Interview mit LWL-Forensik-Leiter
Die männliche Gewalt

Die Zahl der Opfer von Partnerschaftsgewalt steigt seit 2012 kontinuierlich an, auch im Münsterland. Das Bundeskriminalamt spricht von einer "zunehmenden Bedeutung des Gesamtphänomens". Im Interview erklärt der Therapeutische Direktor der LWL-Klinik in Herne, Professor Dr. Boris Schiffer, warum meist Männer die Täter sind und warum es ausgerechnet in Partnerschaftsbeziehungen zu solchen Gewaltexzessen kommt.

Dienstag, 20.11.2018, 09:30 Uhr aktualisiert: 21.11.2018, 09:14 Uhr
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Seit 2012 steigt die Anzahl der Opfer partnerschaftlicher Gewaltdelikte. Wird unsere Gesellschaft gewalttätiger?

Boris Schiffer : Dieser Anstieg von ungefähr zehn Prozent ist insbesondere auf einen Anstieg im Bereich der gefährlichen oder einfachen Körperverletzung zurückzuführen und weniger im Bereich schwerer Gewaltdelikte wie Mord und Totschlag. Außerdem sehe ich darin eher keine Tendenz zu mehr Gewalttätigkeit, sondern eine Tendenz dahingehend, dass Frauen Gewaltdelikte, auch minderschwere, eher zur Anzeige bringen, als sie das früher getan haben. Wir kommen aus einer Tradition, wo Gewalt gegen die (Ehe-)Partnerin und der Zwang zu sexuellen Handlungen viele Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte legitim war. Die Vergewaltigung in der Ehe als Straftatbestand, haben wir noch nicht solange in unserem Strafgesetz. Eine andere mögliche Erklärung könnte auch die Zuwanderung in den letzten Jahren sein. Wir wissen, dass gerade Frauen mit Migrationshintergrund häufiger Opfer von partnerschaftlicher Gewalt werden als Frauen ohne Migrationshintergrund. Grund dafür ist zum Beispiel die Sprachbarriere. Dadurch entsteht eine höhere Abhängigkeit vom gewalttätigen Partner. Unterstützt durch die zunehmende Null-Toleranz-Haltung in Gesellschaft und Politik insbesondere gegenüber sexueller Gewalt gegen Frauen, liegt es aber in der Breite wohl am ehesten daran, dass sich mehr Frauen trauen, Gewalt in der Partnerschaft zur Anzeige zu bringen. Das Thema ist heute gesellschaftlich auch einfach weniger tabuisiert als noch vor wenigen Jahren.

Prof. Dr. Boris Schiffer

Prof. Dr. Boris Schiffer Foto: LWL

Zahlen Partnerschaftsgewalt in Deutschland

Der kriminalstatistischen Auswertung des Bundeskriminalamtes zufolge wurden im Jahr 2015 insgesamt 127.457 Personen Opfer von Mord und Totschlag, Körperverletzungen, Vergewaltigung, sexueller Nötigung, Bedrohung und Stalking durch ihre Partner oder Ex-Partner, davon knapp 82 Prozent Frauen. Die Tatverdächten waren zu 80 Prozent männlich. In spanischsprachigen Ländern wird das Phänomen daher auch als "terror del machismo" oder "terror machista" (Terror des Männlichkeitswahns) bezeichnet.

Von versuchtem Mord und Totschlag durch ihre Partner oder Ex-Partner betroffen waren 331 Frauen, 2016 waren es 357. Die Angriffe gegen ihr Leben überlebten davon 208 Frauen, 149 starben. Von Körperverletzung mit Todesfolge waren sechs Frauen und zwei Männer betroffen. Männliche Opfer von versuchtem Mord und Totschlag innerhalb einer Partnerschaft waren 2016 insgesamt 84, 14 davon starben.

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Bei den partnerschaftlichen Gewaltdelikten waren 2016 81,9 Prozent der Opfer weiblich und 80,6 Prozent der Tatverdächtigen männlich. Wie ist diese Wirkungsrichtung von Gewalt vor allem von Männern gegen Frauen zu erklären?

Schiffer: Männer und Frauen unterscheiden sich grundsätzlich. Aggression ist schon bei Jungen und Mädchen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die körperliche Form der Gewalt ist bei Jungen sehr viel verbreiteter. Mädchen sind nicht unbedingt weniger aggressiv, aber sie sind nicht körperlich übergriffig, sondern eher verbal aggressiv. Das hängt mit der körperlichen Konstitution und der hormonellen Ausstattung zusammen, vor allem die Ausprägung von Testosteron spielt im Zusammenhang mit Aggression eine Rolle. Die Verbreitung von Testosteron ist bei Frauen viel geringer als bei Männern. Ansonsten muss man sagen, sind die Gewaltursachen von vielerlei Dingen abhängig. Auf individueller Ebene spielt eine Rolle, wie gut Menschen in der Lage sind, aggressive Impulse unter Kontrolle zu bringen. Inwieweit haben sie gelernt, mit Konflikten gewaltfrei umzugehen? Männer sind dazu häufiger weniger gut in der Lage sind als Frauen. Frauen verfügen häufig auch über ein besseres Einfühlungsvermögen, können häufig besser ihre eigenen Gefühle wahrnehmen. Das sind Fähigkeiten, die Aggression eher hemmen.

Vergewaltigung und sexuelle Nötigung

Bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung in Partnerschaften sind die Opfer dem Bundeskriminalamt zufolge zu fast 100 Prozent weiblich, bei Stalking und Bedrohung in der Partnerschaft sind es fast 90 Prozent. Im Jahr 2015 zählte die Polizei Münster 36 Opfer von Vergewaltigung und sexueller Nötigung, davon waren 35 weiblich. Im Jahr darauf waren es 53 Anzeigen von Vergewaltigung und sexueller Nötigung, davon kamen 52 von Frauen. Im Jahr 2017 gab es einen sprunghaften Anstieg auf 140 Fälle, davon waren die Opfer in 128 Fällen weiblich, in zwölf Fällen männlich.

Bei den meisten Deliktarten führt der Versuch - anders als bei Mord und Totschlag - auch zur Vollendung. Das heißt, dass sich ein überwiegender Teil der Gewalttaten, die sich vornehmlich gegen Frauen und Mädchen richten, auch vollendet werden. So bleibt es bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung in nur 11,8 Prozent der Fälle beim Versuch.

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Das klingt jetzt so, als wäre Gewalttätigkeit bei Männern unvermeidbar.

Schiffer: Gewalttätigkeit hat in der Tat eine genetische Komponente. Das heißt, die Anfälligkeit für Aggressivität und Gewaltbereitschaft wird auch vererbt. Viel entscheidender aber ist, wie Kinder sozialisiert werden. Sie können durch ein entsprechendes Umfeld zu völlig gewaltfreien Menschen erzogen werden. Allerdings ist das klassische Rollenbild von Männlichkeit in unserer Gesellschaft aggressiv geprägt. Aggressivität oder Gewalt als probates Mittel wird von vielen Vätern vorgelebt. Wenn das passiert, lernen die Jungen am Modell und übernehmen das - auch wenn sich die Gewalt gegen sie selber richtet. Aber das ist noch kein Automatismus. Es gibt eine ganze Reihe weiterer sozialer Einflüsse, insbesondere durch Gleichaltrige oder andere relevante Bezugspersonen, die auf die Entwicklung eines Kindes einwirken.

Wird diese Gewaltrichtung immer so sein oder kann man das gesellschaftlich regulieren?

Schiffer: Inwieweit ein Junge lernt, mit seinen Aggressionen und seinen Emotionen ganz allgemein adäquat umzugehen, hängt von ganz vielen Faktoren ab. Das gesellschaftliche Klima, der Erziehungsstil der Eltern, das erworbene Geschlechtsrollenbild und so weiter. Ich denke auch, dass die gesellschaftliche Entwicklung hin zu einer gewaltfreien Erziehung, also dem Verzicht auf körperliche Züchtigung in der Erziehung, die ja inzwischen gesetzlich verboten ist, dazu beiträgt, dass Gewalthandlungen insgesamt abnehmen sollten, auch wenn ein solcher Zusammenhang streng genommen empirisch bislang nicht gesichert ist. Es gibt viele Kinder, die aggressives oder gewalttägiges Verhalten zeigen, es aber nicht im Erwachsenenleben fortsetzen. Gerade Gewalt, Aggression gehört ja in der Entwicklung insbesondere bei Jungen dazu. Dass auch Jugendliche Straftaten begehen, ist in der Übergangsphase zum Erwachsenwerden auch relativ normal. Die Allermeisten setzen dieses Verhalten aber nicht fort. Die Wenigsten machen eine stabile antisoziale Fehlentwicklung durch. Diese Kinder bekommen ihre Impulsivität nicht unter Kontrolle, internalisieren gesellschaftliche Normen und Werte nicht, fühlen sich nicht in andere Menschen ein, entwickeln also auch keine Empathie und entsprechend egal ist ihnen dann auch, welche Folgen ihr Handeln für andere Personen hat. Das sind die wesentlichen Merkmale von Menschen mit einer antisozialen Persönlichkeit, über die wir uns kriminalpolitisch sicherlich die größten Sorgen machen müssen.

In dem Sinne sind partnerschaftliche Beziehungen in der Trennungsphase besonders anfällig für solche Gewalt.

Boris Schiffer

Der Menschenrechtsverein Terres des Femmes nennt Beziehungen einen Risikofaktor für Frauen. Ist die Paarbeziehung ein Ort, der Gewalttätigkeit hervorruft?

Schiffer: Ich würde sagen, in jedweder zwischenmenschlichen Beziehung, die emotional von Bedeutung ist, besteht ein erhöhtes Risiko, dass es zu Gewalt kommt, nämlich dann, wenn eine Trennung ansteht. Dann ist die emotionale Bindung in Gefahr. Häufig bestehen auch gewisse Sachzwänge, Abhängigkeiten und Verlustängste, wenn Partner sich trennen, insbesondere wenn Kinder im Raum sind. Dann löst der Partner, der sich trennen will, sehr starke negative Gefühle beim Anderen aus. Wenn der wiederum nicht in der Lage dazu ist, mit diesen Gefühlen angemessen umzugehen oder diese ihn quasi überfluten, kann es zu aggressiven Entgleisungen und Gewalthandlungen kommen. In dem Sinne sind partnerschaftliche Beziehungen in der Trennungsphase besonders anfällig für solche Gewalt. Es ist so, dass Frauen Opfer von Gewalt in aller Regel im persönlichen Nahbereich werden, sowohl was körperliche als auch sexuelle Gewalt angeht. Tötungsdelikte oder sexuelle Übergriffe von dem Opfer völlig unbekannten Personen sind relativ selten. In aller Regel kennt das Opfer den Täter und hat oder hatte im Vorfeld der Tat eine Beziehung zu ihm.

Todesopfer im Kreis Steinfurt

Im Kreis Steinfurt starben seit 2013 vier Frauen durch die Hand ihres (Ex-)Partners, zwei überlebten den Tötungsversuch. In einem der sieben Fälle war das Opfer ein Mann. Er überlebte den Angriff. Der kriminalstatistischen Auswertung des Bundeskriminalamtes (BKA) zufolge lebte fast die Hälfte der (bundesweiten) Opfer zum Tatzeitpunkt mit dem Täter in einem Haushalt (49 Prozent). 

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Gibt es noch andere Momente?

Schiffer: Man kann vielleicht sagen, dass schwere Gewaltexzesse, die zu versuchten oder vollendeten Intimpartnertötungen führen, in den allermeisten Fällen in den Trennungsphasen geschehen. Es gibt in solchen Fällen oft eine konflikthafte Gestaltung der Beziehung, die sich in der Trennungsphase zuspitzt. Dann kann manchmal ein kleiner Auslösereiz genügen, um das sprichwörtliche Fass - meistens beim Mann - zum Überlaufen zu bringen. Etwas anderes ist es, wenn jemand zum Beispiel ein Alkoholproblem hat, allgemein zu Aggressionen neigt und gewohnheitsmäßig seine Frau schlägt oder zum Sex zwingt. Dann haben wir es mit Menschen mit einer antisozialen Persönlichkeit zu tun, die es mit gesellschaftlichen Werten und Normen nicht so genau nehmen beziehungsweise diese nicht verinnerlicht haben, und in solchen Situationen enthemmt durch den Alkohol vermehrt zu Gewalt neigen.

Manchmal äußern Männer solche Fantasien im Vorfeld solcher Taten gegenüber Freunden oder der Partnerin selbst. Das wird vom Umfeld in der Regel nicht ernst genommen.

Boris Schiffer

Lassen sich diese Gewaltexzesse vorhersagen, könnte man die erahnen?

Schiffer: Es gibt ein paar Hinweise darauf, wenn die konflikthafte Zuspitzung in einer partnerschaftlichen Trennungssituation erkennbar ist. Sogenannte aggressive Vorgestalten in der Fantasie können zum Beispiel ein Prädiktor für eine gewaltsame Eskalation eines langandauernden Partnerschaftskonflikts darstellen. Dabei stellt der Mann sich in der Fantasie vor, seine Frau zu schlagen oder sogar zu töten und reguliert seine negativen Emotionen damit. Manchmal äußern Männer solche Fantasien im Vorfeld solcher Taten gegenüber Freunden oder der Partnerin selbst. Das wird vom Umfeld in der Regel nicht ernst genommen. Aber gerade bei Menschen, die eigentlich eher aggressionsgehemmt sind, ist dann Vorsicht geboten. Menschen, die sehr expressiv zu Gewalt neigen, werden schon im Vorfeld gewalttätig, laufen also weniger Gefahr, die Frau im Affekt tatsächlich zu töten. Aber bei eher sensitiven und aggressionsgehemmten Menschen, die nicht in der Lage sind, sich in sich selbst einzufühlen, ihre Emotionen wahrzunehmen und angemessen dementsprechend zu regulieren und für sich einen Ausweg aus dieser Situation zu entwickeln, die sich passiv der Situation stellen, anstatt aktiv ihr Leben zu gestalten und eine Perspektive außerhalb dieser Partnerschaft zu entwickeln, die könnten Gefahr laufen, irgendwann die Kontrolle über sich zu verlieren. Häufig geschieht dass dann in Situationen, bei denen vom verlassenen Partner eine letzte Aussprache gesucht wird, in der Hoffnung, die Beziehung wieder aufleben lassen zu können, dies jedoch nicht glückt und es gar zu Beschimpfungen oder Beleidigungen seitens der Partnerin kommt.

Opfer von Mord und Totschlag in Münster und dem Kreis Borken

Die Polizei Borken verzeichnete seit 2012 sechs Opfer von Mord und Totschlag im Rahmen von Partnerschaften. Alle Opfer waren weiblich. Die Polizei Münster zählte acht Opfer, davon war eines männlich. Über das Geschlecht der Tatverdächtigen gibt es keine Angaben.

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Bisher keine Hinweise auf vorsätzliche Brandstiftung
 
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