Münsters Weihnachts-Kultfilm
„Alle Jahre wieder“ wird 50 Jahre alt - Marina Lappe erinnert sich

Münster -

Vor 51 Jahren drehten die Schamoni-Brüder in Münster den Weihnachtsfilm „Alle Jahre“ wieder, der für Münsteraner Kultstatus hat. Marina Lappe (61), die damals eine Kinderrolle spielte, erinnert sich an die Dreharbeiten. Eine Geschichte zum Fest, gut 50 Jahre nach dem Kino-Start.

Sonntag, 24.12.2017, 13:12 Uhr

An der Weihnachtskaffeetafel: Hannes Lücke (Hans-Dieter Schwarze) mit den Kindern Monika (Marina Lappe) und Andreas (Andreas Lentz).
An der Weihnachtskaffeetafel: Hannes Lücke (Hans-Dieter Schwarze) mit den Kindern Monika (Marina Lappe) und Andreas (Andreas Lentz). Foto: Schamoni Film

„Das ist so weit weg. Das ist schon gar nicht mehr wahr!“ Wenn Marina Lappe (61) ins Grübeln kommt, überschlagen sich ihre Gedanken. Immerhin ist seit den Dreharbeiten zu dem münsterischen Weihnachts­-Kultfilm „ Alle Jahre wieder “ in der Regie von Ulrich Schamoni ein halbes Jahrhundert vergangen. Dennoch drängen diese Erinnerungen immer wieder ins Bewusstsein, vor allem dann, wenn Marina Lappe, die heute in Troisdorf lebt, ihren Aktenordner mit Briefen, Fotos und Zeitungsartikeln zur Hand nimmt.

Der Film, den auch heute noch Jahr für Jahr viele Münsteraner zu den Feiertagen im Schlosstheater genießen oder mit der rundum erneuerten DVD im Heimkino anschauen, gilt zwar heute längst nicht mehr als dramaturgisches Meister­werk. Aber immerhin als eine treffende Zeit- und Mi­lieustudie.

„Alle Jahre wieder“ wird 50: Erinnerung an einen Münster-Kultfilm

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  • Marina Lappe bei Probeaufnahmen mit Regisseur Ulrich Schamoni

    Marina Lappe bei Probeaufnahmen mit Regisseur Ulrich Schamoni

    Foto: Schamoni Film
  • Marina Lappe beim Weihnachtsspaziergang im Film mit Hauptdarsteller Hans-Dieter Schwarze und Andreas Lentz.

    Foto: Schamoni Film
  • Marina Lappe beim Besuch unserer Redaktion. Die Erinnerung an die Dreharbeiten vor 50 Jahren sind lebendig.

    Foto: Jürgen Christ
  • An der Weihnachtskaffeetafel: Marina Lappe mit Hauptdarsteller Hans-Dieter Schwarze und Andreas Lentz.

    Foto: Schamoni Film
  • Marina Lappe beim Weihnachtsspaziergang im Film mit Hauptdarsteller Hans-Dieter Schwarze und Andreas Lentz.

    Foto: Schamoni Film
  • An der Weihnachtskaffeetafel: Marina Lappe mit Hauptdarsteller Hans-Dieter Schwarze und Andreas Lentz.

    Foto: Schamoni Film
  • Beim Spaziergang im Film: Marina Lappe mit Hauptdarsteller Hans-Dieter Schwarze und Andreas Lentz.

    Foto: Schamoni Film
  • Marina Lappe mit weiteren Darstellern des Films während der Dreharbeiten.

    Foto: Schamoni Film
  • Während der Drehpause. Rechts die Brüder Schamoni.

    Foto: Schamoni Film
  • Marina Lappe und Andreas Lentz bei den Dreharbeiten in Münster. Der Weihnachtsfilm aus Münster ist für Münsteraner längst „Kult“.

    Foto: Schamoni Film
  • Marina Lappe erinnert sich gerne an die Dreharbeiten vor 51 Jahren. Vor 50 Jahren kam der Film dann in die Kinos.

    Foto: Schamoni Film

Wie würde ein Münsteraner einem Fremden heute den Inhalt des Filmes erklären? Vielleicht so: Der Strei­fen dreht sich um Männer um die 40, also in der beginnenden Midlife-Krise, die im Münster der 1960er Jahre Weihnachten feiern, sich an Schul- und Flakhelferzeit erinnern und in der Luft hängen – familiär, beruflich, gesellschaftlich.

Marina Lappe beim Besuch unserer Zeitungsredaktion

Marina Lappe beim Besuch unserer Zeitungsredaktion Foto: Jürgen Christ

„Worum es in dem Film ging, habe ich damals gar nicht verstanden“, erzählt Marina Lappe, die 1975 Abitur am „Vorsehungskloster“ in Münster-­ St. Mauritz machte. Den Kinder-Darstellern des Films wurde einfach gesagt, es handele sich um einen Weihnachtsfilm, in dem der Vater Hannes Lücke (Hans-Dieter Schwarze) zu Weihnachten seine Familie in Münster besucht.

Die Handlung des Films

Hannes Lücke, Werbetexter aus Frankfurt am Main mit Wurzeln in Münster, fährt zum Weihnachtsfest zu sei­ner Familie, von der er ge­trennt lebt. Diesmal hat er seine Freundin Inge nach Münster mitge­bracht. Die Situation ist verzwickt. Mit Frau Lore und den Kindern singt Lücke Weihnachtslieder und spielt heile Welt, obwohl die Ehe zerbrochen ist. Im Hotel wartet derweil Liebchen Inge unge­duldig auf ihn. Sie will endlich eine Entscheidung von ihm und drängt ihn zum Gespräch mit seiner Ehefrau. Diese hingegen begehrt Hannes zurück, schon der Kin­der wegen. Der aber zeigt sich entscheidungs­schwach. Mit seiner Clique aus Schul- und Flakhelfertagen feiert er die Vergangenheit und er­tränkt das Weihnachtsfest im Alkohol. loy

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Auf einem Presse-Blatt aus jener Zeit ist Marina Lappe, die damals als junge Schülerin mit einigen Mitschülerinnen aus ihrer Cli­que häufiger bei Produktionen an den Städtischen Bühnen Statisterie-Rol­len annahm, als eine der Darstellerinnen aufgeführt: „Monika, Lückes Tochter (7): Marina Lappe“, so steht da zu lesen. Andreas Lentz, der Lückes Sohn An­dreas spielte, starb als junger Mann bei einem Unfall, wie Marina Lappe berichtet. „Ich bin eine der letzten lebenden Darsteller“, sinniert sie – und doch: Johannes Schaaf, der den Hotelier „Spezie“ im Hotel Busche am Horsteberg gab, reüssierte später als Darsteller und bedeutender Schauspiel- sowie Opernregisseur an vielen Bühnen in Deutschland und Österreich. Heute ist er 84 Jahre alt.

Marina Lappe ist ein Darstellungstyp. Das merkt man schon nach wenigen Sätzen. Bis heute fühlt sie sich Film, Fernsehen und Bühnen verbunden, auch wenn das Leben ihr andere Wege vorschrieb. Die Mutter steckte das Töchterchen in die Ballettschule, 1964 stand sie im Theater Münster erstmals auf der Bühne. Für Weihnachtsmärchen wurden immer Kindertalente gesucht. Also wurde auch Ulrich Schamoni bei der Filmbesetzung auf sie aufmerksam. Die Probeaufnahmen klappten gut, also war die Sache schnell geritzt. Erster Drehtag war der 17. Dezember 1966 in Essen, da ging es um die Tanzschulen-Szenen, in die auch eine Weihnachtsaufführung integriert war. Am 21. Dezember dann die Fortsetzung in der Wohnung Mazzotti an der Bergstraße 60. ,,Es roch muffig und so war es ja auch“, erinnert sich Lappe. Dicke Möbel, Plüschsofa, Stehlampe. Auch die „Ana­nastorte“ ist ihr in üb­ler Erinnerung. Denn die Kaffeetafel-Szene des Ersten Weihnachtstages sollte abgedreht werden. Immer wieder musste Marina Lappe die Gabel mit der Torte in den Mund schieben.

Besetzung des Films

Hanns-Dieter Schwarze, Jahrgang 1926, Schauspieler aus Münster, spielte die Rolle des Hannes Lücke. Schwarze, später auch als Regisseur, In­tendant und Autor erfolg­reich, starb 1998. Sabine Sin­jen, die sein Liebchen Inge verkörpert, zählte zu den gefrag­testen deutschen Darstelle­rinnen der l960er bis l980er Jahre. Sie starb 1995. Ulla Ja­cobssen (1929-1982) war in ihren besten Jahren ein internationaler Filmstar. Sie spielte in Ingmar Bergmans „Das Lächeln einer Sommer­nacht“ (1955) und 1965 mit Kirk Douglas in „Kennwort Schweres Wasser“.

In Rainer Werner Fassbin­ders Film „Faustrecht der Freiheit“ (1975) stand sie noch einmal vor der Kame­ra. Ende der 1970er Jahre zog sie sich krankheitsbedingt aus dem Film- und Fernsehgeschäft zurück. 

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Am 27. September 1967 feierte der Streifen in Münster seine Premiere. Waren die Münsteraner, die damals noch stärker als heute unter Provinz-Komplexen litten, durchaus noch von den Dreharbeiten begeistert, schlug die Stimmung auf­grund des gesell­ schaftskriti­schen Ansatzes des Films merklich um. Männerchöre mit Heimatgesang, Spießer mit dicken Kassengestellen auf der Nase, Kneipendunst, Breitmaulsprache, Suff, die familiäre Zerrüttung, und zu alledem noch ein Weihnachtsprediger, der an die Menschen in „Vittnamm“ erinnerte, das passte nicht so recht ins Weltbild des braven Münsteraners.

Weihnachtsspaziergang im Film mit Hauptdarsteller Hans-Dieter Schwarze und Andreas Lentz.

Weihnachtsspaziergang im Film mit Hauptdarsteller Hans-Dieter Schwarze und Andreas Lentz. Foto: Schamoni Film

Das „Vorsehungskloster“ war übrigens gnädig gewesen und hatte der jungen Akteurin für die Dreharbeiten freigegeben. Marina Lappe hatte Ki­no-Luft geschnuppert. Am Theater kamen kleinere Rol­lenangebote auf sie zu. 1978 tanzte sie dort ein letztes Mal im Musical „Cabaret“ – nach rund 45 Produktionen. Die Eltern drängten, „etwas Or­dentliches zu lernen“. Also wurde Marina Lappe Fremd­sprachensekretärin, lebte in Nigeria und Frankreich. Ab und an gab es später kleine Filmintermezzi und Auftritte in TV-Produktionen. Nach schwerem Schicksalsschlag – ihr Mann starb 2001 fünf Wochen nach der Hochzeit – sattelte sie beruflich um, machte sich als Schmuck­verkäuferin selbstständig. Heute hat sie eine kleine eigene Management-Agen­tur für Künstler.

Familiäre Kontakte führen Marina Lappe weiter nach Münster. Alle Jahre wieder kommen dann auch die Erinnerungen zurück an „Alle Jahre wieder“.

Preise

Der Film war an den Kinokassen kein durchschlagender Erfolg. Er lief im Wettbewerb der Berlinale 1967. Michael Lentz aus Münster erhielt einen Silbernen Bären für sein Drehbuch, die Darsteller Hans-Dieter Schwarze und Ulla Jacobsson wurden mit dem Bundesfilmpreis in Gold ausgezeichnet. Ulrich Schamoni erhielt den Fipresci-Preis, sein Bruder Peter Scha­moni gewann den mit 300.000 Mark dotierten Bundesfilmpreis in Silber. Das Preisgeld bildete die Produktionsgrundlage für den Film „Zur Sache, Schätzchen“.

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