Tilman Pünders Buch über seinen Vater Hermann
Dem Tod knapp entronnen

Münster -

Nach eingehender Recherche in teilweise unbekanntem Quellenmaterial und nach Sichtung von Briefen, Tagebucheintragungen und Kassibern aus Familienbesitz legt der frühere Oberstadtdirektor von Münster, Tilman Pünder (85) nun einen biografischen Bericht über seinen Vater Hermann Pünder (1888-1976) vor. Dieser kam als seit 1933 kaltgestellter früherer Staatssekretär in Berlin und münsterischer Regierungspräsident nach dem Hitler-Attentat 1944 wegen eines Treffens im November 1942 mit dem zivilen Haupt des Widerstandes, Carl-Friedrich Goerdeler, in den Verdacht des Hochverrats.

Sonntag, 24.06.2018, 16:16 Uhr

Gemeinsame Freude über das neue Buch: Autor Dr. Tilman Pünder mit Ehefrau Ulrike und Sohn Hermann (r.) sowie Oberbürgermeister Markus Lewe (l.). Foto: Johannes Loy

Der Vater in den Fängen des NS-Staats, die Familie in Münster in größter Sorge: Für Tilman Pünder (85), den früheren Oberstadtdirektor von Münster, haben sich die letzten beiden Kriegsjahre 1944/45, die er als Junge erlebte, förmlich ins Gedächtnis eingegraben. Nach eingehender Recherche in teilweise unbekanntem Quellenmaterial und nach Sichtung von Briefen, Tagebucheintragungen und Kassibern aus Familienbesitz legt er nun einen biografischen Bericht über seinen Vater Hermann Pünder (1888-1976) vor. Dieser kam als seit 1933 kaltgestellter früherer Staatssekretär in Berlin und münsterischer Regierungspräsident nach dem Hitler-Attentat 1944 wegen eines Treffens im November 1942 mit dem zivilen Haupt des Widerstandes, Carl-Friedrich Goerdeler, in den Verdacht des Hochverrats. Er geriet in die Klauen der NS-Justiz und entkam 1945 nur knapp dem Tode.

Das 244-seitige Buch aus dem Aschendorff-Verlag mit dem Titel „In den Fängen des NS-Staates“ stellte Pünder am Samstag im Rathaus vor. Anlass genug für Oberbürgermeister Markus Lewe, dem Autor zu danken und das Buch zu würdigen: „Diese Biografie ist für alle ein Vorbild und zugleich ein Geschenk an die Stadt.“ Dies sei um so bemerkenswerter, als heute die Errungenschaften und Werte freier Demokratien wieder leichtfertig zur Disposition gestellt würden.

Für Pünder sind die 74 Jahre zurückliegenden Begebenheiten sehr präsent: „Die in meinem Buch geschilderten Ereignisse habe ich aus der Perspektive eines Kindes von 11 bis 12 Jahren miterlebt. Darf ich mich daher als Zeitzeuge bezeichnen? Jedenfalls habe ich sie wachen Sinnes erlebt, und irgendwie haben sie mein Leben mitgeprägt – die Besuche des Vaters im Zellengefängnis Berlin-Lehrter Straße und im KZ Ravensbrück sowie die unheimlichen Gänge an der Seite meiner Mutter im ,Reichsicherheitshauptamt’ in Berlin.“

Biografie über Hermann Pünder (1888-1976)

Tilman Pünder (85), von 1989 bis 1997 Oberstadtdirektor in seiner Heimatstadt Münster, hat sich noch einmal intensiv mit seiner Familiengeschichte und der Biografie seines Vaters Hermann Pünder (1888-1976) befasst. Zweimal nahm dieser Aufgaben an zentraler Stelle Deutschlands wahr. Als Staatssekretär stand er von 1926 bis 1932 an der Spitze der Reichskanzlei und war enger Vertrauter von Reichskanzler Heinrich Brüning. Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte Pünder von 1945 bis 1948 als Oberbürgermeister von Köln und danach bis 1950 als Oberdirektor des „Vereinigten Wirtschaftsgebietes“, des Vorläufers der Bundesrepublik Deutschland.Seit der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ 1933 stand Pünder nach nur einem Jahr als Regierungspräsident in Münster politisch im Abseits. Nach dem Attentat auf Hitler 1944 geriet er wegen eines Treffens im November 1942 mit Carl-Friedrich Goerdeler, dem zivilen Haupt des Widerstandes, in den Verdacht des Hochverrats und somit in die Fänge der NS-Justiz. Zwar wurde Pünder von Roland Freisler vor dem Volksgerichtshof freigesprochen, Gestapo und SS jedoch scherten sich nicht um dieses Urteil und kerkerten Pünder weiterhin ein.Buchautor Tilman Pünder weiß fesselnd zu erzählen. Er sichtete zuvor unbekannte Briefe, vorhandene Familien-Quellen wie Tagebuchnotizen und Kassiber und schildert die große Sorge einer münsterischen Familie um ihr Oberhaupt in einer Zeit absoluter Rechtlosigkeit. Der junge Tilman Pünder begleitete seine Mutter bei abenteuerlichen Besuchsfahrten zum inhaftierten Vater. Dieser überlebte nur knapp und wurde nach einer chaotischen Verlegungsreise durch Gefängnisse und Lager 1945 in Tirol von der Wehrmacht aus den Klauen der SS befreit.Das Buch ist mehr als ein Stück Familiengeschichte. Es schließt mit seinem dichten Quellennetz im Rahmen der Forschung zum Widerstand gegen das NS-Regime Forschungslücken, zumal Hermann Pünder einer der letzen Zeugen war, die dem Theologen Dietrich Bonhoeffer in der Haft begegneten. Mit ihm hat Pünder während schwerer Tage Gespräche über den Glauben und das Miteinander der Konfessionen geführt.Zugleich ist das Buch Tilman Pünders ein aufrüttelndes Zeugnis der Erinnerung an eine Zeit der Barbarei. Dies erscheint um so wichtiger, als es heute wieder politische Bewegungen gibt, deren nationales Programm von erschreckender Geschichtsvergessenheit und ideologischer Demenz zeugt.

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Minuziös schildert Pünder in dem Buch das Sorge- und Informationsnetz einer prominenten und weit verzweigten Familie in Zeiten von Staatsterror und Unrecht. Wie gefährdet ein nicht angepasstes Leben im Nationalsozialismus sein konnte, offenbarte sich dabei in der engsten Verwandtschaft. Pünder: „Leo Statz, der Bruder meiner Mutter, starb 1943 nach dem Todesurteil des Volksgerichtshofes wegen Wehrkraftzersetzung unter dem Fallbeil, Erich Klausener, der Vetter meiner Mutter, wurde 1934 durch die SS ermordet, und Werner Pünder, meines Vaters Bruder, hatte als Anwalt den Schneid, Hitler und Göring dieserhalb zu verklagen, was auch ihn beinahe das Leben gekostet hätte.“

Pünder dankte dem bekannten münsterschen Historiker Dr. Bernd Haunfelder sowie dem Verlag Aschendorff mit Verlagsleiter Dr. Dirk F. Paßmann für die wissenschaftliche Begleitung des Buches. Es erzählt nicht nur ein „Internum der Familie Pünder“, sondern darf als „exemplarische Episode der Zeitgeschichte“ gewertet werden.

Zum Thema

Tilman Pünder: In den Fängen des NS-Staates. Staatssekretär Dr. Hermann Pünder 1944/45. Aschendorff-Verlag, Münster, 244 Seiten, 24.80 Euro.   | Kultur

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