Kunsthalle Münster zeigt „Gravediggers“ der Griechin Janis Rafa
Abschied ohne Aufbruch

Münster -

Zwei Männer fahren durch die Gegend und kratzen Kadaver von der Straße.

Donnerstag, 11.01.2018, 09:01 Uhr

Den Tieren erweisen die Totengräber in „Gravediggers“ eine letzte Ehre. Die junge Griechin Janis Rafa berührt mit nachhaltig melancholischen Bildern, die eine Empfindung von Würde vermitteln können.
Den Tieren erweisen die Totengräber in „Gravediggers“ eine letzte Ehre. Die junge Griechin Janis Rafa berührt mit nachhaltig melancholischen Bildern, die eine Empfindung von Würde vermitteln können. Foto: Janis Rafa

Zwei Männer fahren durch die Gegend und kratzen Kadaver von der Straße. So lassen sich die 39 Minuten des Films „Gravediggers“ (2014) von Janis Rafa (Jahrgang 1984) zusammenfassen. Oder so: Zwei graubärtig würdevolle Bestatter lassen sich stoisch durch eine menschenleere Landschaft treiben auf der Suche nach gestorbenen Lebewesen, um diesen einen letzten Respekt zu erweisen.

Ein dunkel gestromter Boxer setzt die Erwartungshaltung sogleich auf das Morbide. Der Rüde läuft knapp eine Minute lang mit einer schmutzigen Hand im Maul auf einer Straße entlang. Dann rumpeln zwei alte Männer in ihrem rostroten Pick-up (einen Grabhügel auf der Ladefläche) auf den Betrachter zu; Perspektivwechsel auf eine lange Allee, ein Fleck in der Ferne kommt näher und näher: ein platt gefahrenes Tier.

Und es werden im Laufe dieses ruhigen Road-Movies viele Kreaturen: eine Katze, auf der die Reifenspuren noch zu sehen sind, ein Igel, der sich vermutlich noch bis zum Gulli schleppen konnte, wo er verendete. In einer würdevollen Seelenruhe pflücken die Totengräber wortlos die Kadaver-Reste respektvoll vom Asphalt, heben sie in eine Holzkiste, bedecken das verwesende Leben sorgsam mit Sand. Die Traurigkeit wird gespenstig, wenn die beiden von einem Feld Vögel im Dutzend auflesen, die wie ein apokalyptisches Zeichen vom Himmel gefallen zu sein scheinen.

Die Landschaften sind oft düster bedrohlich oder apathisch karg. „Friedensruhe“ spenden sommerliche Wiesen mit Gräsern sowie rot blühendem Mohn, wo sich die beiden von ihrer Sisyphos-Aufgabe ausruhen. Selbst Bedrohung wird still versinnbildlicht, wenn sich eine Schnecke zwischen ihren toten Mitschnecken über die Straße schiebt und sich am Horizont Autoscheinwerfer nähern . . .

Wie dem grimmigen Totengräber des antiken Griechenlands, Charon, folgen diesen Fährmännern und ihrem Toten-Wagen bellende Hunde, und am Schluss wühlt ein Streuner in der Erde des umgekippten Transporter-Grabs. Die beiden Männer liegen wie ihr Fahrzeug am Ende auf der Seite.

In diesem gottverlassenen „Arkadien“ der jungen Griechin (Athen und Amsterdam) suchen weltvergessen allein vergnügungssuchende Motocross-Fahrer oder eilige Autofahrer ihren Weg. Die beiden Männer kreisen zum Totenmarsch von Verdi ziellos um alte Autoreifen. Müllkippen, Brachen und still­liegende Baustellen erinnern an die Griechenlandkrise. Insofern schildert dieser so schön melancholische Film nicht nur die existenzielle Tristesse des Menschen, sondern gibt auch eine gesellschaftspolitische Stimmung wieder. Ein quälend langer Abschied ohne Aufbruch.

Zum Thema

Der Film „Gravediggers“ von Janis Rafa ist vom 12. bis 18. Januar im Rahmen der Ausstellung „Beyond Future Is Past“ (bis 10. März) in der Kunsthalle Münster, Hafenweg 28 (' 6 74 46 75), zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag (14 bis 19 Uhr) sowie Samstag und Sonntag (12 bis 18 Uhr).

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