The Dead Brothers im Landesmuseum
Karneval für große Tote

Münster -

Schnurgrade Sitzreihen im futuristischen Foyer des Landesmuseums hielten das Publikum in Schach, selbst der Beifall klang museal: Selina Martin konnte furchtlos in die Gitarrensaiten zupfen, im So­pranfalsett über Daseinsabgründen schweben – die Stimmung blieb wohltemperiert.

Dienstag, 20.03.2018, 23:03 Uhr

Die Schweizer Band „The Dead Brothers“ spielte im Landesmuseum. Foto: Günter Moseler

Schnurgrade Sitzreihen im futuristischen Foyer des Landesmuseums hielten das Publikum in Schach, selbst der Beifall klang museal: Selina Martin konnte furchtlos in die Gitarrensaiten zupfen, im So­pranfalsett über Daseinsabgründen schweben – die Stimmung blieb wohltemperiert. In der LWL-Konzertreihe „Tonart“ waren Miss Martin und Tom Holliston die Herolde für die Schweizer Band „The Dead Brothers“. Aber eine Songwriterin, die ein Album mit dem Titel „Disaster Fantasies“ veröffentlicht, lässt sich kaum einschüchtern, mit ihrer melodiösen, ins Schräge, mitunter Bizarre abdriftenden Musik vermochte die kanadische Sängerin, selbst zerstreute Konzentration hinterer Reihen („Immer noch kein Bier da?“) zu konzen­trieren.

Für die Bühne hatte man es beim Provisorischen belassen: ein paar Lautsprecher, Scheinwerfer, ein paar Kabel – finito mit Showglamour. Die Mischpulte, oft als Flaggschiff in die Menge platziert, lagen an der Seite diskret vor Anker. Locker gab Miss Martin mit dem Song „Bike“ („Fahrrad“) ihre Münster-Referenz ab, ließ auf ihrer Gitarre die Riffs klirren – kein Schmuse-, aber auch kein Kamikaze-Rock-Pop. Hollistons flotter Punk Rock präsentierte sich mit „Ladies Man“ im Aquamarinblau der Scheinwerfer wie ein Roadmovie in Musik.

Dann die „Begräbnisband“ „The Dead Brothers“, denn, so Alain Croubalian, „der Tod ist das einzig sichere Ereignis im Leben“. Die Musik: Anarchie jenseits majestätischer Berge und Alpenschokolade. Zeilen eines Chansons von Serge Gainsbourg „Le Paris on noir“ tauchten die Musiker um Croubalian ins Höhlenambiente – von da an verwandelte sich alles in Nachtmusik. Die Tuba unkte wie auf Meeresgrund, die Violine imitierte Grillenzirpen oder ächzte, als öffne sich eine verräterische Tür, Croubalian gab den Robes­pierre an der E-Gitarre: „Everything is quiet on earth, is dead“. Schöne Aussichten für die Schweiz.

Der Backround eines fantastischen Stimmentheaters blieb im Stöhnen, Heulen, Zischen und Flüstern gegenwärtig, selbst als ein Scheinwerfer zum Folk-Blues-Jazz-Mix-etc.-Groove („Sadness, sorrow, misery“) der Szene sein Dracula-Rot wie einen Mantel überwarf und Singen in Rufe, heiseren Sprechgesang oder rockige Ekstase überging, ferner Drogen („I can’t get enough from that stuff“) abgefeiert oder Dostojewski & Co zu Paten kritisch-resignativer Lebensphilosophie gekürt wurden („I have no memories“). „Dark spirit, fear, anger“, raunte die Band und schien Geräusche und Klänge ihrer Musik wie Schatten okkulten Karnevals für große Tote zu zelebrieren: fürs Seelenheil fröhlicher Lebender. Schamanische Untergangseuphorie zwischen Welten.

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