Thomas Behm und Jens Schneiderheinze geben nach 20 Jahren das Cinema ab
Kino erlebt eine Renaissance

Münster -

Eine Ära geht zu Ende. Zum 31. Dezember 2018 geben Thomas Behm und Jens Schneiderheinze nach mehr als 20 Jahren die Verantwortung für das Cinema ab. Mit 56 Jahren haben Behm und Schneiderheinze entschieden, sich neue Freiräume zu schaffen. Im Interview plaudern sie von gestern und über morgen.

Freitag, 14.12.2018, 23:44 Uhr aktualisiert: 14.12.2018, 23:50 Uhr
Thomas Behm (l.) und Jens Schneiderheinze genießen derzeit ihren Urlaub. Die beiden Geschäftsführer des Cinema haben die Verantwortung jetzt in jüngere Hände abgegeben. Foto: Behm/Schneiderheinze

Eine Ära geht zu Ende. Zum 31. Dezember 2018 geben Thomas Behm und Jens Schneiderheinze nach mehr als 20 Jahren die Verantwortung für das Cinema ab. Das Jahr für Jahr mit höchsten Preisen ausgezeichnete Programmkino war stets mehr als „nur“ ein Lichtspielhaus. Mit dem Kinobetreiber-Paar wurde es ein soziokulturelles Zentrum, ein Ort für Aufklärung und Austausch. Mit 56 Jahren haben Behm und Schneiderheinze entschieden, sich neue Freiräume zu schaffen. Im Interview plaudern sie von gestern und über morgen.

Was war der erste Film, an den ihr euch erinnert?

Behm: Der erste Kinofilm war „Ein toller Käfer“, irgendein Asterix-Film oder „Erinnerungen an die Zukunft“ nach dem Buch von Erich von Däniken. Keine Ahnung welcher es nun wirklich war! Und warum ich die sehen wollte.(lacht)

Schneiderheinze: Bei mir war es „Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“. Meine Eltern sind mit uns nie ins Kino gegangen. Ich habe viele Geschwister; Kino war einfach zu teuer.

Wie seid ihr in die Kino-Branche geraten?

Schneiderheinze: Ich fand Ende der 80er Jahre im Kino kaum Filme in den Kinos, die mir schwule Identifikationsfiguren boten. Viele der Filme, die Homosexualität thematisierten, zeigten Klischees. Deshalb fing ich an, in einer Weiterbildungseinrichtung Filme im schwulen Kontext zu zeigen. Schnell kam Thomas dazu. Da wir aber mehr Kino-Atmosphäre wollten, wechselten wir 1990 ins cuba, wo wir auch 16- und 35mm-Filme spielen konnten. Schnell entdeckten wir aber die Kraft des Mediums und die Vielfalt der Lebensrealitäten und Kulturen, die Filme präsentierten. Und damit war dann sozusagen ein neues Kino geboren.

Welche drei Momente in den vielen Cinema-Jahren werden euch auf ewig in Erinnerung bleiben?

Behm: Nur drei Momente zu nennen wäre zu wenig. Vielleicht stellvertretend für viele waren es beispielsweise tolle Gespräche nach den Filmen, die wir hatten. So zum Beispiel mit einer Frau, die „Multiple Persönlichkeiten“ entwickelt hatte, da sie als Kind missbraucht wurde. Das war ein toller, bewegender Abend. Dann gab es Gäste, die einfach nett und unkompliziert waren, auch wenn es „Promis“ waren, wie zum Beispiel Wolfgang Thierse, der als Bundestagspräsident zu uns kam und mit dem wir uns gleich geduzt haben. Und natürlich waren da die Münsteranerinnen und Münsteraner, die wirklich klasse und hilfsbereit waren, als wir 2004 in der Krise steckten.

Wie würdet ihr Münsters Kino-Landschaft beschreiben?

Schneiderheinze: Es gibt nur wenige Städte in unserer Größenordnung in der Bundesrepublik, die ein so reichhaltiges Programm anbieten – immerhin laufen jede Woche in Münster 60 bis 70 Filme. Das liegt daran, dass wir uns mit dem Programm absprechen und schauen, welcher Film in welches Kino passt und keine Filme gleichzeitig in mehreren Kinos gezeigt werden.

Wie sieht die Zukunft des Kinos aus?

Behm: Vor Jahren war ich noch pessimistischer. Da habe ich gedacht, dass wir immer mehr Sonderveranstaltungen oder gar Events bieten müssen, um weiterhin Zuspruch zu erhalten. Mittlerweile sind wir da sehr viel gelassener. Wir denken schon, dass wir im Moment mit unserem Publikum älter werden. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass Programmkino wieder eine Renaissance auch bei Jüngeren erleben wird. Immerhin geht es heute den ärgsten Konkurrenten, die das Kino hatte, viel schlechter: Videotheken sind so gut wie ausgestorben, und Fernsehen versucht, sich über die Mediatheken zu retten.

Wie sieht eure Zukunft aus? Gibt es Konkretes?

Schneiderheinze: Wir haben jetzt 21 Jahre lang einen Betrieb geleitet, der sieben Tage geöffnet hatte. Uns war wichtig, für die Kolleginnen und Kollegen möglichst immer erreichbar zu sein. Natürlich auch nach Feierabend, am Wochenende oder im Urlaub. Jetzt wollen wir ein Stück kürzer treten und für uns allein unser Geld verdienen. Ich werde mich weiterhin im Kulturbereich engagieren. Auch mit der Linse und seinem vielfältigen Programm werden wir beide im Cinema weiterhin zu Gast sein.

Behm: Wir kennen so viele Leute in unserem Alter – wir sind 56 – oder gar jünger, die schon gestorben sind oder einen Schlaganfall erlitten haben. Wir wollen nicht bis zur Rente warten, bis wir wieder mehr Zeit für uns haben. Nur weil wir alle statistisch gesehen älter werden, müssen wir nicht als Individuen so alt werden, von daher hat mich das Konzept Rente mit 67 nie überzeugt. Arbeiten müssen wir vermutlich deutlich länger. Wir haben aber den Luxus nun von unserer 50 Stunden-und-mehr-Woche wegzukommen.

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