Letztes aus dem Kalten Krieg „Atomic Blonde“: Comic-Agentenfilm

So stellt man sich also in Hollywood Berlin kurz vor dem Mauerfall vor: Überall patrouillieren Polizisten in altfarbigen Uniformen, man trifft sich in pop-kommunistisch dekorierten Foyers, draußen demons­triert das Volk in Straßen, die verdächtig nach Budapest aussehen (dort wurde auch gedreht), drinnen intrigieren die Spione des sehr späten Kalten Kriegs gegeneinander. Sie heißen „Spyglass“ oder „Merkel“.

Von Gian-Philip Andreas 
Spionin Lorraine Broughton (Charlize Theron) ist so cool, wie sie aussieht.
Spionin Lorraine Broughton (Charlize Theron) ist so cool, wie sie aussieht. Foto: dpa

Mittendrin: Lorraine Broughton . Die wasserstoffblonde Atombusen-Amazone im Dienste des britischen MI6 soll eine auf Mikrofilm kursierende Liste ausfindig machen, die Tarnnamen und Kontaktdaten britischer Agenten enthält und auf keinen Fall in den falschen Händen landen darf. Charlize Theron , die vor zwei Jahren in „Mad Max: Fury Road“ ihre unbedingte Tauglichkeit für Actionfilmrollen unter Beweis stellte, spielt Lorraine mit einer eiszapfenharten Coolness, die nie eine auch nur annähernd greifbare Figur entstehen lässt, als stylishe Comic-Heroine aber hervorragend durchgeht.

Schließlich basiert „ Atomic Blonde“ auf einer Graphic Novel. Was Regisseur David Leitch, eigentlich Stuntman, aber als Co-Regisseur am ersten „John Wick“-Film beteiligt, aus der Vorlage von Anthony Johnston und Sam Hart macht, ist die Wiedergeburt des Spionagefilms alter Schule als Haudrauf-Spektakel.

Während „X-Men“-Star James McAvoy als dubioser Kontaktmann, John Goodman als CIA-Veteran und allerlei britische Charakterköpfe (Eddie Marsan, Toby Jones) die Figurenschablonen des Agentenfilms ausfüllen, begeistern hier vor allem die Actionsequenzen, die Leitch als staunenswert ausufernde, handgemachte Stunt-Schlachten inszeniert. Theron absolviert sie ebenso ungerührt wie die (mit männlichem Fetischblick inszenierte) Sexszene mit Kollegin Delphine (Sofia „Die Mumie“ Boutella) und die Treffen mit deutschen Schauspielzugaben (Til Schweiger und Barbara Sukowa). Vom Suspense klassischer Spionagethriller ist das alles so weit entfernt wie vom Berlin anno 1989. Aber sehr unterhaltsam.  

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