„AnnenMayKantereit“ in Münster
Pop-Rock in kuscheliger Dosis

Münster -

Die Kellerband als Straßenfeger: „AnnenMayKantereit“ füllte auf ihrer Tour am Mittwoch die Halle Münsterland. Trotz einer zwischenzeitlichen „Evakuierung“ war das Publikum begeistert.

Donnerstag, 21.03.2019, 13:25 Uhr aktualisiert: 21.03.2019, 20:03 Uhr
Sänger Henning Max, hier in Düsseldorf tags zuvor, kam in der Halle Münsterland am Mittwochabend erst sehr viel später zum Zuge. Der Grund: Die Halle musste nach der Vorband wegen einer technischen Panne mit der Beleuchtung. Foto: Anke Hesse

Schrott und Scherben pflasterten nicht den Weg zur Halle Münsterland, in den Foyers herrschte gesittete Euphorie: Die Rockband „AnnenMayKantereit“ scheint den Rausch in eher gemäßigter Dosis zu provozieren. Das muss an der Musik liegen. Titel wie „Pocahontas“ oder „Du bist anders“ („Du weißt, ich kann das Schweigen nicht so gut wie du“) pflegen eher familiäres Niveau.

Die Kellerband als Straßenfeger: „AnnenMayKantereit“ startet in diesem Jahr mit einer Mega-Tour durch, und auch das neue Album „Schlagschatten“ präsentiert poppige Kuschelkurs-Songs inklusive diverse Jugendkrisen bis hin ins Existenzielle: „Du fragst dich immer noch / was wäre wenn, und du weißt auch / dass keiner eine Antwort kennt (…) und du denkst für ein paar Sekunden, dass sie noch da ist“, heißt es über eine gestorbenen Freundin.

„Giant Rooks“ als Vorband

Die Halle platzte aus allen Nähten, im Foyer die obligatorischen Proviant-Stationen und eine verlassene Merchandising-Theke. Drinnen ging es schon schwer zur Sache und schienen alle Bescheid zu wissen: Rock-Pop pur! Die Weitsicht-Strahler am Deckenhimmel schienen Mondlandungen von Außerirdischen anzukündigen, die je nach Fieberkurve der Songs Position und Farbe wechselten: als Support tauchten die Jungs von „Giant Rooks“ die Halle zunächst in ein tendenziell brachiales Fortissimo.

Pause durch „Evakuierung“

Dann allerdings war erstmal Pause. Denn gegen 21.10 Uhr wurde der mittlere Hallenbereich komplett geräumt, und die Konzertbesucher verkrochen sich in Scharen in den beiden Seitenfoyers. Grund dieser „Evakuierung“: eine schief hängende Deckentrasse, die wieder korrekt ausgerichtet wurde.

Annenmaykantereit-Konzert unterbrochen

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  • Beim AnnenMankereit-Konzert vor ausverkauftem Haus in der Halle Münsterland wurde gegen 21.10 Uhr...

    Beim AnnenMankereit-Konzert vor ausverkauftem Haus in der Halle Münsterland wurde gegen 21.10 Uhr...

    Foto: Matthias Ahlke
  • ...der mittlere Hallenbereich komplett geräumt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Rund tausend Konzertbesucher mussten in die beiden Seitenfoyers ausweichen.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Hintergrund war eine potenzielle Gefährdungslage für die Konzertbesucher.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Das „Trassen-Problem“ wurde erst entdeckt, nachdem die Vorgruppe „Giant Rooks“ schon gespielt hatte.

    Foto: Matthias Ahlke

Berührender Bariton

Als dann endlich „AnnenMayKantereit“ die Bühne betraten, wurde sofort ein atmosphärischer Kurswechsel hörbar: Die Halle als Hülle – für Privates und (Aller-)Privatestes: „Die Vögel scheißen vom Himmel, und ich schau dabei zu – Marie wo bist du? Manchmal denk ich, die Welt ist ein Abgrund. Mein bester Freund ist viel zu jung gestorben, schon so lange hab ich keine Mutter mehr“, dazu gibt’s noch eine Rilke-Paraphrase aus dem Gedicht „Der Panther“, und wenn Henning May das mit heiserem Bariton singt, klingt es so (be)rührend, als sei es wahr. Christopher Annen (Gitarre, Mundharmonika), Severin Kantereit (Schlagzeug) und Malte Huck (E-Bass) spielten, als seien die Gummibärchen-Melodien und Standardharmonien vom Himmel gefallen.

Die Musik von „AnnenMayKantereit“ gewann ihr Authentisches vor Tausenden Zuhörern gerade im Rückgriff auf Klänge, die Selbstfindung („Hinter klugen Sätzen“), Identität, Freundschaft und schnöde Beziehungskisten befragen und feiern. In den glühenden Scheinwerfer-Choreografien Richtung Band schien der genetische Code kollektiven Seelenheils zu leuchten: „Schon krass“, knurrte es durchs Mikro und zugleich feuerten die Gitarren ihre Riffs wie Holzscheite hinterher. Sofort schmorte das Publikum auf dem Scheiterhaufen rasender Euphorie und wurde nicht wieder erlöst. So schön kann Musik sein: Nichts als Schmerzen und doch voller Seligkeit. Ovationen, endlos.

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