Ein Mann – zwei Leben
Vom Manager zum Priester

Münster/Rheine -

Klar, man erwartet einen Hardliner. Ei­nen Karrieremenschen und Entscheidungsträger. Denn Dr. Christian Stenz, zuletzt als Konzernpersonalleiter bei Axel Springer für 8000 Mitarbeiter zuständig, ist genau das gewesen: einer, der im Beruf schnell alles erreicht hat. Jetzt wurde er zum Priester geweiht.

Donnerstag, 18.06.2015, 15:06 Uhr

Stenz ‘ Biografie erscheint lückenlos. Auch wenn er selbst betont, dass es „da Brüche gegeben“ habe.

Die Biografie

► aufgewachsen in Ludwigshafen-Oggersheim►Jura-Studium, 1992 zweites Staatsexamen►Assistent der Geschäftsführung in der Druckerei der Berliner Zeitung in Ostberlin (Gruner und Jahr)►►► Bereichsleiter Personal und Recht beim Berliner Verlag

...

Seine letzte Amtshandlung vor sieben Jahren – der Umzug der Bild-Gruppe von Hamburg nach Berlin – „hat nicht jedem geschmeckt“, wie der Mann einräumt, der heute im grauen Anzug zum Gespräch gekommen ist. Ein Hardliner, sicher, das mag er gewesen sein. Doch habe es da auch „diese andere Seite“ in ihm gegeben. Und die ist an seinen Augen abzulesen, die gütig blicken und irgendwie milde.

Warum ein Überflieger wie er, beruflich gesettled und vermeintlich angekommen, mit Mitte 40 beschließt, Priester zu werden? „Selbst in meinem Freundeskreis konnten es einige erst nicht fassen.“ Was in ihm schwelte, war diese Suche nach Sinn, dieses „Es gibt noch mehr“. Denn mitnichten sei alles schlecht gewesen in seinem Beruf. War er doch der Mann am Kopf des Konferenztischs, jener mit Macht und Einfluss. „Zack, zack, zack“ liefen die Meetings in der 18. Etage des Springer-Hochhauses mit Blick über die Hauptstadt. „Ein Mann kann sich gut betäuben mit Wohlstand und Karrieremöglichkeiten.“

Und doch. Immer wieder bohrte die Frage, „wie sieht er aus, mein eigentlicher Auftrag?“ Ist es womöglich der, für Gott und die Menschen ganz da zu sein? In sich reingehorcht, das hat Stenz intensiv getan. Einmal im Monat im Gespräch mit einem Jesuitenpater in Berlin und dann immer wieder für einige Tage im Kloster Gerleve. Beten, in der Stille sein: Kurze Auszeiten, die er fünf Jahre lang dazwischen schaltete, wann immer er zu sehr unter Strom stand. Midlife-Crisis diagnostizierten Freunde, doch für ihn war irgendwann der Scheideweg da.

Noch mal die ganz andere Richtung einschlagen, mit Ende 40 Theologie studieren. „Wie frisch verliebt sein“ habe sich das angefühlt, als er schließlich auf der richtigen Spur war. Geholfen hat ihm früh die Sozialisation im katholischen Glauben: Die Oma im kfd-Vorstand, die Mutter im Kirchenchor, habe auch er als Jugendlicher in seiner Gemeinde in Ludwigshafen-Oggersheim eine sinnvolle Aufgabe gefunden: Orgel spielen. „Und so bin ich dabeigeblieben.“

Sonntags in die Kirche zu gehen, das war auch für den Manager Stenz usus. Und in den Wochen vor seinem Absprung fand man ihn früh morgens in der Krypta der Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale: „Erst um acht Uhr zur Morgenmesse und dann zu Springer ins Büro.“ Irgendwann wurde der Spagat zu groß. Wenn man sich nach einem geistlichen Leben sehnt und „unterliegt stattdessen 18 Stunden am Tag den Sachzwängen der Unternehmenspolitik“. Der Ka­rriere den Rücken zu kehren – bange machte ihn das am Ende nicht. Wohl aber die Unsicherheit: „Bin ich der Richtige für den Job des Seelsorgers?“ Das Feedback in Rheines neu gegründeter St.- Antonius-Pfarrei spricht dafür – Stenz war dort bis zu seiner Priesterweihe als Diakon tätig. Trost zu spenden bei Beerdigungen etwa – „da habe ich viel zurückbekommen“. Was er erst lernen musste, war, nicht mehr der Mann am Kopf des Konferenztischs zu sein. Geduld habe ihm das abverlangt, wenn nicht mehr alles „zack, zack, zack“ ging. Doch diesen Lackmus-Test hat er bestanden, findet der Priester, bei dem heute ein Gefühl dominiert: angekommen zu sein.

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