Interview mit Präsident des Kindermissionswerkes
Aktion „Sternsinger“: Solidarität für ein anderes Leben

Aachen/Trier -

Zum 60. Mal werden rund um den 6. Januar 2018 die Sternsinger unterwegs sein. „Segen bringen, Segen sein. Gemeinsam gegen Kinderarbeit – in Indien und weltweit!“ heißt das Leitwort der Aktion Dreikönigssingen, bei der in allen 27 deutschen Bistümern wieder rund 300 000 Kinder in den Gewändern der Heiligen Drei Könige von Tür zu Tür ziehen.  Am Freitag (29.12.) wurde die Aktion mit einem Wortgottesdienst in Trier feierlich eröffnet. Unser Redaktionsmitglied Doerthe Rayen sprach mit Prälat Dr. Klaus Krämer, Präsident des Kindermissionswerks „Die Sternsinger“, in Aachen.

Samstag, 30.12.2017, 18:12 Uhr

Etwa 2600 Sternsinger versammeln sich im Dom zu Trier zur Eröffnung der bundesweiten Sternsingeraktion.
Etwa 2600 Sternsinger versammeln sich im Dom zu Trier zur Eröffnung der bundesweiten Sternsingeraktion. Foto: dpa

Die Sternsinger sind die größte Solidaritätsaktion weltweit von Kindern für Kinder: Wie wichtig sind die Sternsinger für diese Welt?

Prälat Klaus Krämer : Wir sind sehr dankbar, dass sich Jahr für Jahr 300 000 Mädchen und Jungen bei der Aktion Dreikönigssingen engagieren. Sie bringen den christlichen Segen, haben diesmal mit ihrem Einsatz gegen Kinderarbeit eine weitere wichtige Botschaft dabei und sammeln darüber hinaus Spenden für Hilfsprojekte in aller Welt. Seit Beginn der Aktion 1959 konnten die Sternsinger bereits über eine Milliarde Euro an Spendengeldern sammeln. Damit konnte das Kindermissionswerk, das Hilfswerk der Sternsinger, 71 700 Hilfsprogramme unterstützen. Es gibt also gleich mehrere Gründe, warum das Sternsingen wichtig ist.

Es gibt so viele andere Hilfsaktionen – warum sind die Sternsinger trotzdem von Bedeutung?

Krämer: Das Alleinstellungsmerkmal der Sternsingeraktion liegt auf der Hand. Mädchen und Jungen, meist zwischen sechs und 14 Jahre alt, setzen sich ein für Gleichaltrige in aller Welt, denen oft das Nötigste zum Leben fehlt. Mit großer Begeisterung sind die Kinder in Deutschland unterwegs, weil sie wissen, dass sich ihr Einsatz für benachteiligte Kinder in über 100 Ländern lohnt. Mit einem gewissen Stolz sprechen wir ja davon, dass das Sternsingen die weltweit größte Hilfsaktion ist, bei der sich Kinder für Kinder engagieren.

Mädchen und Jungen, die beim Sternsingen mitmachen, nehmen zudem etwas mit auf ihren weiteren Lebensweg. Die Kinder lernen, wie wertvoll der Einsatz für andere sein kann, wie wichtig solidarisches Handeln ist, wenn man die Lebenssituation von Kindern in Afrika, Lateinamerika oder Asien kennengelernt hat. Dieses Handeln auf der Grundlage unseres christlichen Glaubens wird für viele Sternsinger zu einer Grundeinstellung, die sie auch später als Erwachsene prägen wird. Viele Erwachsene, die heute die Sternsingeraktion in ihrer Gemeinde organisieren oder sich in der Eine-Welt-Arbeit engagieren, waren als Kind selbst Sternsinger.

Die Sternsingeraktion macht 2018 auf das weltweite Problem der ausbeuterischen Kinderarbeit aufmerksam. Warum ist Indien Beispielland geworden?

Krämer: Indien ist das Land mit den meisten arbeitenden Kindern weltweit. Nach offiziellen Angaben arbeiten in Indien mehr als zwölf Millionen Kinder, andere Schätzungen gehen sogar von 60 Millionen arbeitenden Kindern aus. Diese gewaltige Zahl reicht aus, um zu erklären, warum wir dieses Land zum Thema „Kinderarbeit“ in den Fokus nehmen. Zwar verbietet der indische Staat Kinderarbeit unter 14 Jahren, die Vorgaben werden jedoch nicht konsequent umgesetzt. Wenn ein Kind so hart arbeiten muss, dass es deshalb nicht zur Schule gehen kann, wird es ausgebeutet. Dabei hat jedes Kind das Recht, zu spielen, zu lernen und sich zu entfalten. Das gilt für Kinder überall in der Welt, auch und besonders in Indien.

Eigentlich ist Kinderarbeit verboten. Warum müssen dennoch viele, viele Kinder arbeiten? Fehlen Kontrollen?

Krämer: Armut und ein fehlendes gesichertes Einkommen der Eltern sind weltweit die Hauptursachen von Kinderarbeit. Neben Gesetzen gegen Kinderarbeit sind deshalb staatliche und zivilgesellschaftliche Programme nötig, die einen Weg aus der Armut ermöglichen und Familien in die Lage versetzen, auf den Lohn ihrer Kinder verzichten zu können. Sicherlich fehlt es in Indien auch an Kontrollen, wenn Kinderarbeit offiziell verboten ist, aber trotzdem 60 Millionen Kinder dort arbeiten. Aber allein diese Zahl sagt doch schon alles: Die Ursachen von Armut müssen bekämpft werden, damit Kinder zur Schule gehen können, statt zu arbeiten.

„Die Sternsinger“

Träger der Aktion Dreikönigssingen sind das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Seit ihrem Start im Jahr 1959 hat sich die Aktion Dreikönigssingen zur weltweit größten Solidaritätsaktion von Kindern für Kinder entwickelt. Bei der Aktion 2017 kamen insgesamt rund 46,8 Millionen Euro an Spenden zusammen. 2016 wurden knapp 1640 Projekte in 107 Ländern gefördert. Die Sternsinger haben seit 1959 mehr als eine Milliarde Euro gesammelt. Das Bistum Trier war in diesem Jahr zum ersten Mal Gastgeber der Aktion. Für den 8. Januar ist ein Besuch von Sternsingergruppen aus den 27 deutschen Bistümern im Berliner Kanzleramt geplant.

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Wie helfen die Kinder in Deutschland ganz konkret den Kindern in Indien?

Krämer: Das Kindermissionswerk hat 2016 in Indien insgesamt 308 Kinderhilfsprojekte gefördert, den Großteil davon mit Mitteln aus der Sternsingeraktion. Mehrheitlich sind dies Bildungsprojekte, Sozialprojekte oder Gesundheits- und Ernährungsprogramme. Gerade bei den Projekten gegen Kinderarbeit geht es im Kern um zwei Dinge. Die Projektpartner befähigen Familien zum Beispiel durch Kleinkredite, ihre Einkommenssituation zu verbessern. Um den Teufelskreis aus Arbeit und ausbeuterischer Arbeit zu durchbrechen, sind eine gute Schulbildung und eine spätere Berufsausbildung ganz wichtig. Dies können wir zahlreichen Kindern dank des Einsatzes der Sternsinger ermöglichen.

Dass die Sternsingeraktion schon mehrfach ausgezeichnet wurde (Friedenspreis in 2004, Immaterielles Kulturerbe in 2015) ehrt Sie sicherlich. Doch was bedeuten solche Preise tatsächlich?

Krämer: Die Auszeichnung mit dem Westfälischen Friedenspreis 2004 oder der Eintrag des Sternsingens in das Bundesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes 2015 sind Ausdruck der großen Wertschätzung, die die Sternsinger überall erfahren. Natürlich sind Preise und Titel für sich genommen nicht immer entscheidend. Der Dank und die Würdigung tun uns und den Sternsingern aber gut. Denn sie sind ein Zeichen, dass die Aktion wichtig ist und der Einsatz der jährlich 300 000 Sternsinger und ihrer 90 000 erwachsenen Begleitenden auch die entsprechende gesellschaftliche Anerkennung erfährt. Preise und Auszeichnungen tragen dazu bei, auch im nächsten Jahr motiviert mitzumachen.

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