Premiere „FräuleinElse.com“
Seelenpein zwischen Chats und Likes

Münster -

Sie hat 8954 Follower und mehr als 10 000 Likes. Keine Frage, Fräulein Else ist beliebt. Und sie ist jung und unbeschwert. Bis dann dieser verhängnisvolle Brief der Mutter kommt, der hier als Videobotschaft über den Bildschirm eines riesigen Smartphones flackert, während Else oben auf dem Gerät lümmelt und die Tränen der Mutter „peinlich“ findet. Gabriele Brüning, die seit zehn Jahren in Münster „Fräulein Else“ spielt, spricht hier die Videobotschaft. Als klar wird, was man von Else verlangt, fließen auch bei ihr Tränen. Um den Vater vor dem Gefängnis zu bewahren, soll sie den reichen Kunsthändler von Dorsday um Geld bitten. Dieser will sie dafür nackt zu sehen.

Montag, 19.11.2018, 18:41 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 16.11.2018, 17:42 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Montag, 19.11.2018, 18:41 Uhr

Andrea Spicher hat Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“ modernisiert. Ihr Solo „FräuleinElse.com“, das am Donnerstag im U2 Premiere hatte, ist eine Art Remix der 1924 erschienene Novelle. Und es funktioniert überraschend gut. Der innere Monolog des 19-jährigen Mädchens wird hier von Videosequenzen, Chats und anderen Errungenschaften des digitalen Zeitalters flankiert. Das holt die Geschichte ins Heute und verleiht der Inszenierung Tempo und Witz.

Auch die Protagonistin hat eine ganz andere Betriebstemperatur als ihr literarisches Vorbild. Wenn Spicher über die Bühne saust, ist sie ein taffes junges Mädchen, das Sprachduktus und Gesten in YouTube-Kanälen und coolen Hollywood-Filmen abgeguckt hat. Selbstdarstellung ist ihr kein Fremdwort, an Selbstwert mangelt es auch nicht. Und mit dem Feuer scheint sie ebenfalls gern zu spielen, wenn sie über einen anzüglichen Facebook-Kommentar erst erbost ist, ihm dann aber ein „Gefällt mir“ verpasst. Das wirkt mutwillig und souverän – die virtuelle Welt als großer Abenteuerspielplatz.

Um so deutlicher wird dann Elses Verzweiflung, als durch von Dorsdays Forderung ihr reales Leben aus dem Ruder läuft. Wilder, fremdbestimmter Tanz und ein Video-Mix aus Horror und Erotik visualisieren Elses seelische Nöte. Dass Spicher hier auch dramatisch noch eine Schippe drauflegt, ist nichts weniger als konsequent. Schließlich geht es um einen handfesten Konflikt, bei dem das Mädchen nur die Wahl hat, entweder die eigene Würde oder den Vater zu opfern. Bis zur Erkenntnis, von den Männern benutzt zu werden, ist es nur noch ein kleiner Schritt.

Abgesehen von den Videos hat Andrea Spicher das Stück im Alleingang auf die Beine gestellt. Konzept, Regie, Ausstattung und Spiel gehen auf ihr Konto. Das ist beachtlich.

Ebenso beachtlich ist, wie gut sich Schnitzlers Novelle hier in die moderne Welt von Internet und sozialen Netzwerken fügt. Ein gelungenes Experiment.

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