Projekt von Koki Tanaka
Reden im Bunker

Münster -

Die zehn Tage im vergangenen Herbst werden Tasnim Baghadi und Isa Selcuk-Dilmen wahrscheinlich ihr Leben lang nicht vergessen. Sie verbrachten die meiste Zeit im Bunker unter dem Aegidiiparkhaus, hockten an einem alten Tisch, auf ebenso zusammengewürfelten alten Stühlen und drehten zusammen mit sechs andern Münsteranern ein ganz großes Rad. Es ging um nichts weniger als die Frage, wie Menschen auf der Welt zusammenleben sollten, oder auf Englisch „How to live together?“

Mittwoch, 06.09.2017, 21:09 Uhr

Tasnim Baghadi (l.) und Isa Selcuk-Dilmen  sind Teil der Kunst von Koki Tanaka bei den Skulptur-Projekten. Bevor das Debattireen im Bunker startete übernachteten sie mit der Gruppe in der Turnhalle der VJHS im Aegidiimarkt (Bild im Hinergrund)
Tasnim Baghadi (l.) und Isa Selcuk-Dilmen  sind Teil der Kunst von Koki Tanaka bei den Skulptur-Projekten. Bevor das Debattireen im Bunker startete übernachteten sie mit der Gruppe in der Turnhalle der VJHS im Aegidiimarkt (Bild im Hinergrund) Foto: v

So lautet auch der Titel des Kunstwerks der Skulptur-Projekte , das jetzt in Räumen gegenüber dem Aegidiimarkt in Video-Endlosschleifen gezeigt wird. Initiator des intensiven Gesprächskreises war Koki Tanaka . Der japanische Künstler hat die acht Münsteraner miteinander debattieren lassen, aber auch mit einem Philosophen, einem Globalisierungsexperten und einem Politikwissenschaftler zusammengebracht.

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Eine bunte Mischung aus Münsteranern

„Faszinierend“ war es, sagen die beiden jungen Münsteraner, die dabei waren und jetzt von manchen Skulptur-Besuchern wiedererkannt werden, „aber auch sehr anstrengend“. Um die große Frage des angemessenen Zusammenlebens zu diskutieren, musste der Teilnehmerkreis so vielfältig wie möglich sein. Alle Acht, die sich am Ende auf das Experiment einließen, leben in Münster – und die Gruppe ist bunt: Alteingesessene gebürtige Münsteraner deutscher Herkunft wie Rolf Tiemann und Annette Hinricher oder Stefan Biermann sind dabei. Andere kommen aus Singapur, den USA oder Frankreich. Tasnim Baghadi (29), freie Künstlerin und tätig für das Landmuseum, sagt sie kommt aus Köln. Isa Selcuk-Dilmen (27), Lehramtsstudent, Geschichte und islamische Religion, bezeichnet sich als Sauerländer aus Lüdenscheid. Ihre Familien sind einst aus Marokko und der Türkei eingewandert.

Teil der Kunst von Koki Tanaka wurden sie zufällig. Es gab einen Aufruf des Landesmuseums zu einem Workshop, „je unterschiedlicher die Mischung der Teilnehmer, desto besser“, hieß es, erzählt Tasnim Baghadi. Am Ende blieben die acht Leute übrig, die mitmachten. gesprochen wurde Englisch – nicht nur wegen der Vielfalt der Teilnehmer, sondern auch, damit die internationale Besucherschaft die Gespräche verstehen kann.

Skulptur-Projekte: Alle Künstler - alle Werke

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  • Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Foto: Matthias Ahlke
  • Ei Arakawa:

    Ein Mini-Museum mit sieben Gemälden plus Musik auf grüner Wiese vor Haus Kump – vor allem abends schön.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nairy Baghramian:

    pseudounfertige Skulpturen auf Schraubenschlüsseln finden sich am Erbdrostenhof.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Aram Bartholl:

    Lagerfeuer-Feeling in gedachter Endzeit gibt es an drei Standorten: H1-Tunnel, Pumpenhaus und Fernsehturm.

    Foto: Henning Rogge
  • Cosima von Bonin/Tom Burr

    Die schwere Moore-Plastik am Landesmuseum wird scheinbar vom Tieflader abgeholt. Auf der Kiste steht „Fragile“ für „Zerbrechlich“.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Andreas Bunte:

    hängt am H1-Vorplatz, Stadthaus-1-Innenhof und bei der VHS Plakate mit Fotos einer Installation auf. Via QR-Code gibt es Töne und Bilder.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gerard Byrne

    Gerard Byrne setzt im Klaviersaal der Stadtbücherei das Verhältnis von Musik, Sprache und Bild in Szene.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Camp:

    (Shaina Anand und Ashok Sukumaran) spannt an der Theaterruine ein Netzwerk, das Informationen über das Theater und die Umgebung vermittelt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Michael Dean

    Michael Dean verhängt den Lichthof des Landesmuseums mit transparenter Folie und zeigt darin Schriftzeichen-Skulpturen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Jeremy Deller:

    hat Kleingärtner zehn Jahre lang Tagebuch schreiben lassen. Respektable 33 Bücher werden ausgestellt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Nicole Eisenman:

    hat einen Brunnen für die Kreuzschanze schaffen, der aus unbekleideten Frauen besteht.

    Foto: Oliver Werner
  • Ayşe Erkmen:

    lässt Menschen im Hafen über eine Brücke unter Wasser gehen.

    Foto: Oliver Werner
  • Lara Favaretto:

    stellt am Ludgeriplatz gegenüber ein Denkmal für Kolonialkriegsopfer einen Spardosen-Monolithen für Flüchtlinge auf.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hreinn Friðfinnsson:

    platziert auf einer Wiese im Sternbuschpark sein Edelstahl-Hausskelett.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Ludger Gerdes:

    hat 1989 über dem Ordnungsamt Marl das Leuchtschild „Angst“ anbringen lassen; bis zum 1. Oktober hängt es am Aegidiimarkt.

    Foto: Gerhard Kock
  • Pierre Huyghe:

    stellt die ehemalige Eissporthalle auf den Kopf für ein Habitat.

    Foto: Oliver Werner
  • John Knight:

    vermisst das neue Landesmuseum mit einer überdimensionierten Wasserwaage.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Justin Matherly:

    stellt den Nietzsche-Felsen in der Nähe des Hauptbahnhofs auf Gehhilfen und thematisiert dessen Erweckungserlebnis.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Christian Odzuck:

    stellt eine dem Gebäude der Oberfinanzdirektion nachempfundene Architektur aus recyceltem Material der abgerissenen OfD auf die Brache.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Peles Empire:

    (Barbara Wolff, Katharina Stöver) machen den Archetyp des Prinzipalmarkt-Giebels gegenüber dem Aegidiimarkt begehbar.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Alexandra Pirici:

    lässt Tänzer im Friedenssaal Bewegungen zum Thema Frieden und Staaten aufführen.

    Foto: Oliver Werner
  • Mika Rottenberg:

    eröffnet gegenüber dem Gefängnis in einem ehemaligen Asia-Laden einen Asia-Laden mit Videos.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Xavier Le Roy mit Scarlet Yu:

    lassen Münsteraner in der Innenstadt pantomimisch Skulpturen darstellen, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Sany:

    (oder besser: Samuel Nyholm) zeigt seine fallenden Figuren als Brennmalerei auf Holz an mehreren Stellen in der City.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gregor Schneider:

    hat im Landesmuseum die Wohnung von N. Schmidt eingerichtet.

    Foto: Henning Rogge
  • Thomas Schütte:

    zeigt auf dem ehemaligen Zoo-Gelände die Reinform des Tempels in Rostrot.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nora Schultz:

    will mit Installation und Videos die Wucht der Architektur des neuen Landesmuseums brechen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Emeka Ogboh macht die Weltmusik des in Münster begrabenen Komponisten Moondog im Hamburger Tunnel hörbar und ließ in Belgien Bier unter dem Einfluss von Musik aus Lagos brauen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Michael Smith:

    lädt über 65-Jährige ein, sich kostengünstig Tattoos von Arbeiten internationaler Künstler stechen zu lassen.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Hito Steyerl:

    stellt „Hell-YeahWeFuckDie“ als Leuchten in die LBS – Wörter, die in Popsongs der Gegenwart häufig sind – und thematisiert zudem, wie Menschen mit Robotern umgehen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Koki Tanaka:

    zeigt in der Johannisstraße 18/20 Videos von Workshops mit Münsteranern, die darüber nachgedacht haben, wie Menschen zusammenleben und Unbekanntes teilen.

    Foto: Henning Rogge
  •  Oscar Tuazon:

    bereichert eine Industriebrache am Stadthafen mit einer Art öffentlichem Betonkamin.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Bárbara Wagner und Benjamin de Burca:

    singen in der Uralt-Disco „Elephant Lounge“ Schmalz-Schlager mit kritischen Texten: „Bye Bye Deutschland! Eine Lebensmelodie.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • Cerith Wyn Evans kühlt eine Glocke von St. Stephanus auf Winter-Temperatur. Zu den üblichen Gottesdienstzeiten (samstags um 17 Uhr und sonntags um 10.30 Uhr) können die Menschen hören, ob dies einen Unterschied macht - und wenn welchen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hervé Youmbi:

    hängt zwischen die Bäume des alten Überwasserfriedhofs über die Bronzefiguren Masken, die Motive aus Afrika mit dem Horrorgesicht aus den „Scream“-Filmen kombiniert – ein Maskenball der besondern Art.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gintersdorfer/Klaßen starten im Pumpenhaus ihre öffentlichen Performance-Proben „Erniedrigung ist nicht das Ende der Welt“. (Symbolfoto)

    Foto: pd

Gespräche über Fremdsein und Heimat

Zum Mitmachen gehörte auch zusammen zu kochen, zu essen und gemeinsam zu übernachten. Ein riesiges, im Hof vor dem Eingang aufgestelltes Foto erinnert daran. Dann wurde im Bunker geredet, nicht den ganzen Tag, aber mehrere Stunden an jedem der zehn Tage und manchmal auch nachts, immer aufgenommen von mehreren Kameras: Über Tradition und Herkunft, Fremdsein und Heimat. Das alle sehr persönlich, „ja, an manchen Stellen ging es mir auch zu weit“, gibt Tasnim Baghadi zu und Isa-Selcuk Dilmen nickt. „Wir waren sehr gespannt, was Koki Tanaka aus dem Filmmaterial macht.“

Das Wiedersehen mit sich selbst auf den Bildschirmen war merkwürdig. „Ein Antimoment“, sagt Tasmin Baghadi, sie erlebt sich hier aus der Außenperspektive.

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Die Ausgangsfrage bleibt offen

Und wissen die beiden jetzt, wie Menschen zusammenleben sollen? „Es gibt kein Ergebnis, aber die Erfahrung, seine eigene Tunnelsicht auf die Wirklichkeit zu öffnen, um zu erfahren, was andere Menschen in derselben Gesellschaft erleben“, sagt Isa Selcuk-Dilmen. „Ich kann mich nicht in jeden hineinversetzen – aber ich kann zuhören.“

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