Die Leseabende des Lyrikertreffens bieten Poesie in ihrer ganzen Vielfalt
Rätsel, die den Kopf beleben

Münster -

Mit dem Ausspruch „Das lange Gedicht lebt“ legt die junge Dichterin Daniela Danz den roten Faden aus, der sich durch die Abendlesungen des „Internationalen Lyrikertreffens 2015“ am Freitag und Samstag im ausverkauften Kleinen Haus zieht. Folgerichtig gut gestärkt nach einem gemeinschaftlichen Essen beim Italiener, legen die Lyriker nacheinander mit ausgewählten Texten los.

Sonntag, 10.05.2015, 17:05 Uhr

Lyriker vor historischer Theaterkulisse in Münster: 
Lyriker vor historischer Theaterkulisse in Münster:  Foto: Peter Sauer

Uljana Wolf (Berlin/New York) stellt sogar ihren Timer ein, liest mit zarter, klarer Stimme Prosagedichte in der Kunstsprache „Lengevitch“, welche bekannte Worte und Metaphern spannend mischt, neu erfindet und so mit den Grenzen sprachlicher Verständigung spielt. Für Zuschauerin Hildegard Finke aus Lingen ein „spannendes Rätsel, das den Kopf belebt“. In ihren Gedichten löst sich Wolf von der üblichen Bauweise, schreibt links- und rechtsbündig. Was das bedeutet, fragt anschließend Moderator Hermann Wallmann kess. „Ich kann nicht mehr die Zeilen brechen“, erwidert Wolf.

Lyriker Thomas Kunst (Leipzig) begeistert mit trockenem Humor, unprätentiöser Erscheinung im orangen Kapuzenshirt und Coolness. Sein Text von der Suche eines Mannes, der so lange am Strand neben einer Frau herläuft, „bis wir uns lieben“, bleibt im Kopf, bringt Seele und Zwerchfell in Bewegung, auch weil Kunst in seinen Sonetten exzellent erzählt. Seine Pointen zünden. Es gibt Zwischenapplaus, wird herzhaft gelacht. „Ich brauche das Englische, wenn mir auf Deutsch nichts mehr einfällt.“ Und wenn gar nichts mehr geht? „ Dann schreibe ich immer einen Brief.“

Daniela Danz (Eisenach) erkundet – passend zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs – ihr Vaterland. „Ich hatte überlegt, ob ich beim Lesen kürzen könnte. Aber das war mir dann doch zu gewagt.“ Applaus. Tadeusz Dąbrowski aus Danzig in Polen gelingt „eine wunderbare Mischung aus Alltagsmelancholie und koketten Humor“, urteilt Zuhörer Bernd Franciok. Eher „leise, aber nicht weniger intensiv“ sind die Gedichte von Silke Scheuermann (Offenbach/Main) für Xaver Grosskopf. Sie verinnerlichten „gekonnt die Prozesse des Werdens und Vergehens“.

Nach längerem Stadtrundgang am Samstag müsste Esther Kinsky (Berlin/Battony in Ungarn) für ihre lyrische Lesung eigentlich genug Energie getankt haben. Sie trägt einen sehr langen Text interpunktionslos vor. Dieser Kleinod-Zyklus über „gestörtes Gelände“ ist zwar bildreich und detailliert, doch Kinskys Vorlesestimme ist so eintönig, dass es einigen Zuschauern schwerfällt, ihr zu folgen.

Die Dynamik findet sich dagegen bei der Österreicherin Maja Haderlap (Bad Eisenkappel) und ihren bildhaften Verdichtungen, etwa wenn ein Dorf den Weg sucht „zurück aus der Abwesenheit“. Gedichte sind für sie „Leben-Esser“ zwischen dem Deutschen und ihrer slowenischen „Großmuttersprache“. Für Haderlap sind dies „zwei unterschiedliche Räume mit offenen Türen und schlimmem Durchzug“.

Ob mit Grottenolmen oder Beerdigungen: Heinrich Detering (Göttingen) gelingt beim Lyrikertreffen die Kunst, Schweres leicht und Erhabenes bodenständig zu formulieren. Dichten war mit 18 gegenüber seinen Eltern wie ein Coming-out: „Das war eine schwierige Phase, aber: Ich bin Dichter, wie man Linkshänder ist: Immer!“ Detering schätzt „die sehr konzentrierte, entspannte und meditative Stimmung“ des Lyrikertreffens. Meditative Energie findet er auch in der Stadt: „Am Domhof ist es am schönsten.“

Für Maja Haderlap ist Münster eine „schöne, also eine slowenische Stadt“, auch weil sie nach dem Dreißigjährigen Krieg viele Flüchtlinge aufgenommen habe.

Poesiepreis-Träger Charles Bernstein aus Philadelphia an der Ostküste Amerikas spuckt furios Geräusche, Buchstaben, Worte und Slogans aus, wie ein frisch erwachter Vulkan. Selbstironie inklusive: „In Münster bin ich ein protestantischer Dichter.“ Mundfaul reagiert er allerdings auf Fragen. Vier Übersetzer und das Übersetzerkollektiv „Versatorium“ präsentieren mit ihm lieber seine Übersetzungen in einer Performance. Ein schmaler Grad zwischen Kunst und Gaga-Ulk.

Einige irritierte Zuschauer gehen – mit Kommentaren wie „Alles Anarchisten“ und „Zu amerikanisch“. Doch das ist ja die besondere Komik – das reine Übersetzen ad absurdum zu führen. „Allein Shakespeares Sonett 66 hat 150 Übersetzungen“, merkt Co-Moderatorin Alida Bremer an. Beide Abende zeigen, wie gut Lyrik in ihrer Vielsprachigkeit sein kann – wenn nur Grenzen aufgebrochen werden zwischen Nationalsprachen, Inhalt und Form.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3246120?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F4848586%2F4848594%2F
Wiedersehensfreude in Albachten
Große Wiedersehensfreude in Albachten: Mama Honorata und Christian Schlichter von den Maltesern mit Agata. Dem polnischen Mädchen geht es dank der Operation in Münster erheblich besser.
Nachrichten-Ticker