Im Luxuszug verlorener Seelen „Mord im Orient Express“: Famose Neuverfilmung als virtuoses Solo von und mit Kenneth Branagh

Das hatte man gehofft, dafür zitterte man, und darüber kann man sich, um es mit Hercule Poirot auszudrücken, „vé­ritablement“ freuen. Die Neuverfilmung des britischen Krimiklassikers „Mord im Orient Express“, das Juwel der Autorin Agatha Christie, ist geglückt, eine Supervorstellung, und Regisseur Kenneth Branagh stellt als belgischer Detektiv mit den kleinen grauen Zellen alle seine Vorgänger und sein eigenes Starensemble in den Schatten.

Von Hans Gerhold
Mitten im Schnee vor dem Orient Express präsentiert Hercule Poirot (Kenneth Branagh) die Lösung des Mordfalls.
Mitten im Schnee vor dem Orient Express präsentiert Hercule Poirot (Kenneth Branagh) die Lösung des Mordfalls. Foto: dpa

Das ist eine famose Leistung, wenn man an Albert Finney denkt, der im 1974er „Orient“ einem illustren Starensemble, darunter Sean Connery, Jacqueline Bisset, Ingrid Bergman, Vanessa Redgrave, Jean-Pierre Cassel und Richard Widmark, süffisant die Leviten las. Oder an Peter Ustinov („Tod auf dem Nil“), der die Christie-Kombinationen jener sich meist in geschlossenen Räumen kammerspielartig entwickelnden Fälle mehrfach pedantisch skurril und witzig auflöste.

Branagh stellt den Detektiv, der 1934 im entgleisten (!) und eingeschneiten Luxuszug den Mord an einem Millionär, Kidnapper und Kindesmörder (Johnny Depp) löst, als Perfektionisten dar, der Frühstückseier misst, sich an Büchern von Charles Dickens berauscht, türkisches Fladenbrot als Kunstwerk beriecht und stets einen wachen Verstand beweist, dem nichts entgeht und der durchaus durchtrieben ist, so in der Anfangsszene an der Klagemauer in Jerusalem.

Vor allem aber ist dieser Poirot eine verletzte filigrane Seele, die ziemlich urlaubsreif in dem Dutzend Verdächtiger, die er verhört, die eigenen Verwundungen des Lebens und seine verlorene Liebe wiederentdeckt. Da kommt dem größten lebenden Shakespeare-Darsteller seit Laurence Olivier seine Erfahrung als melancholischer Kommissar Wallander zugute, der wie jetzt Poirot das Richtige und das Falsche nicht mehr trennscharf messen kann.

Alle, die sich ihm präsentieren, ob von Judi Dench, Michelle Pfeiffer, Daisy Ridley, Derek Jacobi oder Penelope Cruz verkörpert, haben gebrochene Biografien. Wenn Poirot ihnen, die wie beim Abendmahl vor ihm an Tischen sitzen, die unerhörte, unerwartete und unglaubliche Lösung präsentiert, ist das eine Sternstunde der Schauspielkunst. Chapeau, Poirot!  

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