Tribute der Selbstvermarktung „Jugend ohne Gott“: Horváths Romanklassiker wird etwas überambitioniert in die Zukunft versetzt

Ödön von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ erschien 1937, vier Jahre nach Hitlers Machtergreifung, und landete sofort auf der Liste des „schädlichen und unerwünschten Schrifttums“. Horváth selbst starb ein Jahr später im französischen Exil, doch sein antifaschistischer Klassiker wird heute noch gelesen. Beklemmend zeichnet er eine Jugend, die sich dem Nazi-Weltbild unterwirft, gleichgeschaltet und mitleidslos. Wer ausschert, wird der „Humanitätsduselei“ bezichtigt.

Von Gian-Philip Andreas
Nadesh (Alicia von Rittberg) und Zach (Jannis Niewöhner) sind die Hoffnungsträger der Leistungselite.
Nadesh (Alicia von Rittberg) und Zach (Jannis Niewöhner) sind die Hoffnungsträger der Leistungselite. Foto: dpa

Heute würden die Mitleidlosen wohl „Gutmenschentum“ dazu sagen. Eine aktuelle Verfilmung (es gab bereits vier) könnte also bestens andocken an die neu-nationalistischen Ausgrenzungsdiskurse unserer Tage. Doch weil im Buch ein grüblerischer Lehrer als Ich-Erzähler viel über Gott nachsinnt, haben sich die Macher des Films wohl Folgendes gedacht: Das ist nicht peppig genug, lasst uns lieber eine Art „Tribute von Panem“ für junge Smartphone-Zombies und Social-Media-Junkies daraus machen.

Also verlegt Regisseur Alain Gsponer („Heidi“) den Roman in eine dystopische Zukunft, in der sich die Jugend freiwillig zu neoliberalen Brutal-Darwinisten entwickelt hat: Wer vorne dabei sein will, muss in den sozialen Medien die eigene Großartigkeit behaupten. Platz zwei ist für Verlierer, Nach-unten-Treten explizit gewünscht. Permanente Überwachung, digitale Kontrolle? Kein Problem für die Kids.

Während die Schulklasse im Roman in ein Ertüchtigungslager fährt, ist es im Film ein alpines Assessment Center, in dem die Schüler um Plätze an einer Elite-Uni kämpfen. Bis zum Mord. Anders als die Vorlage wird der Film aus Sicht mehrerer Figuren erzählt ­– ein etwas verschraubter Zugriff, der die Zuschauer unnötig auf Distanz hält. Als nicht völlig von der Leistungsgesellschaft verbeulte Sympathiefigur verliebt sich der Schüler Zach (Jannis Niewöhner, „Jonathan“) in die wilde Ewa (Emilia Schüle, „Freche Mädchen“), die mit „illegalen“ Verweigerern im Wald haust. Den Lehrer spielt Fahri Yardim („Almanya“), die Direktorin Iris Berben und die Psychologin Anna Maria Mühe.

Doch so sehr Gsponer dem düsteren Zukunftszirkus der „Hunger Games“-Filme nacheifert: An die Originale kommt er nicht heran. Die Kritik am Selbstvermarktungswettkampf dieser seelenlosen Jugend wirkt im ganzen Actionrummel oberflächlich, in ihrem grimmigen Ernst auch ein wenig selbstverliebt.

Sei‘s drum: Wenn der Film unter dem Deckmantel eines futuristischen Teenie-Thrillers mit Ödön von Horváth bekannt machen kann, geht das schon in Ordnung.

 

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