Kanadierin schilderte letzte Kriegstage im Münsterland
Erinnerungen an eine mutige Frau

Münster - Es war 1956, als Dieter Pferdekamp – damals Schüler an der Roxeler Volksschule – beim Schulleiter saß. „Da kam jemand herein und berichtete von ei­nem Buch aus London, das vom Kriegsende in Roxel erzählt“, erinnert sich der 69-Jährige.

Dienstag, 05.05.2015, 17:05 Uhr

Als er später Geschichte auf Lehramt studierte, recherchierte er. Doch Fehlanzeige, nirgends eine Spur von dem Buch. Jahre später erbte er drei Kartons mit Schmökern. Aus einem förderte er, von ganz unten, das Buch „Thy People, My People“ zutage. Die Erinnerungen der gebürtigen Kanadierin Dr. Elisabeth Hömberg an die letzten Kriegstage in Roxel . „Wenn wir auch keine Bildzeugnisse dieses dramatischen Zeitraums haben, so doch Aufzeichnungen der Ereignisse vor Ostern 1945“, weist Dieter Pferdekamp auf das Werk.

Auszüge möchte er jetzt, vom Havixbecker Anglisten Jürgen Kurz ins Deutsche übersetzt, im Roxel-Magazin des Heimat- und Kulturkreises veröffentlichen. Denn das Tagebuch, das den Zeitraum von Oktober 1939 bis März 1946 umfasst, hat alles, was eine spannende Geschichte braucht.

Wie eine toughe, analytisch denkende Heldin, die sich – mit ihren drei Kindern allein im fremden Land – nicht unterkriegen oder vom Regime vereinnahmen lässt. „Ihr klarer Blick auf die Ereignisse, von keiner Propaganda und Ideologie verstellt, macht uns das Alltagsleben im Krieg vorstellbar“, schwärmt Pferdekamp. Die Ehefrau des münsterschen Historikers Albert K. Hömberg – der zunächst bei der Luftwaffe eingesetzt war und später in Kriegsgefangenschaft geriet – wohnte seit 1939 an der Havixbecker Straße. In einem Haus, das heute noch steht. „Der Briefwechsel zwischen den Ehepartnern vervollständigt ihr 1950 in London erschienenes Buch“, erläutert Pferdekamp.

Zeitzeugen erinnern sich noch gut an die gebürtige Kanadierin, die 1995 in Toronto starb. Letztere schildert in ih­ren Memoiren dramatische Situationen wie den Absturz eines englischen Kampffliegers ebenso wie die drohende Nahrungsknappheit und ihre kaum verhohlene Ablehnung des Nazi-Regimes. Offenbar war Elisabeth Hömberg „im kleinen Roxeler Widerstand“ organisiert: Sie half, die drei Predigten Kardinal von Galens gegen die Euthanasiepraktiken der Nationalsozialisten abzutippen und in der Roxeler Kirche St. Pantaleon auszulegen. Im Juli und August 1941 in Münsters St. Lamberti- sowie in der Überwasserkirche gehalten, wurden die Predigten durch illegale Flugblätter sowie Nachdrucke der Alliierten verbreitet. „Nicht ungefährlich“, kommentiert Pferdekamp. „Die örtliche Parteileitung hatte nicht nur sie im Visier, sondern verdächtigte auch andere Roxeler Bürger.“ Hömberg selbst hat in ih­rem Werk die Namen ihrer Roxeler Nachbarn anonymisiert, „damals, 1950, war das sicher sinnvoll“, findet der langjährige Geschichtslehrer. Heute aber könne man den einen oder anderen „übersetzen“. Überdies werde er das alte Vorwort überarbeiten, Fotos hinzufügen und das Ganze in einen größeren historischen Rahmen einordnen. Dankbar wäre er für einen Kontakt zu Hömbergs Tochter Beata, die im Münsterland leben soll.

Elisabeth Hömberg nahm aktiv an der Lokalgeschichte teil. So berichtet sie in ihrem Tagebucheintrag vom 20. April 1945 als Dolmetscherin des englischen Stadtkommandanten in Münster über dessen Gespräch mit Bischof von Galen. „Die ernste, fast kindliche Einfachheit von Clemens August (...) stand in scharfem Kontrast zu der gezwungenen Formalität der Offiziere“, schreibt sie da. „Aber es war der Bischof, der sprach! Mit leidenschaftlichen Worten bat er um die Wiederherstellung von Recht und Ordnung in unserem schwer geprüften Land“.

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