„Flucht und Heimat / Heimat & Flucht“ im Kammertheater Kleiner Bühnenboden
Plattenbau und Peitschenhiebe

Münster -

Foto: Moseler

Dienstag, 05.02.2019, 16:54 Uhr aktualisiert: 10.02.2019, 16:39 Uhr

Zu den unzuverlässigsten Gefühlen gehört neben der (Nächsten-)Liebe das Mitleid – Hass und Missgunst erscheinen dagegen oft immun gegen geringste Zweifel. Die Produktion „Flucht und Heimat – Heimat & Flucht“ im Kammertheater Kleiner Bühnenboden griff nun das seit dem Flüchtlingsstrom im Jahr 2015 allgegenwärtige Thema „Flüchtlingskrise“ auf.

Der Abend teilte sich in ein eingespieltes Interview mit dem ehemaligen Direktor des Allwetterzoos, Jörg Adler, und eine Performance von Philip Gregor Grüneberg , die das im Titel angedeutete Wechselspiel als Folge politisch repressiver Verhältnisse reflektierten.

Die triste Fassade eines Plattenbaus bildete den Projektions-Hintergrund eines szenischen Arrangements, in dessen Mitte Mohanad Jackmoor saß, neben sich ein Tablett mit Teekanne und Gläsern, flankiert von je zwei Stühlen. Darauf konnte sich setzen, wer wollte, und per Kopfhörer die Fluchtgeschichte des jeweils anderen hören. Denn so, wie im Gegenlicht der Projektion die Umrisse Jackmoors wie die Signatur der Vita Adlers als die eines Flüchtlings wirkten, so schien die szenische Darstellung Grünebergs heillose Nöte aller Flüchtlinge paradigmatisch aufzufächern. Adlers Erinnerungen zur DDR – inklusive einem Cameo-Auftritt von Tashina Mende als Ossi-Frau –, zu den Wirren des „Wendejahres“ 1989, absurdem Mathematikunterricht („Addieren und Subtrahieren mit Panzern“), sächsischem Dialekt und linientreuen Kampftruppen zeigten ein seltenes Schicksal auf: die Flucht eines Deutschen von einem Deutschland ins andere als eine von der Diktatur zur Demokratie.

Dabei gelang es Adler, sich wohlfeilen Urteilen zu entziehen, ohne ungeteilte Verbundenheit zum fast schon geeinten Deutschland zu unterschlagen: „Schließlich kam es zur Ausreise, aber die ‚Trennung von Familie und Freunden war nicht mehr endgültig“. Adler erinnerte an prekäre Verhältnisse wie den Honeckerschen Schießbefehl vom 9. Oktober 89, aber auch an den unwirklichen Eindruck des Weihnachtsmarkts auf dem Prinzipalmarkt. „Wer ist das Volk?“ wurde er abschließend gefragt, und Adler antwortete: „Jeder, der in diesem Land lebt“.

Grünebergs szenische Episoden spiegelten das Drama psychischer Unterdrückung bis ins Physische hinein. Allein stand Grüneberg da: das Individuum als Fanal. Die fiktive Figur des Syrers Omar, der als Schüler Hass und Unterdrückung in Saudi-Arabien erleiden muss – als die vielleicht fünfzig Peitschenhiebe vom Band verhallten, war es, als hätte man tausend gehört. Der Betrachter folgte Omar durch ein syrisches Gefängnis. Grüneberg tappte durch die Zuschauerreihen, als er als Omar Bücher unter Mitgefangenen verteilte und vor rechten Parteien warnte: „Wohin soll ich dann noch fliehen?“. Das Fazit: Das Leben eines Flüchtlings ist so viel wert wie jedes andere auch.

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