Amokfahrt in Münster
Als Helfer plötzlich mittendrin in der Katastrophe

Münster -

Der Anruf ereilte sie auf der Terrasse, mitten am freien Samstagnachmittag. Und plötzlich waren die Helfer mittendrin in der Katastrophe. Selbstlos, schnell und professionell leisteten am 7. April 2018 viele Menschen Hilfe.

Samstag, 06.04.2019, 16:00 Uhr aktualisiert: 06.04.2019, 16:10 Uhr
Ein Meer aus Blumen und Lichtern war in den Tagen nach der Amokfahrt am Kiepenkerl ein Zeichen der Solidarität der Stadtgesellschaft mit den Opfern. Foto: Klaus Meyer

Ab und an, wenn im Stadtgebiet wieder eine Weltkriegsbombe gefunden wird, dann weist Feuerwehrsprecher Jörg Rosenkranz schon mal darauf hin, dass der Münsteraner auch schwierig sein kann. Dann bedarf es laut Rosenkranz hier und da schon mal einer eindringlicheren Bitte, den Evakuierungsbereich schnellstmöglich zu verlassen.

Doch wenn der 47-Jährige, selbst geborener Münsteraner, an den 7. April 2018 denkt, den Tag als der psychisch kranke Jens R. mit seinem Kleinbus in eine Menschenmenge am Kiepenkerl fuhr, dann spricht Rosenkranz mit nichts anderem als Hochachtung von den Münsteranern. „Wie selbstlos und hilfsbereit die Menschen agiert haben, das war außergewöhnlich“, sagt er.

Es ging alles ganz schnell

Er selbst erfuhr auf seiner Terrasse von den Ereignissen: „Zunächst dachte ich, es handele sich um eine Übung“, erinnert sich Rosenkranz an die Alarmierung. Dann ging alles schnell. Nur wenig später war Rosenkranz schon als einer der ersten professionellen Helfer vor Ort. Er koordinierte zunächst, wer wie erstversorgt werden musste. Später fungierte er als Ansprechpartner für die zahlreichen Medienvertreter und hielt die Stadtverwaltung sprachfähig: „Denn die kamen ja auch nicht mehr ran, nachdem abgesperrt worden war“, erinnert sich Rosenkranz.

Chronologie der Amokfahrt in Bildern

1/42
  • Samstag, 7. April, 15.27: Ein silberfarbener Camping-Bus rast auf den Platz am Kiepenkerl. Am ersten schönen Frühlingstag sitzen zahlreiche Menschen auf dem Platz vor der Gaststätte Kiepenkerl. Die Amokfahrt eines Mannes macht aus dem gutbürgerlichen Idyll eine grauenvolle Szenerie: Zwei Menschen kommen ums Leben, über 20 werden zum Teil schwer verletzt. Der Täter erschießt sich nach der Tat selbst.

    Samstag, 7. April, 15.27: Ein silberfarbener Camping-Bus rast auf den Platz am Kiepenkerl. Am ersten schönen Frühlingstag sitzen zahlreiche Menschen auf dem Platz vor der Gaststätte Kiepenkerl. Die Amokfahrt eines Mannes macht aus dem gutbürgerlichen Idyll eine grauenvolle Szenerie: Zwei Menschen kommen ums Leben, über 20 werden zum Teil schwer verletzt. Der Täter erschießt sich nach der Tat selbst.

    Foto: Stephan R./dpa
  • Kurz nach der Tat herrscht Chaos auf dem Platz. Passanten leisten den Verletzten Erste Hilfe.

    Foto: privat
  • Schnell sind die Einsatzkräfte der Polizei und der Feuerwehr vor Ort. Die Erstversorgung läuft wenige Minuten nach der Tat an. Weil fast zeitgleich eine Demonstration von 1500 Kurden in Münster beginnen soll, befinden sich zahlreiche Polizeikräfte in der Stadt, die zum Einsatzort am Kiepenkerl eilen.

    Foto: Oliver Werner
  • Foto: imago stock&people (Archiv) / Grafik Jürgen Christ
  • Nach der Erstversorgung werden die Verletzten in die Krankenhäuser der Stadt gebracht.

    Foto: Oliver Werner
  • Zunächst ist nur der unmittelbare Bereich um den Tatort abgesperrt...

    Foto: Oliver Werner
  • ... doch nach und nach macht die Polizei die gesamte Innenstadt zur Sperrzone. Denn die Hintergründe der Tat sind noch völlig unklar.

    Foto: Oliver Werner
  • War es ein islamistischer Anschlag? Sind weitere Täter auf der Flucht? Die Gerüchte schießen eine Stunde nach der Tat ins Kraut.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Weil die Einsatzlage zunächst unklar ist, mobilisiert die Polizei mehrere Hundertschaften, die sich vor dem Polizeipräsidium am Friesenring sammeln.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der Domplatz wird zum Sammelpunkt der Einsatzkräfte. Auch schwer bewaffnete Spezialkräfte der Polizei sind vor Ort.

    Foto: Bernd Thissen/dpa
  • Was schnell klar ist: Die meisten Schwerverletzten der Amokfahrt kommen nach Angaben der Uniklinik Münster (UKM) aus dem Münsterland, aber auch aus Hamm, dem niedersächsischen Vechta und den Niederlanden.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Auf dem Schlossplatz sind derweil einige Rettungshubschrauber gelandet. In den ersten Stunden nach der Tat sind laufend Hubschraubermotoren zu hören.

    Foto: Jürgen Grimmelt
  • Ein Inder hält sich in der Sperrzone auf und versteht die Anweisungen der Polizei nicht. Da die Gefahrenlage zu dem Zeitpunkt nicht geklärt ist, fordern die in alle Richtungen ermittelnden Beamten den Mann auf, sich auf den Boden zu legen, wie in einem Video zu sehen ist, das kurz nach der Tat im Netz kursiert. Schnell stellt sich heraus: Der Mann aus Indien hat nichts mit der Sache zu tun.

    Foto: Screenshot/privat
  • Schlange stehen, um zu helfen: Das Uniklinikum ruft am frühen Samstagabend zur Blutspende für die Verletzten auf. Prompt kommen 300 Münsteraner an die Domagkstraße. Bis nach Mitternacht wird schließlich 175 Freiwilligen Blut abgenommen. Überwältigt von der Solidarität bedankt sich das UKM später bei den Helfern.

    Foto: Maren Baars
  • Noch am Samstag ist die Identität des Amokfahrers geklärt: Jens R., wohnhaft in Münster, 48 Jahre alt, Industriedesigner, geboren in Olsberg (Sauerland). Im Laufe des Abends verdichten sich die Anzeichen, dass der von der Polizei als psychisch labil eingestufte Mann allein gehandelt hat. Das Motiv bleibt jedoch zunächst unklar.

    Foto: Privat
  • Polizisten durchsuchen bereits am Samstagabend die Wohnung des Täters in der Zumbroockstraße. Am Sonntag setzen sie die Suche fort. Dabei entdeckten die Ermittler mehrere Gasflaschen, Kanister mit Bioethanol und Benzin sowie eine Deko-Waffe und Polen-Böller. Hinweise auf eine politisch motivierte Tat werden nicht entdeckt.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Die Spurensicherung ist auch am späten Samstagabend noch am Tatort. Die Beamten haben außerdem Sprengstoffexperten hinzugezogen. In dem Fahrzeug befindet sich ein verdächtiger Gegenstand...

    Foto: Marius Becker/dpa
  • ... der sich aber als ungefährlich herausstellt. Das Fahrzeug des Täters wird erst in der Nacht zu Sonntag abgeschleppt.

    Foto: David Young/dpa
  • Sichtlich mitgenommen sieht Oberbürgermeister Markus Lewe am späten Samstagabend aus. In Interviews drückt er sein Beileid aus, zeigt sich tief betroffen und lobt die Solidarität der Münsteraner.

    Foto: Oliver Werner
  • Noch am Abend werden Kerzen angezündet und Blumen für die Opfer niedergelegt.

    Foto: dpa
  • Am Tag danach dominiert Trauer und Fassungslosigkeit die Stadt.

    Foto: Oliver Werner
  • Der Platz am Kiepenkerl ist am Sonntagmorgen zunächst noch abgesperrt,...

    Foto: Wilfried Gerharz
  • ...der Rest der Innenstadt ist aber wieder frei zugänglich.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Als der Kiepenkerl-Platz freigegeben wird, hinterlegen die ersten Passanten Blumen. Viele können das Geschehene immer noch nicht fassen.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Am Sonntagmittag kommt Politikprominenz zur Gedenkminute an den Tatort: (v.l.) Münsters Oberbürgermeister, Markus Lewe, NRW-Innenminister Herbert Reul, Bundesinnenminister Horst Seehofer und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet gedenken der Opfer...

    Foto: Marius Becker/dpa
  • ... und tragen sich ins Kondolenzbuch im Rathaus ein.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Unter dem Spruch "In stiller Trauer" sieht man die Unterschriften der Politiker.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Die Amokfahrt ruft zahlreiche Medienvertreter auf den Plan. Hier ist Bundesinnenminister Horst Seehofer umringt von Kameras und Mikrofonen.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Am Sonntagabend nehmen 1500 Menschen an einem ökumenischen Gedenkgottesdienst im Paulus-Dom teil.

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • Der Andrang ist riesig: Im Dom müssen die meisten Gottesdienstbesucher stehen.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Zu den zahlreichen prominenten Besuchern gehören auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (2.v.l.) und Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (r.)

    Foto: Oliver Werner
  • Bischof Felix Genn (2.v.r.) und Münsters Superintendent Ulf Schlien entzünden während des Gottesdienstes Kerzen.

    Foto: Oliver Werner
  • Viele weitere Gottesdienstbesucher entzünden Kerzen und stellen sie vor dem Dom ab.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Auch vor dem Kiepenkerl-Denkmal werden Kerzen angezündet und Blumen abgelegt.

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • Am Montagmorgen hält Oberbürgermeister Markus Lewe noch einmal vor dem Meer aus Blumen und Kerzen vor dem Kiepenkerl inne.

    Foto: Guido Kirchner
  • Karl Hans-Joachim Kunze steht, nachdem das SEK in der Nacht zum Sonntag seine Wohnung in Pirna gestürmt hat, mit den Teilen des Türschlosses vor seiner Wohnungstür. Jens R. hatte einst dort gewohnt. In einer anderen Wohnung des Täters, ebenfalls bei Dresden, finden Ermittler am Sonntag ein 18-seitiges Schreiben. Dabei handelt es sich um eine Art „Lebensbeichte“, die Hinweise auf suizidale Gedanken von Jens R. geben.

    Foto: Daniel Förster
  • Thomas van den Hooven (Pflegedirektor UKM, v.l.), Prof. Dr. Robert Nitsch (Ärztlicher Direktor UKM) und Prof. Dr. Michael Raschke (stellvertretender Ärztlicher Direktor UKM) informieren während einer Pressekonferenz am Sonntag über die Patienten. Drei Schwerstverletzte werden zu dem Zeitpunkt im UKM behandelt, zwei weitere im Clemenshospital. Später am Tag wird bekannt, dass auch Chiara Hoenhorst, eine Volleyballspielerin des USC Münster, durch die Amokfahrt schwer verletzt wurde.

    Foto: Oliver Werner
  • Auch am Dienstag sind vor dem Kiepenkerl Trauerbekundungen zu sehen. Die Gaststätte kündigt an, auf Wunsch der Belegschaft am Mittwoch wieder zu öffnen.

    Foto: Oliver Werner
  • Passanten halten am Dienstag am Tatort inne und gedenken der Opfer.

    Foto: Oliver Werner
  • Vor der Bezirksregierung hängen die Flaggen weiter auf Halbmast.

    Foto: Oliver Werner
  • Eine Stadt steht zusammen: Auch drei Tage nach der Amokfahrt drücken die Münsteraner an vielen Orten und auf verschiedene Arten ihr Mitgefühl gegenüber den Betroffenen aus.

    Foto: Oliver Werner
  • Hätte die Amokfahrt von Münster verhindert werden können? Hätten die Gesundheitsbehörden eingreifen müssen? Nein, sagt Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (2.v.l.) entschieden auf einer Pressekonferenz am Dienstagmittag. Die Amokfahrt von Münster hätte nach Einschätzung von Lewe nicht verhindert werden können.

    Foto: Oliver Werner

Für den Feuerwehrbediensteten, ein Mann voll innerer Ruhe, war es ein Tag, dessen Bilder er eigenen Angaben zufolge nie wieder aus dem Kopf bekommen wird. Auf einem kurz nach der Tat kursierenden Foto sieht er noch seine Sachen auf dem Boden liegen. Immer wieder kommt er im Gespräch auch auf die vermeintliche Bombe zu sprechen, die Einsatzkräfte nach einiger Zeit im Auto des Amokfahrers vermuteten. „Ich weiß nicht, wie oft ich da den Kopf rein gehalten habe“, sagt Rosenkranz.

IMG_7530

Feuerwehrsprecher Jörg Rosenkranz Foto: Björn Meyer

Wir hatten den Katholikentag vor der Brust und in diesem Zuge unsere Konzepte überdacht. Es hat funktioniert.

Feuerwehrsprecher Jörg Rosenkranz

Doch bei all dem Leid, das an diesem 7. April ausgelöst wurde – als Feuerwehrmann zieht Rosenkranz ein, so verstörend das im ersten Moment klingen mag, positives Fazit. Das jahrelange Training habe sich ausgezahlt. Glück im Unglück zudem: „Wir hatten den Katholikentag vor der Brust und in diesem Zuge unsere Konzepte überdacht. Es hat funktioniert.“

Auf den Katholikentag kommt auch Professor Dr. Michael Raschke , Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum, zu sprechen, wenn er an den Tag der Amokfahrt denkt. Denn auch das UKM habe im Vorfeld der Großveranstaltung alle möglichen Szenarien durchgespielt. Zudem habe der konkrete Zeitpunkt der Amokfahrt dem Klinikum viele Möglichkeiten eröffnet.

Alarmplan im UKM ausgelöst

An diesem Samstag habe nur wenig im UKM angestanden, erzählt Raschke. Er selber habe später am Tag noch operieren sollen, doch dann sei er angerufen worden. Er solle lieber früher in die Klinik kommen, habe man ihm gesagt. „Da war aber noch nichts klar“, sagt Raschke. Erst als er im UKM eingetroffen sei, wurde die Tragödie gewiss. „Wir haben den speziellen Einsatz- und Alarmplan ausgelöst“, rekapituliert der Mediziner. Unter anderem wurden die Aufwachbereiche zur Intensivstation umfunktioniert: „Das geht in nullkommanix.“

Raschke_18_06_20

Professor Dr. Michael Raschke, Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum Foto: UKM

7. April 2018: Die Amokfahrt von Münster

Für rund zwei Stunden herrscht am Samstag, dem 7. April 2018 in Münster der absolute Ausnahmezustand, nachdem ein 48 Jahre alter Münsteraner am Nachmittag mit einem Campingbus in eine Menschenmenge am Kie­pen­kerl-­ Denkmal mitten in der Stadt gefahren ist. Am Ende sind fünf Menschen tot und mehr als 20 schwer verletzt. Unter den Toten ist auch der Täter, der sich nach der Amokfahrt  selbst gerichtet hatte.

Innerhalb kürzester Zeit hat die Polizei die Innenstadt komplett abgesperrt. Über 1000 Beamte sind bis in die Nacht hinein im Einsatz. Relativ schnell ist klar: Die Amokfahrt hat keinen terroristischen Hintergrund. Sie ist vielmehr die Tat eines Menschen, der unter erheblichen psychischen und körperlichen Problemen litt.

Deutsche Spitzenpolitiker zeigen sich nach dem schrecklichen Ereignis entsetzt und sprechen Opfern wie Angehörigen ihre Anteilnahme aus. „Die Meldungen, die uns aus Münster erreichen, sind schrecklich“, sagt Bundespräsident Steinmeier</span> noch am Samstag. Bundeskanzlerin Merkel erklärt, sie sei „zutiefst erschüttert“ von den „entsetzlichen Geschehnissen“.

Münster trauert: Am Sonntag kommen Hunderte zum Ort des Geschehens, um der Opfer zu gedenken und Blumen niederzulegen. Gekommen sind an diesem Tag auch Bundesinnenminister Horst Seehofer, Landesinnenminister Herbert Reul und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Am Abend findet im Dom ein ökumenischer Gedenkgottesdienst statt, an dem mehr als 1600 Menschen teilnehmen. Die Stadtgesellschaft steht zusammen. (Elmar Ries)

...

Während es dabei um geprobte Routine geht, erinnert sich Raschke an etwas anderes, das ihn bis heute beeindruckt. Der Alarmierung folgten nicht etwa nur Mediziner. „In 25 Minuten hatten wir 250 Personen da – aus allen Berufsgruppen. Küche, Verwaltung, IT-Spezialisten, alle sind gekommen“, sagt Raschke und fügt an: „So traurig der Tag auch war, für das UKM war es in schwierigen Zeiten auch eine Umkehr zum Guten.“ Auch er selber habe noch einmal feststellen dürfen, welch Privileg es ist, anderen Menschen zu helfen. „Medizin ist ja nicht nur ein Job“, so Raschke.

 

Wie wir den 7. April 2018 erlebt haben

1/6
  • Amokfahrt online

    Fassungslos im Theater

    Wie die Preußen an dem Samstag  gespielt haben? Ich weiß es nicht mehr. Von der Amokfahrt hörte ich im Stadion, jemand rief mich an. Als ich dann mein Auto am Rathaus parkte, war die Rede von mehreren bewaffneten Attentätern, die noch in der Innenstadt unterwegs seien. Tausende Menschen flanierten an diesem ersten warmen Frühlingstag durch Münsters Fußgängerzone, immer mehr schwer bewaffnete Polizei rückte an. Erst später klärte sich auf, dass es sich um einen psychisch gestörten Einzeltäter ohne politisches Motiv handelte. Im dunklen Foyer des Theaters, nur einige Hundert Meter vom Tatort entfernt, traf ich auf Oberbürgermeister Lewe. So fassungslos hatte ich ihn noch nie gesehen – mir ging es genauso. (Ralf Repöhler)

    Foto: diverse
  • Anruf in der Davert

    Ein Tag, wie geschaffen für eine Radtour. Nach einem Zwischenstopp in einem Eiscafé in Amelsbüren steuerte ich die Davert an. Mitten im Wald, dessen Boden von blühenden Buschwindröschen übersät war, klingelte mein Handy. „Ist bei Dir alles in Ordnung?“, fragte meine Mutter. „Was ist denn los?“ erkundigte ich mich – dort, wo ich gerade war, gab es keinen Internetempfang. Sie berichtete von einem Zwischenfall am Kiepenkerl. Ich machte kehrt, dann klingelte das Handy erneut. Der erste Kollegenanruf. Wo ich sei, wie schnell ich in der Stadt sein könne. Dann Internetempfang: Eil-Nachrichten von Welt, CNN, BBC News ploppten auf. Eine halbe Stunde später traf ich mit dem Rad am Domplatz ein. (Martin Kalitschke)

    Foto: diverse
  • Kein Dienst wie sonst

    Der Frühlingstag fing richtig schön mit Sonnenschein und dem üblichen Samstagseinkauf auf dem Markt an. Nur den geplanten Stadtbummel hatten wir morgens zugunsten der Gartenarbeit verschoben. Dann hörten wir das erste Martinshorn. An sich in der Stadt nichts Ungewöhnliches. Nur das Einsatzhorn hörte nicht mehr auf. Das Telefon klingelte. Mein Bruder, mein Patenkind aus Amerika und Freunde riefen an: „Geht es Euch gut?“ Ein Blick ins Internet genügte.  Ich warf Block und Kamera in die Tasche und raste zum Tibus. Zu Hause hätte ich jetzt nicht bleiben können. Vor Ort traf ich auf Kollegen und auf viel Polizei. Es war kein Dienst wie sonst üblich. Der 7. April 2018 hat mich getroffen und bewegt. (Gabriele Hillmoth)

    Foto: diverse
  • Innehalten im Entsetzen

    Meinen gerade angereisten Wochenendbesuch lasse ich allein auf der Terrasse sitzen, als die ersten Nachrichten im Netz auftauchen. Ich fahre mit dem Rad los. Am Kreisel die erste Sperre, schwer bewaffnete Polizei. Ich darf weiter Richtung Innenstadt, rede mit Passanten, helfe, unseren Live-Ticker zu füllen. Auf der Ludgeristraße registriere ich fast gleichzeitig zwei Tweets. Der eine aus zuverlässiger Quelle  besagt, dass es kein islamistischer Anschlag  war, der andere von AfD-Politikerin von Storch, die „Danke Merkel“ twittert. Innehalten im persönlichen Alarmzustand: Dieser Anschlag ist nicht nur an sich entsetzlich – es ist auch furchtbar, was daraus gemacht wird. Wir Journalisten tragen hier Verantwortung – für besonnenes Berichten. (Karin Völker)

    Foto: diverse
  • Keine Zeit für Verarbeitung

    Der Grill war gerade angefeuert, die Salate standen auf dem Tisch – dem Tag mit Freunden im Garten stand eigentlich nichts im Wege. Bis ungewöhnlich oft Hubschrauber über uns kreisten. Irgendetwas muss passiert sein, dachte ich, blickte auf das Handy und sah die erste Meldung von der Amokfahrt. Sofort habe ich die diensthabende Kollegin in der Online-Redaktion angerufen, um zu fragen, ob sie Hilfe benötigt. Und die war nötig. In der Redaktion standen die Telefone über Stunden nicht mehr still. Eine Flut von Informationen und Bildern erreichten uns am Online-Desk. Zeit, um die Tragweite dessen zu begreifen, was da eigentlich passiert war, gab es erst nach Mitternacht, als die Arbeit für den Tag getan war. (Pjer Biederstädt)

    Foto: diverse
  • Nationaler Rechenfehler

    Ich könnte hier schreiben, wie ich an jenem Tag über eine Demonstration berichten sollte. Wie ich stutzig wurde, als Polizisten von dort abgezogen wurden. Wie ich unseren Fotografen in die Stadt schickte. Und wie er mich zurückrief und nur sagte: „Komm sofort hier hin!“ Doch eingebrannt hat sich etwas anderes: Nämlich wie plötzlich diverse Medien aus drei Toten vier machten – obwohl der Polizeisprecher lediglich gesagt hatte, dass es drei Tote gebe, der Täter sich selbst gerichtet habe. Sogar in unserer Berichterstattung tauchte der vierte Tote online kurz auf. „Alle schreiben das“, hieß es auf meine Nachfrage. Ich protestierte. Was bleibt ist die Mahnung, dass nicht Schnelligkeit, sondern Genauigkeit das höchste Gut des Journalismus ist. (Björn Meyer)

    Foto: diverse

 

Natürlich geht einem das nahe, aber wenn es einen zu sehr anfasst, ist man nicht mehr professionell.

Prof. Dr. Michael Raschke

Letztlich habe die Klinik zehn Patienten aufgenommen, acht davon stationär. „Wir hätten viel mehr gekonnt“, urteilt Raschke und verweist auf die „geballte medizinische Kompetenz“, die an diesem Tag zur Verfügung gestanden habe. Dennoch habe der 7. April vor allem demütig gemacht. Allein 40 Mal sei ein einzelner Patient aus den Niederlanden operiert worden. Schließlich verstarb er. „Natürlich geht einem das nahe, aber wenn es einen zu sehr anfasst, ist man nicht mehr professionell“, gibt Raschke einen Einblick in die innere Gefühlslage.

Rosenkranz und Rascke – es sind nur zwei Namen der vielen Helfer, die an diesem Tag Leben retteten. Für vier Opfer und den Täter kam diese Hilfe zu spät.


Nur wenige Kranke sind eine Gefahr

Vor einem Jahr fährt ein Münsteraner auf den belebten  Kiepenkerlplatz, im Herbst nimmt ein Syrer Geiseln am Hauptbahnhof im Köln, in der Silvesternacht steuert ein Deutscher sein Auto im Ruhrgebiet mehrmals gezielt in Menschenmengen. Die Gemeinsamkeit dieser Täter: Alle waren wegen psychischer Störungen auffällig geworden, waren Gesundheitsämtern oder Therapeuten bekannt.

Die Reihung von Amoktaten hat das Bundeskriminalamt dazu veranlasst, Therapeuten aufzufordern, ihre Spielräume im Rahmen der Schweigepflicht zu nutzen, um solche Taten eventuell zu verhindern. Was empfindet Dr. Annette Siemer-Eikelmann, die Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes im städtischen Gesundheitsamt angesichts solcher Töne – und was ein Jahr nach der Amokfahrt   in Münster – verübt von einem Täter, der dem Gesundheitsamt bekannt war.

„Wir nutzen die Spielräume – so, wie es das Gesetz es vorsieht“,  erklärt die Ärztin und nennt Zahlen. Das 14-köpfige Team des sozialpsychiatrischen Dienstes hatte es im vergangenen Jahr mit 1753 Klienten zu tun, es gab 149 Notfälle, die das Eingreifen der Ärzte und Sozialpädagogen erforderten.

Arbeit mit Vier-Augen-Prinzip

In 22 Fällen wurden Menschen gegen ihren Willen in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen – wenn sie sich selbst oder andere zu gefährden drohten. Das Team arbeitet im Vier-Augen-Prinzip und bespricht die Fälle. „Bei jeder Diagnose prüfen wir Punkte ab, die darauf hinwiesen, ob jemand für sich oder andere eine Gefahr darstellt.“

Eines ist Siemer-Eikelmann sehr wichtig: Wenn es zu einer Straftat kommt, ist es nicht sicher, dass die psychische Störung dafür ursächlich ist.“ Und: Ereignisse wie die Amokfahrt von Münster lösen bei  Psychiatern und Therapeuten natürlich große Betroffenheit aus – aber auch die Sorge, dass Menschen mit psychischen Störungen als grundsätzlich gefährlich abgestempelt werden: „Die überwältigende Mehrheit der psychisch Erkrankten ist niemals gewalttätig oder gefährlich.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6521448?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F
Güterzug kollidiert mit Auto: Frau schwer verletzt
Bahnübergang Glücksburger Straße: Güterzug kollidiert mit Auto: Frau schwer verletzt
Nachrichten-Ticker