Einbruch in die Filterblase „The Square“: Der Cannes-Gewinner seziert das Selbstbild des modernen Kreativen

Ist das Kunst oder ein Versehen? Ist das noch Leben oder schon Performance? Gibt es da noch einen Unterschied? Und wenn sich Künstler danebenbenehmen dürfen, warum dann nicht wir alle? Es sind komplizierte Fragen, die der schwedische Regisseur Ruben Östlund in seinem neuen Film stellt. Und wie immer sorgt er dafür, dass das Nachdenken darüber wehtut.

Von Gian-Philip Andreas
Kunst muss man aushalten: Der russische Aktionskünstler Oleg (Terry Notary) steigt den Sponsoren auf den Tisch.
Kunst muss man aushalten: Der russische Aktionskünstler Oleg (Terry Notary) steigt den Sponsoren auf den Tisch. Foto: Alamode

Östlund ist berüchtigt dafür, das Selbstbild seiner (männlichen) Figuren gnadenlos zu dekonstruieren, zuletzt tat er das mit einem Familienvater im Meisterwerk „Höhere Gewalt“. Diesmal ist der smarte Stockholmer Kunst-Kurator Christian (hervorragend: Claes Bang ) an der Reihe. Er lebt das vorbildliche Leben eines modernen Endvierzigers: ein kümmernder Vater, kommunikativ, attraktiv, erfolgreich, nachhaltig, natürlich fährt er ein Elektro-Auto.

Dann bricht das Leben in seine Kreativblase ein: Handy und Geldbörse werden ihm geklaut, als er in eine Notsituation eingreift, die sich als Trickdiebstahl entpuppt – als kriminelle Performance. Christian findet das Handy per GPS und lässt sich zu Drohbriefen hinreißen, eine ganz dumme Idee. Auch im Kunstmuseum laufen die Dinge aus dem Ruder: Die brutalisierte PR-Kampagne zur neuen Installation „The Square“ (einem Quadrat, innerhalb von dessen Grenzen jeder gleich sein soll) endet im Shit­storm, Journalistin Anne („Mad Men“-Star Elisabeth Moss) will sich nicht mit Christians One-Night-Stand-Routinen abfrühstücken lassen, und die Performance eines Radikalkünstlers sprengt ein Sponsorendinner.

Es sind mitunter schwer erträgliche Szenen, die Östlund da entwirft, oft brutal-satirisch, aber erhellend, was den Umgang des modernen, sich aufgeklärt gebenden Großstadtmenschen mit jenen angeht, die sich gegen all das sträuben, was die Rechte gern als „politische Korrektheit“ diffamiert.

Östlunds spöttischer Blick auf zeitgenössische Kunst ist diskutabel, weil er die denunziatorischen Reflexe der Populisten übernimmt, wird aber da interessant, wo er den Kunstbetrieb als hermetisches System inszeniert, das gern von Gesellschaft spricht, aber am liebsten unter sich bleibt. Östlund ist selbst ein wenig wie der Mann mit Tourette-Syndrom, der in einer grandios gemeinen Szene den phrasensatten Teilnehmern einer Podiumsdiskussion Unflätigkeiten an den Kopf wirft. In Cannes gewann die spannende Versuchsanordnung die Goldene Palme. Sehenswert.  

Leserkommentare
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5234695?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F201%2F1819671%2F