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In Münster hat die Mafia freies Spiel

Freitag, 23.04.2010, 06:04 Uhr

Münster - Blutrünstige Scharfschützen und geheime Treffen in finsteren Räumen - so stellen sich viele die Mafia vor. Keiner kennt sie, keiner hat etwas damit zu tun. Bis plötzlich ein Mord geschieht. So war es auch 2007 in Duisburg, als sechs Italiener vor einer Pizzeria erschossen wurden. In diesem Moment, sagt Petra Reski , sei Deutschland vorübergehend erwacht. Als exzellente Kennerin der italienischen Mafia beleuchtet sie seit Jahren immer wieder neue Aspekte über das organisierte Verbrechen. Am Mittwoch stellte sie ihr Buch „Mafia“ in der Villa ten Hompel vor.

„Das Buch liest sich wie ein Roman“, sagt die Autorin. Doch fiktiv ist es ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Hier erzählt Reski Geschichten von realen Menschen, die sie selbst traf. Abtrünnige Mafiosi, abgefeimte Priester und gerissene Politiker kommen zu Wort. Diesmal ist Reski auch der organisierten Kriminalität in Deutschland dicht auf der Spur.

Mit Stützpunkten in über 300 Restaurants in Deutschland wolle die Mafia ihre Geschäfte im Drogen- und Waffenhandel sowie Geldwäsche unbemerkt weiterführen. Geldwäsche in Deutschland, gibt die Autorin zu verstehen, „ist ein Kinderspiel“. Hier könne ein Kellner, der 1000 Euro im Monat verdient, ein Hotel kaufen, ohne das jemand nachfrage. Zudem seien Staatsanwaltschaft und Polizei die Hände gebunden: Abhören sei so gut wie unmöglich.

Nicht zuletzt müsse endlich die Politik aufhorchen. Besonders in NRW werde die Existenz der Mafia weiterhin abgestritten. Auch in Münster habe sie deshalb freies Spiel. Hier existiere ein Clan, der zur Ndrangheta, einer der erfolgreichsten Mafiagruppen in Italien, Beziehungen habe. Die Mafia werde nie als Fremdköper in der Gesellschaft wahrgenommen, „sie passt sich an“. Dies funktioniere gerade in Italien durch die Unterstützung der katholischen Kirche: In der Karfreitagsprozession gingen die Bosse ganz vorne. Im Buch sagt ein abtrünniger Mafioso seelenruhig: „Bevor ich jemanden umbringen musste, bekreuzigte ich mich.“

In Deutschland wolle man das aktive Wirken der Mafia einfach nicht wahrhaben. Spätestens, nachdem die europäischen Fördergelder nach Sizilien durch die Beteiligung eines italienischen Europa-Abgeordneten direkt in die Taschen der Mafia geflossen seien, hätte Europa aufhorchen müssen. „Doch die Mafia existiert immer nur dann, wenn es Tote gibt, sonst interessiert sich niemand dafür“, sagte die Autorin.

Kräftig desillusioniert von ihrem Heimatland ist Reski, seit sie wegen einiger Passagen ihres Buches in Deutschland vor Gericht stand, die dann gestrichen wurden. Ihr zumindest sei „die Lust auf Pizza tüchtig vergangen“.

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