„Zwei graue Doppelspiegel für ein Pendel“ von Gerhard Richter
Grau ist alle Wahrnehmung

Münster -

"Ich weiß, dass ich nicht weiß.“ Seit 2400 Jahren bringt der Philosoph Sokrates den Verstand damit zur Weißglut. Typisch Philosophen. Trotzige Synapsen im Neocortex behaupten: „Ich sehe, was ich sehe, und was ich weiß, weiß ich.“ In der Dominikanerkirche wird ihnen auf schöne Weise das Gegenteil gezeigt. Ausgerechnet mit einem Pendel. 

Samstag, 27.10.2018, 17:00 Uhr aktualisiert: 27.10.2018, 17:08 Uhr
Alle schauen wie hypnotisiert aufs Pendel. Dabei geht es in der Dominikanerkirche um die grauen Doppelspiegel von Gerhard Richter. Dieses Kunstwerk verändert den Blickwinkel, mit dem Pendel, Kirche und Altar betrachtet werden. Foto: Matthias Ahlke

Ein Instrument mal für Wahrsager, mal für Therapeuten. Das Hin und das Her. Es ist magisch. Entsprechend lassen sich Besucher im ehemaligen Gotteshaus und jetzigen Tempel der Kunst faszinieren, mehr noch hypnotisieren. Die Gläubigen sind gleichsam hin und weg. Dabei kann die Installation das Gegenteil bewirken – erhellen. Erhellen, wie grau unsere Wahrnehmung ist, wie relativ, wie ungenau, wie offen.

Pendeln ist gleichsam die Leit-Bewegung dieses Gesamtwerkes aus Wissenschaftsinstrument, Kirchenraum und Kunst. Ein zentrales Thema ist das Verhältnis von Wahrnehmung und Erkenntnis. Die Spiegel von Gerhard Richter verändern den Betrachtungswinkel in diesem Sinne auf die Kirche, das Pendel, den Altar und den Kreuzweg.

Abgleich von Wirklichkeit und Reflexion

Der Spiegel: einer der raffiniertesten Täuscher und Hochstapler; nicht von ungefähr kommen Spiegel und Spekulation aus der gleichen Wortfamilie. „Der Teufel sitzt im Spiegel“ hat Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ihr Buch über die Entstehung der Wahrnehmung genannt. Wie wahr. Denn die blanken Reflexionen behaupten, ein 1:1-Abbild zu sein, und zeigen doch „nur“ eine verkehrte Welt: Ein Rechtshänder wird Linkshänder; wunderschöne Mädchen sehen sich hässlich und dick; ein Spiegel im Spiegel suggeriert Unendlichkeit. Welche Wirklichkeit, welche Objektivität, welche Tiefe zeigt diese Scheibe?

Gerhard Richter hat zwei mal zwei spiegelnde Gläser einander gegenüber gehängt, die sich dadurch im Prinzip spiegeln, bis sie sich im Dunkel der Ewigkeit verlieren. Dazwischen verbreitet das Pendel gelassen Unruhe. Schwingt, als strebe es eine Verbindung an. Analog „pendelt“ es zugleich mächtig im Grau. Die vier Spiegel hängen im Doppel nebeneinander und gegenüber. Das nötigt zum Vergleich, zu einem Abgleich von Wirklichkeit und Reflexion.

P1020051

Die Wahrnehmung vermittelt zwei Männer und eine Taube. Aber was zeigt das? Foto: kok

Die Grau-Töne der Spiegel

Am Ort muss der Augenschein als Prüfung reichen. Was möglich und unmöglich ist – räumlich wie optisch. Die beiden Paare haben drei Grau-Töne. Was bedeutet: Nur zwei Farben sind identisch. Klingt einfach, ist allerdings schwierig. Denn die Identischen hängen nicht zum direkten praktischen Abgleich nebeneinander, sondern einander gegenüber.

Man müsste ein Kaninchen sein, besser noch ein Adler, um beide Seiten für einen unmittelbaren Vergleich in den Fokus zu nehmen. Oder über ein hervorragendes Farb- und Bild-Gedächtnis verfügen. Immerhin: Wer auf eine Seite blickt, kann eindeutig Helligkeitsunterschiede erkennen. Meistens. Hinzu kommt nämlich, dass die Flächen auf den beiden Seiten das Raumlicht natürlicherweise unterschiedlich reflektieren. Manche Lichtlage lässt selbst die deutlichen Unterschiede verschwimmen.

Die noch größere Herausforderung ist der Vergleich der „helleren“ Scheiben. Während sich der Kopf in raschem Wechsel von links nach rechts wendet, wird der Unterschied von Farb-Reiz und Farb-Empfindung spürbar. Die Farbe bleibt ja gleich, aber je öfter der Blick auf das jeweilig reflektierende Glas trifft, desto farbiger scheint es zu werden.

Von Grau als „unbunt“ keine Spur. Ohnehin ist es schwierig, das Grau im Spiegeln herauszufiltern. Schließlich spiegelt sich die bunte Wirklichkeit darin. Richters Spiegel ist also wie unsere Wahrnehmung: Wir sehen unser Grau, unsere Farbe beim Blick auf die Welt immer zugleich mit. Unentrinnbar.

Pendeln zwischen Theorie und Beobachtung

Dabei sollen die Spiegel zeigen, was mit letzter Gewissheit nicht wahrnehmbar ist: die Wirklichkeit, wie sie wirklich ist. So auch das Pendel.

Was soll es zeigen? Und was zeigt es?

Auch wenn es die materialistische Kultur nicht gerne hört: In der Naturwissenschaft gibt es keine „Beweise“. Die gibt es ausschließlich in Mathematik und Logik. Es gibt lediglich das ständige Pendeln zwischen Theorie und Beobachtung, zwischen Hypothese und Überprüfung, zwischen Vorhersage und Widerlegung. So schwer es dem Verstand auch fällt, das zu akzeptieren; schließlich ist es sein verdammter Job, uns eine Welt vorzustellen, auf die wir uns hundertprozentig verlassen können.

IMG_6874

Der barocke Altar wirkt durch seine Opulenz. Doch die scheinbar edlen Steine wie „Marmor“ entpuppen sich von hinten als Täuschung. Denn hier ist alles aus Holz und Farbe. Eine schöne Gelegenheit, sich über Wahrheit, Wirklichkeit und Wirkung Gedanken zu machen. Foto: ah/kok

Aber der Erfolg jeder Wissenschaft (theologischer wie naturwissenschaftlicher) ist der Zweifel, schließlich will sie Fortschritt und nicht Stillstand: Newtons Erklärung der Schwerkraft war plausibel und funktionierte. Einsteins Erklärung war plausibler und funktionierte besser. Doch weder Newton noch Einstein haben „bewiesen“. Sie haben Gesetzmäßigkeiten gefunden, die funktionieren, Vorhersagen ermöglichen, die bestätigt oder widerlegt werden können – eine gute Erklärung, die Sicherheit gibt, eine Entscheidungsgrundlage bilden kann. Mehr nicht. Immerhin: Ein gewisser Grad an Gewissheit ist drin.

Was zeigt das Pendel?

Was zeigt nun das Pendel? Dem Betrachter in der Dominikanerkirche zunächst mal nix weiter als eine lineare Bewegung: hin und her und hin. Erst mit Geduld und Gedächtnis macht sich eine Veränderung bemerkbar. Die Kugel trifft nach einer Weile nicht denselben Punkt wie Minuten zuvor. Das Pendel hat sich gedreht. Denn nur das sehen die Augen. Ob es das Vorwissen will oder nicht. Dabei soll die Kugel zeigen, dass sich die Erde dreht. Aber wird das spürbar? Nein. Es wird für den Geduldigen erkennbar. Und das ist ein Unterschied.

Wir dürfen davon ausgehen, dass der Globus quietscht und eiert. Aber die Drehung der Erde erzeugt in der Kirche (!) keinen Gegenwind, kein Geräusch, keine unmittelbar wahrnehmbare Bewegung. Das ist die Magie des Foucaultschen Experiments: Das Pendel zeigt, was nicht wahrnehmbar ist. Und ein bisschen Vertrauen und Glauben sind immer mit dabei. Glauben erst macht Wissen schön. Die Besucher müssen Wissenschaftlern und Technikern vertrauen, dass die keine Tricks eingebaut oder sich verrechnet haben. Das kommt immer wieder vor. So glaubte Albert Einstein, das Weltall sei statisch, bis ihn der Priester Georges Lemaître von seiner Urknall-Theorie überzeugte.

Der Drang nach Bildern

Durch Richters Spiegel lässt sich das Pendel als ein Gleichnis für das Erkennen deuten. Von der Wahrnehmung zum Denken und wieder zurück. Ein ewiges Hin und Her, aufgehängt an einem Punkt – im besten Fall der Wahrheit, und darunter dreht sich die Welt im Fluss: Alles fließt. Das ist sicher.

P1020042

Der barocke Altar wirkt durch seine Opulenz. Doch die scheinbar edlen Steine wie „Marmor“ entpuppen sich von hinten als Täuschung. Denn hier ist alles aus Holz und Farbe. Eine schöne Gelegenheit, sich über Wahrheit, Wirklichkeit und Wirkung Gedanken zu machen. Foto: ah/kok

Die Spiegel verweisen auf die Probleme der Abbilder, die wir uns machen. Im Licht der Richterschen Spiegel verweist das Pendel auf die Schwierigkeiten der Vorstellungen, die wir denken. Und mit den grauen Spiegeln im Hintergrund kann der säkularisierte Altar nun auf eine Kultur der Bilder verweisen, die als Vermittler von Vorstellungen jenseits des menschlichen Verstandes dienen sollen. Eine Herausforderung! Die zum Scheitern verurteilt ist. Doch der Drang des Menschen nach Bildern war und ist stärker. Und wird es bleiben.

Metaphysische Dimensionen werden effektiverweise mittels menschlicher Figuren auf die Erde gezogen wie in der Dominikanerkirche: Mal abgesehen von der Erhöhung zumindest einigermaßen historisch verbürgter Personen (hier die Heiligen Libori und Ulrich, oben Petrus und Paulus sowie Jesus und Maria), die als Autoritäten, mithin Vorbilder vorgestellt werden sollen, geht es bei aller barocken Pracht hochgeistig zu. Jesu Mutter Maria steigt im Hauptbild als Gottesmutter zur männerdominierten Trinität aus Vater, Sohn und Heiligem Geist auf. Wie ausgrenzend diese Bebilderung höchster geistiger Wesen heute empfunden wird, mag der kesse Feministen-Spruch verdeutlichen: Als Gott den Mann schuf, übte sie nur.

Was die betrachtenden Benutzer gerne vergessen: Es sind Bilder. Ein Gang um den mächtigen Altar aus „Marmor“ herum entmystifiziert, entzaubert bereits ein wenig die metaphysische Magie der Figuren: Von wegen Marmor, Stein und Eisen. Alles Holz, Stützwerk, Leinwand. Es wäre schön, wenn nach dem Umbau den Besuchern dieser Blick hinter die Kulissen ermöglicht würde. Wird doch der Fassaden-Charakter eines jeden Bildes deutlich. Und dadurch vielleicht deren tieferer Sinn wieder erlebbar.

Phänomen „Engel“

Ein schönes Beispiel dafür können die Engel sein. In barocker Manier schweben die Kindsköpfe an dem Altar der Dominikanerkirche massenhaft als Skulpturen und Malereien herum. Viele Omas mögen wohl denken, ihre Enkel seien Engel. Aber nur wenige Menschen bei Verstand meinen, das Geistwesen „Engel“ sehe aus wie ein pausbackiger Bengel aus dem Ostwestfälischen mit Gänseküken-Flügelchen.

Mit dem Kindlichen verbinden sich indes Unschuld, unbelastete Gegenwärtigkeit und eine alles durchdringende Emotionalität. Weniger auf eine konkrete familiäre Erfahrungswelt, vielmehr auf die Einübung einer entsprechenden spirituellen Haltung wird biblisch verwiesen: „Jesus rief ein Kind zu sich, stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Matthäus 18, 2-4)

Gerade den Kopfmenschen bereitet ein solches Ziel Kopfzerbrechen. Was immerhin den Geist trainiert. Thomas von Aquin hat sich mit dem Phänomen „Engel“, letztlich dem Problem der Verkörperung des Geistigen, derart intensiv beschäftigt, dass dem wohl einflussreichsten Theologen der Geschichte später (am schönsten von Christian Morgenstern) leicht spöttisch unterstellt wurde, der gelehrte Philosoph beschäftige sich mit solchen Fragen: „Wie viele Engel passen auf eine Nadelspitze?“

P1020054

Ein Bild als Illustration: Pontius Pilatus gilt als historische Person. Ob dieser sich wirklich die Hände gewaschen hat? Foto: Gerhard H. Kock

Dabei verkennt die Arroganz der Ironie die Erfahrung, dass eine sinnfrei erscheinende Frage das Denken schult und den Horizont erweitert. Was den Scholastikern die Schulungsmethode des klugen „Fragens“, der Quaestio, ist den Buddhisten ein Koan, ein lehrreich rätselhafter Satz: „Wie klingt das Klatschen einer Hand?“

Das Bildzeugnis des Kreuzweges

Am Altar der Dominikanerkirche lässt sich unter dem Leitmotiv der Richter-Spiegel vieles versinnbildlichen: Zum Beispiel der Versuch, das Geistige sichtbar, bildlich, wahrnehmbar werden zu lassen, im Wissen um ein Scheitern, das trotzdem Schönheit zeigt. So wie heute das elegant modernistische Grau der Spiegel vielen als schick erscheint, erfreuten sich Menschen vor gut 200 Jahren an der Pracht dieser Kunst. Alles verändert sich. Und bleibt zugleich gleich.

Als Letztes sei noch auf ein weiteres Bildzeugnis verwiesen: den Kreuzweg. Kunsthistorisch nach heutiger Meinung eher nachrangig thematisiert, passt es zum Thema: Bild und Wirklichkeit“. Denn ein Kreuzweg symbolisiert zunächst einmal nicht, versucht nicht zu allererst, eine geistige Welt zu versinnbildlichen. Die Bilder des Kreuzwegs behaupten eine historische Wirklichkeit: nämlich die Kreuzigung Christi, die als Zeugen-Aussage im Neuen Testament fixiert ist.

Ein jeder kann also die Illustration mit dem Text vergleichen und feststellen, ob das Bild stimmt. Mehr noch: Mit Pontius Pilatus (seiner Handwaschung) wird eine auch historisch belegte Person dargestellt. Das Bild hat hier eine andere Funktion. Es soll historische Wahrheit illustrierend widerspiegeln.

Durch die Spiegel von Richter verändern sich Standpunkt und Charakter, mit dem Kirche, Pendel, Altar und Kreuzweg betrachtet werden können. In ihnen werden gleichsam die Fragen nach Bedingungen und Bedeutungen von Wissen und Erkenntnis gestellt. Weiß mag die Wahrheit sein, aber alle Wahrnehmung ist grau. Alles ist relativ, oder wie es vor Jahrtausenden Marc Aurel formulierte: „Alles, was wir hören, ist eine Meinung, keine Tatsache. Alles, was wir sehen, ist eine Perspektive, nicht die Wahrheit.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6147345?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F
Razzia deckt „massive Verstöße“ in fast allen Bordellen auf
Prostitution in Münster: Razzia deckt „massive Verstöße“ in fast allen Bordellen auf
Nachrichten-Ticker