Fritz Schmücker über 40 Jahre Jazz-Festival in Münster
Keine Last, sondern ein Fest

Münster -

Drei Tage Anfang Januar – das ist keine klassische Festivalsaison. Alle zwei Jahre gibt Münsters Internationales Jazzfestival den Ton für die europäische Szene an. 2019 feiert die weit über die Stadt hinaus strahlende Jazz-Biennale ihr 40-jähriges Bestehen. Die meisten Jahre davon hat der künstlerische Leiter Fritz Schmücker das Festival geprägt. Im Gespräch beschreibt er, was ihn nach so vielen Jahren immer noch antreibt.

Freitag, 28.12.2018, 15:18 Uhr aktualisiert: 28.12.2018, 15:28 Uhr
Fritz Schmücker ist Macher und Seele des Jazzfestivals in Münster, das am ersten Januarwochenende 2019 40 Jahre jung wird. Foto: Gunnar A. Pier

Herr Schmücker, das Internationale Jazzfestival feiert sein 40-jähriges Bestehen – ist das für Sie als Festivalmacher für 2019 eher eine Last oder ein wahrer Festakt?

Fritz Schmücker: Ein Festakt. Wenn es nicht so brennen würde wie beim ersten Mal oder gar eine Last würde, würde ich aufhören.

Das habe ich gefragt, weil das nächste Festivalprogramm kaum die Historie aufgreift, sondern wieder viel Neues bietet. Was ist der Grund dafür?

Schmücker: Eigentlich geht es mir genau darum. Ich wollte das Signal aussenden, dass ich ins Jetzt und nach vorne blicke und bewusst entschieden habe, nicht zurückzuschauen. Das würde sich anbieten, denn es gab in den 40 Jahren viele eindrucksvolle Konzerte. Die Versuchung war aber nicht sehr stark. Mich treibt weiter, dass ich einen Ausschnitt aus dem Jazz der Gegenwart zeigen möchte. Ich möchte bestärken, wofür das Festival steht: Überraschungen vorzustellen, eine Entdeckungsreise durch diese Welt der Musik anzubieten. Dafür sprechen auch zehn Deutschland-Premieren im neuen Programm.

Wir müssen trotzdem zurückblicken: Sie kennen das Festival von den ersten Gehversuchen in Münsters Schlossgarten. Wann kam die Initialzündung, selbst als Veranstalter mitzumachen?

Schmücker: Die ersten drei großen vom Asta der Uni veranstalteten Festivals von 1979 bis 1981 habe ich als Schüler damals aus Dorsten besucht – als werdender Jazz-Enthusiast. Als ich im Herbst 1981 mein Studium in Münster aufgenommen habe, war das Festival im internationalen Maßstab tot, weil es für den Asta eine finanzielle Pleite war. Der Jazzclub hat dann die kleinen Festivals bis 1984 fort-geführt. Aber in mir schlummerte der Traum, dass dieses Festival in Münster wieder international werden würde – und dass ich das organisieren möchte. Wie das geht, wusste ich, seit ich Mitbegründer des Jazzclubs in Dorsten war. Ich war 1983/84 Asta-Kulturreferent, und Hartmut Schmitz war Vorsitzender des Jazzclubs in Münster. Wir haben uns kennengelernt – und das war die Chance, es 1985 wieder groß zu machen.

Welche Stationen hatte das Festival in Münster?

Schmücker: Die ersten drei Asta-Festivals gab es open-air im Schlossgarten, auf den Aasee-Wiesen und dann im Preußen-Stadion. Die kleinen Festivals fanden zwei Jahre lang im Jovel – damals an der Weseler Straße – statt, 1984 war dann die alte „Barrikade“ an der Wolbecker Straße, wo heute das Pianohaus Micke ist, statt. Und dann sind wir 1985 nochmal ins Stadion gegangen, ab 1986 dann in die Halle Münsterland.

Das klingt ja nach einem kulturellen Aufstieg. Was hat in dieser Zeit das Festival besonders geprägt?

Schmücker: Damals wie auch heute war ein Anliegen, ein ambitioniertes Programm vorzustellen, das noch nicht bekannt ist. Aber zugleich galt es, die großen amerikanischen Namen als Aushängeschilder zu präsentieren. Man konnte sich damals überhaupt nicht vorstellen, ohne sie ein größeres Publikum zu erreichen. Mit einem europaorientierten Programm wie heute wäre ein so großer Zuhörerkreis nicht zu erreichen gewesen.

Beginnend bei Don Cherry waren viele Jazz-Größen in Münster, die heute schon nicht mehr leben ...

Schmücker: Ja, große Musikerinnen und Musiker haben in Münster gespielt. Spielen natürlich auch jetzt hier, wenngleich sie oft noch nicht so bekannt sind. Bei Chick Corea war die große Halle als einziges Mal völlig ausverkauft. Charlie Haden mit seinem Liberation Music Orchestra war in dem Jahr auch da. Carla Bley, Ornette Coleman, Lester Bowie, Don Sherry – das waren unglaublich tolle Musiker und Konzerte. Die Motivation war auch da, Musik auf die Bühne zu bringen, die mich selbst berührt.

Ein anderes Element war der Blick auf die Jazzszene der DDR.

Schmücker: Am Tag der Deutschen Einheit 1988 hatten wir das Nationale Jazz-Orchester der DDR bei deren einzigem West-Auftritt da. Und bis zuletzt wussten wir nicht, ob diese drei Generationen Free-Jazzer hier ankommen würden.

Am Ende war der Drang zu großen Namen auch Auslöser der größten Krise – und zugleich  Chance: Der Bruch mit der Halle Münsterland 1995 brachte Sie zwei Jahre später ins Theater Münster. Haben Sie damals geglaubt, dass es noch so lange weitergehen kann?

Schmücker: Das Ganze hat immer davon gelebt, dass erst Hartmut Schmitz und ich gemeinsam, später ab 1999 ich dann alleine, dafür gebrannt haben. Wir haben so viele Finanzkrisen und Krisen erlebt, vor allem in den ersten Jahren bis zu dieser Zäsur, dass wir immer dafür kämpfen mussten. Für uns war der Wechsel ins Stadttheater die Lösung, damit ging ja auch ein Para-digmenwechsel weg von den großen amerikanischen Na-men hin zu neuen Namen aus Europa einher. Hartmut Schmitz hat es dann mehr als Last denn als Leiden-schaft erlebt und sich zu-rückgezogen. Für mich ist es bis heute so, dass ich große Lust dazu habe, diese Entdeckungsreise fortsetzen zu können. Ich überlege leiden-schaftlich, wen möchte ich hier vorstellen und in welcher Dramaturgie möchte ich das tun. Und dieses Herzblut möchte ich auch überbringen – so weit mir das als Westfale gelingen kann.

Zur Person

Fritz Schmücker, Jahrgang 1961, gründete bereits als Schüler des Gymnasiums Petrinum in Dorsten den damaligen Jazzclub Dorsten. Er studierte Soziologie, Osteuropäische Geschichte und Erziehungswissenschaft in Münster. Seine Abschlussarbeit im Fach Soziologie aus dem Jahr 1990 ist eine empirische Studie über die Rezipienten von Jazzmusik und wurde im Lit-Verlag Münster veröffentlicht. Im Jahre 1992 schloss Schmücker schließlich sein Studium als Magister im Fach Soziologie ab. Seit 1985 ist Fritz Schmücker künstlerischer Leiter des 1979 gegründeten Internationalen Jazzfestivals Münster, das jetzt 40 Jahre läuft.

...

Auch wenn Sie als Organisator vielleicht wenig vom Bühnengeschehen erleben: Was waren aus der Sicht als künstlerischer Leiter die fünf beeindruckendsten Konzerte, an die Sie sich erinnern?

Schmücker: Für mich ist es ganz schwer, das zu beantworten, es geht eher um Glücksmomente. Ich kann mich an Momente erinnern, wo ich an der Bühnenseite einen Moment zuhören konnte und – natürlich inmitten des Stresses – innerlich bewegt war von der Musik, die ich hörte. Da hatte ich dann auch mal feuchte Augen. Dazu gehört das Konzert von La Banda & Jazz aus Italien. Oder ich denke an das Gefühl der Erleichterung, als Don Cherry 1986 trotz einer Zahnwurzel-Entzündung ein unglaubliches Konzert gespielt hat. Glücklich war ich, als das vollständige Jazzorchester der DDR eintraf. Und nicht zuletzt die Erleichterung, dass der neue Januartermin des Festivals aufging.

Wir haben vorhin über den Wettbewerb der Festivals gesprochen: Gibt es das heute noch?

Schmücker: Alle ringen um Aufmerksamkeit. Natürlich möchte jedes Festival erfolgreich sein. Mir ist die Unterscheidbarkeit, das Besondere, wichtig. Aber wir konkurrieren nicht, graben uns nicht das Wasser ab. Es geht um Handschrift und Kontinuität. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich das seit mehr als drei Jahrzehnten mit prägen darf.  Damit bin ich in NRW, glaube ich, sogar der dienstälteste Jazzfestivalleiter in Bezug auf ein kontinuierliches Festivalformat.

Das Festival finanzieren die Stadt Münster und eine größere Gruppe von Sponsoren. Wäre das nicht auch eine Aufgabe für das Land?

Schmücker: Natürlich würde ich begrüßen, wenn das Land dieses Festival fördern würde – in welcher Form auch immer. Wir haben das technische Problem, dass wir hier planen, während der entscheidende Landeshaushalt noch beraten wird, also das Kulturministerium Mittel nicht verbindlich zusagen kann. Dafür haben wir bisher keine Lösung, aber wir müssen unbedingt mit der Landesregierung sprechen. Es bleibt eine Aufgabe, das Festival finanziell abzusichern. Das wird auch nicht einfacher. 

Sie waren am Anfang auch Asta-Kulturreferent, lange Haare und freakig. Entsprechend jung war lange auch das Publikum. Warum zieht das Festival heute nicht mehr so viele junge Zuhörer an?

Schmücker: Ich habe selbst 1990 eine wissenschaftliche Studie über das Jazzpublikum in Deutschland gemacht und habe die Ergebnisse mit der damals einzigen anderen Studie von 1976 verglichen. Eine Entdeckung war, dass das Publikum im Durchschnitt um sechs Jahre gealtert ist. Ich bin sicher, das hat sich in den Folgejahren fortgesetzt. Jetzt wird der Altersschnitt deutlich höher sein. Aber es ist kein Einzelphänomen.

Findet da eine Abkehr der Jüngeren statt?

Schmücker: Abkehr würde ich es nicht nennen. Es hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Als ich als junger langhaariger Enthusiast auf diese Musik gestoßen bin, wurde sie als Musik einer unterdrückten afroamerikanischen Minderheit konnotiert. Sie war ein Gegenentwurf zum kommerziellen Musikbetrieb. Eine Minderheiten-Musik, die sie auch immer noch ist. Aber heute ist Jazz in den Augen der Jüngeren das, was für uns früher die Klassik war – die Musik der Eltern. Sie ist vermeintlich etabliert. Junge Leute finden heute zum Jazz über Prägung, über Musikschulen. Aber darüber hinaus kommen die Leute eher später zu dieser Musik, nicht mehr in so jungem Alter. Deshalb bin ich gelassen. Übrigens bringe ich sehr viele junge Jazzmusiker auf die Bühne.

Jazzfestival Münster

Für zwei Konzerte am 6. Januar (Sonntag) gibt es noch Restkarten: das Familienkonzert um 10.30 Uhr mit der Big Band „Bauklötze“ und das Konzert im Kleinen Haus ab 13.30 Uhr mit der Deutschland-Premiere des portugiesischen Duos „Tubax“ sowie dem deutschen Trio „LPT“. Karten:  02 51 / 5 90 91 00 oder online unter www.theater-muenster.com

...

Ja, junge Musiker zeigt das Festival zuhauf, sie wirken aber nicht als Lockstoff für jüngere Zuhörer. Ist das für Sie ein Grund, über das Konzept nachzudenken?

Schmücker: Für mich nicht. Ich freue mich, je mehr jüngere Leute – bei allem Respekt vor den vorangeschrittenen Jugendlichen – im Saal sitzen. Aber es gibt auch viel mehr jüngere ältere Menschen als früher. Und ich persönlich müsste mich verbiegen für die Absicht, ein vermeintlich junges Programm für junge Leute zu entwerfen. Ich kann meine Handschrift kreieren. Und ich bin überzeugt davon, dafür finde ich immer wieder Musikerinnen und Musiker und ebenso ein Publikum. Ich hab überhaupt keine Sorge, dass das ausstirbt.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6284318?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F
Rüffel aus Düsseldorf für den Polizeichef
Münsters Polizeipräsident Hajo Kuhlisch
Nachrichten-Ticker