Der Falke und die Schlange „On the Milky Road“: Fabulierfreudiges Meisterwerk von Emir Kusturica über Liebe, Milch und Krieg

Mit „On the Milky Road“ kann man nach zehn Jahren das großartige Comeback von Balkan-Fellini Emir Kusturica („Schwarze Katze, weißer Kater“) genießen, der sein ureigenes Universum entfaltet. In den ersten Minuten wird man von spähenden Falken, in Blut badenden Gänsen und sich im Spiegel bekämpfenden Hühnern überfallen, erlebt nach Zweigen schnappende Hunde, geschlachtete Schweine, mit Milchkannen beladene Esel, eine am PC Strip-Poker spielende Oma und eine Kirchturmuhr mit zerspringenden Rädern. Willkommen im Kusturica-Kosmos.

Von Hans Gerhold
Die namenlose italienische Braut (Monica Bellucci) soll einen Kriegshelden heiraten.
Die namenlose italienische Braut (Monica Bellucci) soll einen Kriegshelden heiraten. Foto: Wild Bunch

Die Flut von wilden, ungebändigt fantasievollen Bildern echter Natur, Tiere und Menschen prägt den visuellen Stil Kusturicas, der als Autorenfilmer eine Klasse für sich ist. Als eigener Hauptdarsteller unangestrengt unterwegs, ist er der vom Bosnien-Krieg der 90er Jahre traumatisierte Milchmann Kosta, der zwischen den Fronten der Bürgerkriegsparteien und der Uno-Hilfstruppen seine Milch ausliefert, immer begleitet von einem Falken, der Bruder und fliegendes Auge zugleich ist.

Kosta gerät zwischen alle Fronten, als er sich in die namenlose italienische Braut ( Monica Bellucci ) verliebt, die den Kriegshelden Zaga (Predrag Manojlovic) heiraten soll, dessen Schwester Milena (Sloboda Micalovic) Kosta ehelichen will. Vor der Doppelhochzeit veranstalten Soldaten eines von der Braut besessenen Generals ein Blutbad. Die finalen 45 Minuten inszeniert Kusturica als atemlose Flucht durch unwegsames Terrain, wo sich das Schicksal Kostas und der Braut entscheidet.

Was der Meister des magischen Realismus hier entfaltet, ist pure Volkspoesie mit Metaphern, die so klar wie kryptisch sind. Eine Milch schlabbernde Hornotter, die als Riesenschlange die Braut auf einem Minenfeld umklammert, wird zum vieldeutigen Symbol eines Films, der eine furiose Absage an den Krieg ist. Nicht umsonst wird „Die Kraniche ziehen“ zitiert, wenn die so schöne und sinnliche wie bodenständige Monica Bellucci mit der Heldin des Klassikers Zwiesprache hält. Oder wenn sie Kosta ein Ohr annäht. Welcome back, Emir! Herausragend.

 

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