„Das Lamberti Lamento“: Uraufführung im Kleinen Bühnenboden:
Der Ersatztürmer wartet und wartet

Münster -

Die kleine Trittleiter hat genau zwei Stufen. Die stapft er mehrmals am Tag rauf und wieder runter. So hält er sich fit für die 298 Stufen hinauf in die Türmerstube der Lambertikirche. Denn er ist der Ersatztürmer. Und wenn die reguläre Türmerin ausfällt, muss er ran. Allerdings ist das in den 32 Jahren, seit er in seiner Amtstube sitzt, noch kein einziges Mal vorgekommen. Einmal war er schon nahe dran. Da war die Türmerin in Urlaub. Komischerweise hatte er an diesem Tag auch frei. Er wittert eine Verschwörung.

Sonntag, 13.01.2019, 15:56 Uhr
Der Ersatztürmer (Konrad Haller) wartet vergeblich auf seinen Einsatz auf dem Lamberti-Kirchturm. Also muss er sich die Zeit irgendwie anders vertreiben. Am Telefon zum Beispiel. Foto: Jasny

Mit dem „Lamberti Lamento“, das am Freitag im Kleinen Bühnenboden Premiere feierte, hat Tilman Rademacher ein herrlich absurdes Stück über einen Menschen geschrieben, dessen Schicksal das Warten ist. Warten auf etwas, das nie eintreten wird. Dessen ist man sich als Zuschauer bald gewiss, besonders wenn man schon mal Becketts „Godot“ gesehen hat. Und genau wie dort ist der Held auch hier auf seine ureigene Existenz zurückgeworfen, die eine sinnlose ist.

Konrad Haller spielt diesen Helden, der in seiner Amtstube sitzt und das Telefon bewacht. „Stubieren“ nennt er seine Tätigkeit, bei der er Zeit hat, über allerlei Sachen nachzudenken. Beispielsweise ob er die Vase dort drüben umwerfen soll oder nicht? Und wenn ja, wann? Jetzt gleich oder später? Er wird es nicht machen. Aber die Möglichkeit wäre theoretisch da. Genauso wie die Möglichkeit, auf den Turm gerufen zu werden, damit er ins Horn bläst. Was er auch schon zweimal gemacht hat. Damals vor 32 Jahren. Aber dann hat er sich den Fuß verstaucht und es nicht mehr bis zur Außenplattform geschafft. Deshalb jetzt die Amtsstube. Die Behörde lässt niemanden fallen.

Eigentlich ist es ein tragisches Stück, das hier vor gespanntem Publikum zur Aufführung kommt. Dass man sich trotzdem herrlich amüsiert, liegt an der grotesken Komik, mit der Rademacher die Sache angeht, und an Hallers Spiel, bei dem er die leisen Töne ebenso ausschöpft wie die lauten. Einmal verkriecht er sich unter seinem Amtstisch, dann wieder schleppt er ihn über die Bühne wie Sisyphos seinen Stein. Das alte Tastentelefon scheint sich auch für Sex-Hotlines zu eignen, und als ihm am Ende sogar noch der Teufel erscheint, kann er sich nur durch stoisches Auf- und Abschreiten der Trittleiter aus dieser Vision befreien. 

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