Amokfahrt in Münster
Das Kiepenkerlviertel hat viel Solidarität erfahren

Münster -

Dr. Martin Stracke ist Vorsitzender der Interessengemeinschaft im Kiepenkerlviertel. Der 7. April 2018 habe viel verändert, sagt er. Stracke spricht über Solidarität, aber auch über den Katastrophentourismus.

Sonntag, 07.04.2019, 13:10 Uhr aktualisiert: 07.04.2019, 13:13 Uhr
Dr. Martin Stracke ist Vorsitzender der Interessengemeinschaft im Kiepenkerlviertel. Er ist überzeugt, dass der Zusammenhalt im Viertel nach dem 7. April 2018 noch intensiver geworden ist. Foto: dpa

Ein Jahr ist seit der schrecklichen Tat im Kiepenkerlviertel vergangen. Der 7. April 2018 wird in Münster in Erinnerung bleiben. An diesem Tag fuhr ein Mann mit seinem Fahrzeug vor dem „Großen Kiepenkerl“ in die Menge. Die Wunden der Amokfahrt bleiben. Redakteurin Ga­briele Hillmoth sprach mit Dr. Martin Stracke über den Tag und über die Folgen für das Viertel, für seine Bewohner und Besucher. Stracke ist Rechtsanwalt und Notar und seit 2017 Vorsitzender der Interessengemeinschaft im Kiepenkerlviertel.

Wie haben Sie diesen Tag persönlich erlebt?

Stracke: Es war der erste schöne Frühlingstag, und wir waren mit der Familie unterwegs, als uns ein Bekannter anrief. Alles war noch unklar. Wir haben versucht, übers Internet und übers Handy etwas herauszufinden. Dann sind wir in die Stadt gefahren, weil viele Bekannte aus dem Viertel hier eingeschlossen waren. Es war dieses Absurde, es war ein wunderschöner Tag, es war warm und sonnig und auf der anderen Seite die gespenstische Stimmung. Wir kamen auch nicht weit, weil alles abgesperrt war. Überall war sehr viel Polizei. Wir haben versucht, mit unseren Bekannten zu sprechen. Es war ein sehr turbulenter Tag, aber auch so eine gespenstische Ruhe für einen Samstag in der Innenstadt.

Was hat dieser Tag mit Ihnen persönlich gemacht?

Stracke: Ich persönlich musste mir die Bilder vor Ort nicht anschauen, weil ich nicht hier war. Aber man darf nicht vergessen, dass viele andere Menschen, die an diesem Tag hier gearbeitet und alles unmittelbar gesehen haben, diese Bilder nicht vergessen können.

Chronologie der Amokfahrt in Bildern

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  • Samstag, 7. April, 15.27: Ein silberfarbener Camping-Bus rast auf den Platz am Kiepenkerl. Am ersten schönen Frühlingstag sitzen zahlreiche Menschen auf dem Platz vor der Gaststätte Kiepenkerl. Die Amokfahrt eines Mannes macht aus dem gutbürgerlichen Idyll eine grauenvolle Szenerie: Zwei Menschen kommen ums Leben, über 20 werden zum Teil schwer verletzt. Der Täter erschießt sich nach der Tat selbst.

    Samstag, 7. April, 15.27: Ein silberfarbener Camping-Bus rast auf den Platz am Kiepenkerl. Am ersten schönen Frühlingstag sitzen zahlreiche Menschen auf dem Platz vor der Gaststätte Kiepenkerl. Die Amokfahrt eines Mannes macht aus dem gutbürgerlichen Idyll eine grauenvolle Szenerie: Zwei Menschen kommen ums Leben, über 20 werden zum Teil schwer verletzt. Der Täter erschießt sich nach der Tat selbst.

    Foto: Stephan R./dpa
  • Kurz nach der Tat herrscht Chaos auf dem Platz. Passanten leisten den Verletzten Erste Hilfe.

    Foto: privat
  • Schnell sind die Einsatzkräfte der Polizei und der Feuerwehr vor Ort. Die Erstversorgung läuft wenige Minuten nach der Tat an. Weil fast zeitgleich eine Demonstration von 1500 Kurden in Münster beginnen soll, befinden sich zahlreiche Polizeikräfte in der Stadt, die zum Einsatzort am Kiepenkerl eilen.

    Foto: Oliver Werner
  • Foto: imago stock&people (Archiv) / Grafik Jürgen Christ
  • Nach der Erstversorgung werden die Verletzten in die Krankenhäuser der Stadt gebracht.

    Foto: Oliver Werner
  • Zunächst ist nur der unmittelbare Bereich um den Tatort abgesperrt...

    Foto: Oliver Werner
  • ... doch nach und nach macht die Polizei die gesamte Innenstadt zur Sperrzone. Denn die Hintergründe der Tat sind noch völlig unklar.

    Foto: Oliver Werner
  • War es ein islamistischer Anschlag? Sind weitere Täter auf der Flucht? Die Gerüchte schießen eine Stunde nach der Tat ins Kraut.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Weil die Einsatzlage zunächst unklar ist, mobilisiert die Polizei mehrere Hundertschaften, die sich vor dem Polizeipräsidium am Friesenring sammeln.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der Domplatz wird zum Sammelpunkt der Einsatzkräfte. Auch schwer bewaffnete Spezialkräfte der Polizei sind vor Ort.

    Foto: Bernd Thissen/dpa
  • Was schnell klar ist: Die meisten Schwerverletzten der Amokfahrt kommen nach Angaben der Uniklinik Münster (UKM) aus dem Münsterland, aber auch aus Hamm, dem niedersächsischen Vechta und den Niederlanden.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Auf dem Schlossplatz sind derweil einige Rettungshubschrauber gelandet. In den ersten Stunden nach der Tat sind laufend Hubschraubermotoren zu hören.

    Foto: Jürgen Grimmelt
  • Ein Inder hält sich in der Sperrzone auf und versteht die Anweisungen der Polizei nicht. Da die Gefahrenlage zu dem Zeitpunkt nicht geklärt ist, fordern die in alle Richtungen ermittelnden Beamten den Mann auf, sich auf den Boden zu legen, wie in einem Video zu sehen ist, das kurz nach der Tat im Netz kursiert. Schnell stellt sich heraus: Der Mann aus Indien hat nichts mit der Sache zu tun.

    Foto: Screenshot/privat
  • Schlange stehen, um zu helfen: Das Uniklinikum ruft am frühen Samstagabend zur Blutspende für die Verletzten auf. Prompt kommen 300 Münsteraner an die Domagkstraße. Bis nach Mitternacht wird schließlich 175 Freiwilligen Blut abgenommen. Überwältigt von der Solidarität bedankt sich das UKM später bei den Helfern.

    Foto: Maren Baars
  • Noch am Samstag ist die Identität des Amokfahrers geklärt: Jens R., wohnhaft in Münster, 48 Jahre alt, Industriedesigner, geboren in Olsberg (Sauerland). Im Laufe des Abends verdichten sich die Anzeichen, dass der von der Polizei als psychisch labil eingestufte Mann allein gehandelt hat. Das Motiv bleibt jedoch zunächst unklar.

    Foto: Privat
  • Polizisten durchsuchen bereits am Samstagabend die Wohnung des Täters in der Zumbroockstraße. Am Sonntag setzen sie die Suche fort. Dabei entdeckten die Ermittler mehrere Gasflaschen, Kanister mit Bioethanol und Benzin sowie eine Deko-Waffe und Polen-Böller. Hinweise auf eine politisch motivierte Tat werden nicht entdeckt.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Die Spurensicherung ist auch am späten Samstagabend noch am Tatort. Die Beamten haben außerdem Sprengstoffexperten hinzugezogen. In dem Fahrzeug befindet sich ein verdächtiger Gegenstand...

    Foto: Marius Becker/dpa
  • ... der sich aber als ungefährlich herausstellt. Das Fahrzeug des Täters wird erst in der Nacht zu Sonntag abgeschleppt.

    Foto: David Young/dpa
  • Sichtlich mitgenommen sieht Oberbürgermeister Markus Lewe am späten Samstagabend aus. In Interviews drückt er sein Beileid aus, zeigt sich tief betroffen und lobt die Solidarität der Münsteraner.

    Foto: Oliver Werner
  • Noch am Abend werden Kerzen angezündet und Blumen für die Opfer niedergelegt.

    Foto: dpa
  • Am Tag danach dominiert Trauer und Fassungslosigkeit die Stadt.

    Foto: Oliver Werner
  • Der Platz am Kiepenkerl ist am Sonntagmorgen zunächst noch abgesperrt,...

    Foto: Wilfried Gerharz
  • ...der Rest der Innenstadt ist aber wieder frei zugänglich.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Als der Kiepenkerl-Platz freigegeben wird, hinterlegen die ersten Passanten Blumen. Viele können das Geschehene immer noch nicht fassen.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Am Sonntagmittag kommt Politikprominenz zur Gedenkminute an den Tatort: (v.l.) Münsters Oberbürgermeister, Markus Lewe, NRW-Innenminister Herbert Reul, Bundesinnenminister Horst Seehofer und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet gedenken der Opfer...

    Foto: Marius Becker/dpa
  • ... und tragen sich ins Kondolenzbuch im Rathaus ein.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Unter dem Spruch "In stiller Trauer" sieht man die Unterschriften der Politiker.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Die Amokfahrt ruft zahlreiche Medienvertreter auf den Plan. Hier ist Bundesinnenminister Horst Seehofer umringt von Kameras und Mikrofonen.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Am Sonntagabend nehmen 1500 Menschen an einem ökumenischen Gedenkgottesdienst im Paulus-Dom teil.

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • Der Andrang ist riesig: Im Dom müssen die meisten Gottesdienstbesucher stehen.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Zu den zahlreichen prominenten Besuchern gehören auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (2.v.l.) und Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (r.)

    Foto: Oliver Werner
  • Bischof Felix Genn (2.v.r.) und Münsters Superintendent Ulf Schlien entzünden während des Gottesdienstes Kerzen.

    Foto: Oliver Werner
  • Viele weitere Gottesdienstbesucher entzünden Kerzen und stellen sie vor dem Dom ab.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Auch vor dem Kiepenkerl-Denkmal werden Kerzen angezündet und Blumen abgelegt.

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • Am Montagmorgen hält Oberbürgermeister Markus Lewe noch einmal vor dem Meer aus Blumen und Kerzen vor dem Kiepenkerl inne.

    Foto: Guido Kirchner
  • Karl Hans-Joachim Kunze steht, nachdem das SEK in der Nacht zum Sonntag seine Wohnung in Pirna gestürmt hat, mit den Teilen des Türschlosses vor seiner Wohnungstür. Jens R. hatte einst dort gewohnt. In einer anderen Wohnung des Täters, ebenfalls bei Dresden, finden Ermittler am Sonntag ein 18-seitiges Schreiben. Dabei handelt es sich um eine Art „Lebensbeichte“, die Hinweise auf suizidale Gedanken von Jens R. geben.

    Foto: Daniel Förster
  • Thomas van den Hooven (Pflegedirektor UKM, v.l.), Prof. Dr. Robert Nitsch (Ärztlicher Direktor UKM) und Prof. Dr. Michael Raschke (stellvertretender Ärztlicher Direktor UKM) informieren während einer Pressekonferenz am Sonntag über die Patienten. Drei Schwerstverletzte werden zu dem Zeitpunkt im UKM behandelt, zwei weitere im Clemenshospital. Später am Tag wird bekannt, dass auch Chiara Hoenhorst, eine Volleyballspielerin des USC Münster, durch die Amokfahrt schwer verletzt wurde.

    Foto: Oliver Werner
  • Auch am Dienstag sind vor dem Kiepenkerl Trauerbekundungen zu sehen. Die Gaststätte kündigt an, auf Wunsch der Belegschaft am Mittwoch wieder zu öffnen.

    Foto: Oliver Werner
  • Passanten halten am Dienstag am Tatort inne und gedenken der Opfer.

    Foto: Oliver Werner
  • Vor der Bezirksregierung hängen die Flaggen weiter auf Halbmast.

    Foto: Oliver Werner
  • Eine Stadt steht zusammen: Auch drei Tage nach der Amokfahrt drücken die Münsteraner an vielen Orten und auf verschiedene Arten ihr Mitgefühl gegenüber den Betroffenen aus.

    Foto: Oliver Werner
  • Hätte die Amokfahrt von Münster verhindert werden können? Hätten die Gesundheitsbehörden eingreifen müssen? Nein, sagt Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (2.v.l.) entschieden auf einer Pressekonferenz am Dienstagmittag. Die Amokfahrt von Münster hätte nach Einschätzung von Lewe nicht verhindert werden können.

    Foto: Oliver Werner

Sie als Sprecher des Viertels waren plötzlich gefordert?

Stracke: Die Gastronomen vom Kleinen und Großen Kiepenkerl haben mich gebeten, mit der Öffentlichkeit zu reden. Die Inhaber waren sehr, sehr betroffen und in großer Sorge um die Mitarbeiter. Und die Presse war sehr intensiv vor Ort.

Konnten Sie im Viertel schnell wieder zum normalen Alltag zurückkehren?

Stracke: Der Tag war ständig präsent, aber es ist uns gelungen, sehr schnell wieder in den Tritt zu kommen. Auch gerade die am stärksten betroffenen Betriebe. Es war dann ein großer Schritt zu sagen, dass die Betriebe wieder geöffnet werden. Die Mitarbeiter waren damit einverstanden, das war die Voraussetzung.

7. April 2018: Die Amokfahrt von Münster

Für rund zwei Stunden herrscht am Samstag, dem 7. April 2018 in Münster der absolute Ausnahmezustand, nachdem ein 48 Jahre alter Münsteraner am Nachmittag mit einem Campingbus in eine Menschenmenge am Kie­pen­kerl-­ Denkmal mitten in der Stadt gefahren ist. Am Ende sind fünf Menschen tot und mehr als 20 schwer verletzt. Unter den Toten ist auch der Täter, der sich nach der Amokfahrt  selbst gerichtet hatte.

Innerhalb kürzester Zeit hat die Polizei die Innenstadt komplett abgesperrt. Über 1000 Beamte sind bis in die Nacht hinein im Einsatz. Relativ schnell ist klar: Die Amokfahrt hat keinen terroristischen Hintergrund. Sie ist vielmehr die Tat eines Menschen, der unter erheblichen psychischen und körperlichen Problemen litt.

Deutsche Spitzenpolitiker zeigen sich nach dem schrecklichen Ereignis entsetzt und sprechen Opfern wie Angehörigen ihre Anteilnahme aus. „Die Meldungen, die uns aus Münster erreichen, sind schrecklich“, sagt Bundespräsident Steinmeier noch am Samstag. Bundeskanzlerin Merkel erklärt, sie sei</span> „zutiefst erschüttert“ von den „entsetzlichen Geschehnissen“.

Münster trauert: Am Sonntag kommen Hunderte zum Ort des Geschehens, um der Opfer zu gedenken und Blumen niederzulegen. Gekommen sind an diesem Tag auch Bundesinnenminister Horst Seehofer, Landesinnenminister Herbert Reul und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Am Abend findet im Dom ein ökumenischer Gedenkgottesdienst statt, an dem mehr als 1600 Menschen teilnehmen. Die Stadtgesellschaft steht zusammen.

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Hat sich das Viertel seit dem 7. April 2018 verändert?

Stracke: Der Zusammenhalt war bei uns bis dahin schon groß, aber er ist jetzt noch einmal deutlich stärker geworden. Die Anteilnahme und die Solidarität waren toll. Auch das Echo von außerhalb. Ein deutsch-holländischer Unternehmer beispielsweise spendierte uns Blumenampeln, die er auch freundlicherweise installiert hat, weil er das Ereignis so schrecklich fand. In der kleinen Bergstraße wurden Geranienampeln an den Laternen angebracht. Der Kontakt kam über Münster-Marketing zustande. Als Zeichen der Solidarität, hat er gesagt, mach ich das für euch.

Der Chefin vom Großen Kiepenkerl platzte später der Kragen. Sie sprach von Katastrophentourismus und forderte mehr Respekt vor den Wunden. Haben Sie das auch so empfunden?

Stracke: Ja, ich fand diesen Schritt richtig. Die Worte kamen bestimmt von Herzen. Die meisten Menschen gehen damit sehr gut um, aber es gibt immer ein paar Menschen, die die Distanz deutlich unterschreiten. Es soll wohl vereinzelt noch Gäste geben, die die Mitarbeiter aktiv ansprechen, das ist ein bisschen distanzlos.

Stellen Sie persönlich den Katastrophentourismus fest?

Stracke: Es gibt bis heute Besucher, die den Platz fotografieren. Die meisten aber sind normale Touristen, die sich auf dem Platz wohlfühlen. Früher hielt hier noch der Münsterbus, ich glaube das gibt es nicht mehr.

Werden Sie heute noch oft auf den 7. April angesprochen?

Stracke: Im Anfang noch, aber jetzt ist ein Schritt Normalität eingetreten. Das Kiepenkerlviertel wird nicht unbedingt assoziiert mit dem Ereignis vom 7. April.

Kommentar: Die Amokfahrt traf ins Herz

Warum? Tagelang stand das einsame Wort auf einer Tafel mitten im Lichtermeer aus Kerzen in Münsters Altstadt. Die Amokfahrt des psychisch gestörten Täters bleibt unbegreiflich. Vier Besucher eines Biergartens starben, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Über 20 wurden schwer verletzt. Was für eine abscheuliche, menschenverachtende Tat!

Die Amokfahrt traf Münster mitten ins Herz. So brutal, so kalt, so nah. Seit Jahren wird vor abstrakter Terrorgefahr gewarnt. Doch dieser Täter hatte kein politisches Motiv, er fühlte sich unverstanden, stieg ins Auto und raste in die Menschenmenge. Mitten unter uns.

Der 7. April 2018 hinterlässt tiefe Trauer und Traumata, Narben und Wut. Doch die Tat hat Münster nicht gebrochen. Auch weil die Münsteraner in schweren Stunden entschlossen Haltung zeigen und zusammenstehen. Wie bei der Hochwasserkatastrophe 2014, bei der es zwei Todesopfer gab, zeigten die Menschen aus Stadt und Umland Stärke und Solidarität. Als das Uniklinikum am Abend der Amokfahrt spontan um Blutspenden bat, kamen Hunderte. Sie wissen, dass es eine hundertprozentige Sicherheit nicht geben kann. Und dass der Zusammenhalt eine Gesellschaft ausmacht. (Ralf Repöhler)

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Drängen Sie darauf, dass sich baulich noch etwas im Viertel ändert?

Stracke: Nein. Aus unserer Sicht war es ein Zufallsziel. Beim Weihnachtsmarkt hatten wir extra Wassersperren. Aber man kann sich nicht rundum schützen, die Sicherheitsfragen liegen in den Händen der Stadt.

Am Sonntag findet eine Gedenkfeier statt. Nehmen Sie auch teil?

Stracke: Selbstverständlich sind wir als Gemeinschaft vertreten. Die Beauftragte für den Opferschutz des Landes NRW, Elisabeth Auchter-Mainz , lädt in Zusammenarbeit mit der Stadt Münster und der Stiftung Katastrophennachsorge zum Gedenken an die Verstorbenen und an alle von der Gewalttat betroffenen Menschen ein. Ein ökumenischer Gottesdienst beginnt um 14 Uhr in der St.-Lamberti-Kirche. Ich halte diesen Rahmen für würdevoll und angemessen.


Gedenkplatte erinnert an die Opfer

Die NRW-Opferschutzbeauftragte Elisabeth Auchter-Mainz spricht von einer Gratwanderung nach der Amokfahrt von Münster. Einerseits wolle man würdig den Opfern gedenken, andererseits müsse die Stadt weiterleben. „Beides scheint in Münster zu gelingen“, sagt Auchter-Mainz. Auf dem Platz vor dem Kiepenkerl erinnert inzwischen eine Platte aus unbehandeltem Stahl an die Opfer. „Der Tag wird in unserer Erinnerung bleiben, auch mit Blick auf das Zusammengehörigkeitsgefühl“, sagt Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe.

Ordnungsdezernent Wolfgang Heuer zeigt die Konsequenzen der Amokfahrt auf.  Die Altstadt wird mit versenkbaren Pollern ausgestattet, die bei Großveranstaltungen hochgefahren werden. Die Maßnahme, die am Schlossplatz begann, geht auf die abstrakte Terrorgefahr zurück, wird aber nach der Tat mit Nachdruck umgesetzt. Poller auf dem Domplatz folgen in diesem Jahr.

Das Sicherheitskonzept für den Katholikentag, der im Mai 2018 mit Zehntausenden Besuchern in Münster stattfand, wurde nach der Amokfahrt „unter Anspannung“ angepasst. Der Weihnachtsmarkt im Kiepenkerlviertel war im Dezember erstmals mit Anti-Terror-Sperren abgesichert worden.

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Eine Gedenkplatte erinnert am Kiepenkerl an die Opfer der schrecklichen Tat. Foto: Oliver Werner


Staatsanwaltschaft: Buch noch nicht zu

Die polizeilichen Ermittlungen sind eigentlich beendet, doch die Staatsanwaltschaft hat das Buch rund um die Amokfahrt vom 7. April 2018 noch nicht endgültig geschlossen. „Der Gesamtsachverhalt ist nicht abschließend geklärt“, sagt Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt als Pressesprecher der Behörde.

So sei noch nicht klar, woher der Täter die Waffe hatte, mit der er sich unmittelbar nach der Amokfahrt in seinem Campingbus erschoss. Die Pistole stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien und war zuvor bei keiner bekannten Straftat verwendet worden.

Für die Ermittler ist klar, dass es der 48-jährigen Münsteraner ein Einzeltäter war, der in Suizidabsicht handelte. Die ballistische Untersuchung und das Bewegungsprofil haben keine Hinweise auf Mittäter geliefert. Bei der Staatsanwaltschaft stehen bereits 15 Aktenordner zu dem Fall, weitere folgen noch aus dem Polizeipräsidium.

 

Wie wir den 7. April 2018 erlebt haben

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  • Amokfahrt online

    Fassungslos im Theater

    Wie die Preußen an dem Samstag  gespielt haben? Ich weiß es nicht mehr. Von der Amokfahrt hörte ich im Stadion, jemand rief mich an. Als ich dann mein Auto am Rathaus parkte, war die Rede von mehreren bewaffneten Attentätern, die noch in der Innenstadt unterwegs seien. Tausende Menschen flanierten an diesem ersten warmen Frühlingstag durch Münsters Fußgängerzone, immer mehr schwer bewaffnete Polizei rückte an. Erst später klärte sich auf, dass es sich um einen psychisch gestörten Einzeltäter ohne politisches Motiv handelte. Im dunklen Foyer des Theaters, nur einige Hundert Meter vom Tatort entfernt, traf ich auf Oberbürgermeister Lewe. So fassungslos hatte ich ihn noch nie gesehen – mir ging es genauso. (Ralf Repöhler)

    Foto: diverse
  • Anruf in der Davert

    Ein Tag, wie geschaffen für eine Radtour. Nach einem Zwischenstopp in einem Eiscafé in Amelsbüren steuerte ich die Davert an. Mitten im Wald, dessen Boden von blühenden Buschwindröschen übersät war, klingelte mein Handy. „Ist bei Dir alles in Ordnung?“, fragte meine Mutter. „Was ist denn los?“ erkundigte ich mich – dort, wo ich gerade war, gab es keinen Internetempfang. Sie berichtete von einem Zwischenfall am Kiepenkerl. Ich machte kehrt, dann klingelte das Handy erneut. Der erste Kollegenanruf. Wo ich sei, wie schnell ich in der Stadt sein könne. Dann Internetempfang: Eil-Nachrichten von Welt, CNN, BBC News ploppten auf. Eine halbe Stunde später traf ich mit dem Rad am Domplatz ein. (Martin Kalitschke)

    Foto: diverse
  • Kein Dienst wie sonst

    Der Frühlingstag fing richtig schön mit Sonnenschein und dem üblichen Samstagseinkauf auf dem Markt an. Nur den geplanten Stadtbummel hatten wir morgens zugunsten der Gartenarbeit verschoben. Dann hörten wir das erste Martinshorn. An sich in der Stadt nichts Ungewöhnliches. Nur das Einsatzhorn hörte nicht mehr auf. Das Telefon klingelte. Mein Bruder, mein Patenkind aus Amerika und Freunde riefen an: „Geht es Euch gut?“ Ein Blick ins Internet genügte.  Ich warf Block und Kamera in die Tasche und raste zum Tibus. Zu Hause hätte ich jetzt nicht bleiben können. Vor Ort traf ich auf Kollegen und auf viel Polizei. Es war kein Dienst wie sonst üblich. Der 7. April 2018 hat mich getroffen und bewegt. (Gabriele Hillmoth)

    Foto: diverse
  • Innehalten im Entsetzen

    Meinen gerade angereisten Wochenendbesuch lasse ich allein auf der Terrasse sitzen, als die ersten Nachrichten im Netz auftauchen. Ich fahre mit dem Rad los. Am Kreisel die erste Sperre, schwer bewaffnete Polizei. Ich darf weiter Richtung Innenstadt, rede mit Passanten, helfe, unseren Live-Ticker zu füllen. Auf der Ludgeristraße registriere ich fast gleichzeitig zwei Tweets. Der eine aus zuverlässiger Quelle  besagt, dass es kein islamistischer Anschlag  war, der andere von AfD-Politikerin von Storch, die „Danke Merkel“ twittert. Innehalten im persönlichen Alarmzustand: Dieser Anschlag ist nicht nur an sich entsetzlich – es ist auch furchtbar, was daraus gemacht wird. Wir Journalisten tragen hier Verantwortung – für besonnenes Berichten. (Karin Völker)

    Foto: diverse
  • Keine Zeit für Verarbeitung

    Der Grill war gerade angefeuert, die Salate standen auf dem Tisch – dem Tag mit Freunden im Garten stand eigentlich nichts im Wege. Bis ungewöhnlich oft Hubschrauber über uns kreisten. Irgendetwas muss passiert sein, dachte ich, blickte auf das Handy und sah die erste Meldung von der Amokfahrt. Sofort habe ich die diensthabende Kollegin in der Online-Redaktion angerufen, um zu fragen, ob sie Hilfe benötigt. Und die war nötig. In der Redaktion standen die Telefone über Stunden nicht mehr still. Eine Flut von Informationen und Bildern erreichten uns am Online-Desk. Zeit, um die Tragweite dessen zu begreifen, was da eigentlich passiert war, gab es erst nach Mitternacht, als die Arbeit für den Tag getan war. (Pjer Biederstädt)

    Foto: diverse
  • Nationaler Rechenfehler

    Ich könnte hier schreiben, wie ich an jenem Tag über eine Demonstration berichten sollte. Wie ich stutzig wurde, als Polizisten von dort abgezogen wurden. Wie ich unseren Fotografen in die Stadt schickte. Und wie er mich zurückrief und nur sagte: „Komm sofort hier hin!“ Doch eingebrannt hat sich etwas anderes: Nämlich wie plötzlich diverse Medien aus drei Toten vier machten – obwohl der Polizeisprecher lediglich gesagt hatte, dass es drei Tote gebe, der Täter sich selbst gerichtet habe. Sogar in unserer Berichterstattung tauchte der vierte Tote online kurz auf. „Alle schreiben das“, hieß es auf meine Nachfrage. Ich protestierte. Was bleibt ist die Mahnung, dass nicht Schnelligkeit, sondern Genauigkeit das höchste Gut des Journalismus ist. (Björn Meyer)

    Foto: diverse

 

Wir sehen als Stadt keinerlei Verschulden.

Ordnungsdezernent Wolfgang Heuer

Noch nicht entscheiden hat die Staatsanwaltschaft, ob eine Anzeige wegen der damals fehlenden Poller, die den Kiepenkerlplatz von der Bogenstraße/Spiekerhof trennt, strafrechtliche Relevanz hat. Ermittelt werden solle wegen unterlassener Hilfeleistung.

Einige Poller waren unter anderem wegen einer Baustellenzufahrt herausgenommen worden, der Amokfahrer fuhr am 7. April 2018 genau durch diese Lücke. Die Anzeige richtet sich gegen die Stadt beziehungsweise gegen den Betreiber einer Baustelle in der Nähe des Kiepenkerl-Platzes. „Wir sehen als Stadt keinerlei Verschulden“, sagt Ordnungsdezernent Wolfgang Heuer deutlich.

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