Friedrich-Hundt-Gesellschaft zeigt im Stadtmuseum Sophie Adamski
Die makellose Schönheit einer Plage

Münster -

Vor zehn Jahren wären diese Fotografien lediglich als kunstvoll, vielleicht als kitschig tituliert worden. Heute hat Kunststoff seine letzte Unschuld verloren.

Donnerstag, 17.01.2019, 19:42 Uhr aktualisiert: 17.01.2019, 19:50 Uhr
Sophie Adamski hat für ihre Bachelorarbeit an der Berliner technischen Kunsthochschule Plastik fotografiert. Dafür erhielt die gebürtige Polin den „New Talent Award 18/1“ von Canon. Foto: Gerhard H. Kock

Vor zehn Jahren wären diese Fotografien lediglich als kunstvoll, vielleicht als kitschig tituliert worden. Heute hat Kunststoff seine letzte Unschuld verloren. Der Globus vermüllt. Der „Große Pazifische Müllteppich“ ist viermal so groß wie Deutschland mit wachsender Tendenz. Und er ist nur einer von vielen Kunststoffstrudeln in den Meeren. Plastik ist in aller Munde – so oder so. In dieses Problemfeld des 21. Jahrhunderts stellt Sophie Adamski ihre Fotoserie „plastics“.

Die Idee dazu kam mit dem Erschrecken: Im Rahmen ihres Studiums besuchte sie Äthiopien, ein abgelegenes Dorf – kein Wasser, kein Strom. Aber Plastik: ein kleines giftgrünes Pferdchen. Zurückgekehrt nach Deutschland machte sich die gebürtige Polin auf die Suche nach reinem, unverbundenem Kunststoff. Daraus schuf Adamski im Fotoatelier jene farbschrillen Kunstwelten aus Vollplastik als Hintergrund, in dessen Zen­trum sie jeweils ein Plastik-Objekt arrangierte – ästhetisch und makellos-perfekt in Szene gesetzte Stillleben. Und das ist das Thema: Die Perfektion selbst ist der Makel.

Durch die übersteigerte Künstlichkeit dieser Bilder schleicht sich bei längerem Betrachten Misstrauen ein. Alles ist zu glatt, zu sauber, zu perfekt. Die Fotokünstlerin hat die Bilder nicht manipuliert; eliminiert wurde lediglich Staub, den solche Flächen (zum Leidwesen perfektionistischer Reinigungskräfte daheim) scheinbar magisch anziehen. Dabei macht das Perfekte lediglich das allgegenwärtige Chaos sichtbar. Das dann mit Kunststoffen wieder beseitigt wird.

Zu den Objekten zählen selbstverständlich auch Reinigungstücher. Becher, Bürsten und Bänder sind ebenso ins Kunstlicht gestellt wie Schläuche, Trichter, Einweg-Tassen. Mag sich der pro­blembewusste Betrachter diese Kunststoff-Objekte noch kritisch vom Hals halten können, wird es bei Plexiglas und Folien schwierig. Denn hier zeigt sich eine andere Seite dieses Materials. Es kann eben auch schön sein. Adamski rückt auf jenen beiden Aufnahmen ihre Fotografie nahe an die Farbfeldmalerei zum Beispiel eines Morris Louis (im Landesmuseum zu sehen): dessen Farbfeldmalerei verläuft auch in Streifen wie jene Spiegelungen der Farbflächen in den Kanten der fünf Plexiglasscheiben. In der gebogenen Folie schwingt die künstliche Farbwelt und verschwimmt zu geradezu malerischen Gesten, als wären es Aquarelle. Gegenstände generieren eine abstrakte Ästhetik – Plastik kann alles.

Die Berliner Fotokünstlerin hält unserer „Plastik-Gesellschaft“ aus einer experimentellen, künstlerischen Perspektive mit ihren Bildern ein ambivalentes Schau(er)bild entgegen: kalt und abweisend auf der einen, faszinierend und attraktiv auf der anderen Seite.

Sophie Adamski schloss mit der Serie „plastics“ im Sommer 2017 ihr Bachelorstudium an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin ab. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Die Friedrich-Hundt-Gesellschaft zeigt die neun Arbeiten im „Schaufenster Fotografie“ des Stadtmuseums.

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Die Ausstellung wird am Freitag (18. Januar) um 16.30 Uhr im Stadtmuseum, Salzstraße, eröffnet. Die Fotografien sind bis zum 24. Februar zu sehen.

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