Ausstellung
Kunstmuseum Pablo Picasso spürt den Wurzeln Marc Chagalls nach

Münster -

Bei den ersten beiden Bildern würde man kaum an Chagall denken: „Das Paar am Tisch“ und „Die Großmutter am Tisch“ künden in ihrer Malweise noch nicht von jenem Träumer, als der er gern bezeichnet wird und als den die Surrealisten ihn vereinnahmen wollten. 

Mittwoch, 10.10.2018, 16:29 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 10.10.2018, 15:44 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 10.10.2018, 16:29 Uhr
Ann-Katrin Hahn vom Kunstmuseum Pablo Picasso Münster mit Marc Chagalls großformatigem Gemälde „Akt über Witebsk“, das er im Jahr 1933 malte. Foto: Jürgen Peperhowe

Doch schon das Gemälde „Die Geburt“, im gleichen Zeitraum zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden, spricht eine andere Sprache: Professor Markus Müller, Leiter des Kunstmuseums Pablo Picasso , erkennt hier Einflüsse des Kubismus, den der Russe Chagall beim ersten Besuch in der „Welthauptstadt der Künste“ Paris kennenlernte.

Dass der Maler mit der liegenden nackten Mutter auf rotem Untergrund und dem Neugeborenen in der Obhut eines dunklen Mannes den Mythos um die eigene Geburt während eines Brandes ins Bild setzte, passt gewiss zu einem Künstler, der sich gerade nicht unbewusst zum schlichten Übermittler seiner Träume machte.

Noch nie gezeigte Vorstudie

„Chagall war zeitlebens ein Wachträumer mit bildnerischem Kalkül“, schreibt Müller im Katalog der Ausstellung „Marc Chagall – Der wache Träumer“ und bringt so die Schau auf den Punkt. Gemeinsam mit Kuratorin Ann-Katrin Hahn hat er aus der Grafiken-Sammlung geschöpft, die das Museum als Leihgabe der Sparkasse Münsterland-Ost hütet, und sie mit vielen spektakulären Leihgaben etwa aus dem Centre Pompidou zu einer fünfteiligen Ausstellung gefügt, die den Einflüssen auf den Maler nachspürt, etwa dem Leben in der weißrussischen Heimatstadt Witebsk.

Chagall, im jüdischen Schtetl aufgewachsen, suchte sich angesichts des jüdischen Bilderverbots auch Vorbilder in der christlichen Bildwelt – Ikonen, wie er sie betrachtet haben könnte, wurden für die Ausstellung aus Recklinghausen ausgeliehen. Und sogar mit einem „Sensatiönchen“ kann das Haus aufwarten – einem noch nie gezeigten Blatt als Vorstudie zur Bibelillustration „Gebet des Jesaja um Erlösung“. Es wurde vor Kurzem erst von den Erben entdeckt und feiert in Münster Ausstellung-Premiere.

Wunderbuntes Finale

An den Vorstudien zu Marc Chagalls berühmten schwarz-weißen Bibel-Radierungen ist laut Ann-Katrin Hahn bemerkenswert, dass er sie als farbige Gouachen ausgeführt hat: „Er dachte in Farben“. Seinen besonderen Rang darin hat ja auch Pablo Picasso hervorgehoben, der die „fliegenden Kühe“ Chagalls nicht so furchtbar schätzte. Und natürlich finden sich in der rund 120 Bilder umfassenden Ausstellung auch hinreißende Gemälde, auf denen genau diese populäre Bildsprache Chagalls zu bewundern ist.

Bisweilen gibt es ganz einfache Erklärungen für solcherart surreal wirkende Motive: So bedeutete der Ausdruck „über die Stadt gehen“ in Chagalls Muttersprache schlichtweg „betteln gehen“, erklärt Markus Müller. Und wie im Jiddischen verschiedene sprachliche Einflüsse aufgehoben sind, so verschmelzen in Chagalls Bildersprache Einflüsse aus dem jüdischen und christlichen Erbe, aus der Volkskunst oder aus der Avantgarde seine Zeit zu einem Personalstil, der Chagalls Schaffen über einen langen Lebenszeitraum geprägt hat.

In ihrem letzten Raum übrigens hat die Schau ein wunderbuntes Finale: Es ist der Stadt Paris gewidmet, der zweiten Heimat Marc Chagalls.

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