Roberto Castello zeigt faszinierendes Gesamtkunstwerk
Richtungslos durch die Nacht

Münster -

Die Musik gibt die Gangart vor – ein monotoner Rhythmus, der auf den Hörer einhämmert und ihn gleichzeitig in Trance versetzt. „Licht“ befiehlt eine Lautsprecherstimme, und ein heller Kubus schält vier Tänzerinnen und Tänzer aus der Nacht heraus. In den Knien wippend und mit schlenkernden Armen stehen sie auf der Bühne und wirken dabei wie Marionetten, denen man die Schnüre gekappt hat. „Dunkel“ lautet der nächste Befehl, und der ganze Spuk ist verschwunden, um sich mit einem erneuten „Licht“ an anderer Stelle zu manifestieren.

Sonntag, 27.01.2019, 18:06 Uhr
Die Tänzer auf einer Wanderung durch immer wieder neue Räume aus Licht und Schatten Foto: C. Rubbio

„In girum imus nocte et consumimur igni“ nennt der italienische Choreograph Roberto Castello sein Stück, mit dem er am Wochenende im Pumpenhaus gastierte. Übersetzt bedeutet das lateinische Palindrom: „Wir kreisen durch die Nacht und werden von Flammen verzehrt“. Und genau das ist es, was das Publikum in der einstündigen Aufführung zu sehen bekommt. Es sind heimatlose, gehetzte Menschen auf einer Wanderung durch immer wieder neue Räume aus Licht und Schatten, die wirken, als wären sie aus einem expressionistischen Film herausgeschnitten worden. Dabei gelingen Castello und seinem Ensemble starke Bilder. Eine Gruppe Flüchtlinge meint man zu erkennen, die sich mit hängenden Schultern und letzter Kraft durch die Gegend schleppen. Dann stehen sie hechelnd an der Rampe, der Mund ein stummer Schrei, die Faust zu einem Kampf erhoben, der nie stattfinden wird. Genau so, wie ihr Weg sie nirgendwohin führt, weil das Licht jeden Raum sofort wieder durch einen neuen ersetzt. Richtungslos schieben sich die Tänzer durch die Nacht, umflossen von schwarzen, auf die Bühne projizierten Regentropfen. Versuche, miteinander in Beziehung zu treten, arten in ein unkon-trolliertes Gedrängel aus. Selbst ein Pas de deux wirkt wie ein epileptischer Anfall.

Es ist eine faszinierende Ästhetik, die Castello hier auf die Bühne bringt. Tanz, Musik und die aus Licht und Schatten gezeichneten Räumen verbinden sich zu einem Gesamtkunstwerk, dem man sich nicht entziehen kann, weil es die Situation des Menschen in einer durch und durch entfremdeten Welt aufzeigt. Dass der Titel auf einen kapitalismuskritischen Film des französischen Filmemachers Guy Debord anspielt, dürfte kein Zufall sein.

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