zeitung erklärt. Palijs NS-Vergangenheit ist bereits durchleuchtet worden. „Die Ermittlungen wurden 2016 eingestellt, weil die Beweise nicht ausreichten, ihn der Beihilfe zum Mord anzu­klagen.“

Meinung

KOMMENTAR

Politik first

Eher spätes Bekenntnis zur historischen Verpflichtung oder mehr politisches Kalkül? Dass Deutschland gerade jetzt den früheren SS-Mann Jakiw Palij aufnimmt, macht stutzig. Die Beziehungen zu den USA sind auf einem Tiefpunkt. Präsident Trump hat sich Deutschland zum Feindbild er­koren. In dieser Situation besinnt sich die Bundesregierung plötzlich auf ihre „moralischen Verantwortung“ und nimmt den Ex-NS-Helfershelfer auf. Sieh mal einer an.

In der Politik steht das Kalkül mitunter über der Moral. Berlin will seine Beziehungen zu den USA unbedingt verbessern. Die Aufnahme des ehemaligen SS-Schergen ist hier Mittel zum Zweck. Schließlich betreiben die USA dessen Auslieferung  schon seit Jahren. Bislang hat das die Bundesregierung nicht die Bohne interessiert.

von Elmar Ries

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