Gewalt in der Pflege
Heimbewohnerin misshandelt

Münster -

Eine Altenpflegehelferin steht wegen der Misshandlung einer Heimbewohnerin in Münster vor Gericht. Eine von Angehörigen versteckte Kamera hatte die Übergriffe gefilmt.

Dienstag, 18.07.2017, 19:07 Uhr

Fürsorglich und verantwortungsvoll soll die Pflege in Altenheimen sein: Eine Mitarbeiterin eines Heims in Münster misshandelte eine Bewohnerin. Darum steht sie nun vor Gericht.
Fürsorglich und verantwortungsvoll soll die Pflege in Altenheimen sein: Eine Mitarbeiterin eines Heims in Münster misshandelte eine Bewohnerin. Darum steht sie nun vor Gericht. Foto: dpa

Tochter und Schwiegersohn der alten Dame, die wegen fortschreitender Demenz ins Altenheim gezogen war, hatten schon lange den Eindruck, ihre Angehörige werde dort nicht gut versorgt. Als sie mit ihren Beschwerden bei der Heimleitung nichts zu erreichen glaubten, überwachten sie die Pflege mit versteckter Kamera. An drei aufeinanderfolgenden Tagen im August 2016 zeigte der Film, wie eine Altenpflegehelferin die alte Frau bei der Pflege am Abend schwer misshandelte. Die inzwischen gekündigte Mitarbeiterin steht seit Dienstag vor dem Schöffengericht.

Eindeutige Beweislage

Die Beweislage ist eindeutig, wie auch der Anwalt der ehemaligen Pflegehelferin einräumte. Für die Angeklagte, die erklärt, sich an die Vorfälle nicht zu erinnern, und vor Gericht kaum verständlich sprach, geht es nun um die Frage der Schuldfähigkeit. Das Gericht billigte den Antrag ihres Anwalts, ein psychiatrisches Gutachten anfertigen zu lassen.

Dass die inzwischen verstorbene Heimbewohnerin unter ihr schwer gelitten hat, daran besteht für das Gericht kein Zweifel: Die Pflegekraft hielt der alten Frau gewaltsam den Mund zu, kippte sie im Rollstuhl auf den Boden, drückte ihr Kissen gegen Mund und Nase, am nächsten Tag sogar ein mit Fäkalien beschmutztes Tuch, herrschte die hilflose Frau an.

Wir können es nicht fassen, dass solche Handlungen in unserer Einrichtung durch eine unserer Mitarbeiterinnen vorgekommen sind.

Ludger Prinz

„Wir können es nicht fassen, dass solche Handlungen in unserer Einrichtung durch eine unserer Mitarbeiterinnen vorgekommen sind“, sagte dazu Ludger Prinz , Verwaltungsleiter der Genossenschaft der Franziskanerinnen, zu der das betroffene Seniorenzentrum Maria Trost in Mauritz gehört. Er ist dankbar, „dass die Angehörigen die Taten aufgedeckt und so vielleicht noch Dritte vor Schaden bewahrt“ haben, sagte er am Rande der Verhandlung.

Heimbewohnerin weinte und hatte Hämatome

Tochter und Schwiegersohn der 1925 geborenen Heimbewohnerin hatten seit Langem kein gutes Gefühl, was die Betreuung anging. Die Seniorin, durch ihre Krankheiten nicht mehr fähig zu sprechen, dement und stark eingeschränkt in der Bewegungsfähigkeit, weinte häufig und klammerte sich an die Angehörigen. Als die Tochter vermehrt große Hämatome bei der Mutter feststellte, schaltete sie erstmals die Heimleitung ein.

Der daraufhin verständigte Hausarzt der Bewohnerin sprach damals von Bagatellverletzungen. Einmal fand die Tochter ihre alte Mutter mit blutender, geschwollener Lippe, einem fehlenden Zahn und verbogener Brille vor. Die auf der Station gerade zuständige, nun angeklagte Pflegehelferin habe keine Erklärung für die Verletzungen gegeben, sagte die Tochter als Zeugin.

Radiowecker mit Kamera aufgestellt

Im August 2016 platzierte der Schwiegersohn der alten Frau im Zimmer einen Radiowecker mit Kamera, die sich per Bewegungsmelder einschaltete. Nach drei Tagen schalteten die Angehörigen die Heimleitung ein, Anzeige wurde erstattet, der Mitarbeiterin gekündigt. Das Heim werde nun „durch Pflege im Zweierteam beziehungsweise verstärkten stichprobenartigen Kontrollen die Kontrolldichte und damit die Sicherheit der Bewohner erhöhen“, so Ludger Prinz. Er stellte aber auch klar, dass die Pflegeeinrichtungen unter großem finanziellen Druck arbeiteten.

Die 30 Jahre alte Angeklagte gab an, schon vor der Tat unter Depressionen und Gedächtnislücken gelitten zu haben. Die ärztlichen Atteste, die dem Gericht bislang dazu vorliegen, datieren aber allesamt aus der Zeit nach August 2016. Der Richter kündigte an, das Verfahren werde noch in diesem Jahr abgeschlossen.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5019633?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F
Sturm und Käfer: Förster bilanzieren 2018
Wo einst Fichten wuchsen, steht jetzt nichts mehr: Förster Jan-Dirk Hubbert in seinem Steinfurter Revier.
Nachrichten-Ticker