Verein «Athleten Deutschland»
Ski-Ass Neureuther: «Die Athleten müssen mehr protestieren»

Felix Neureuther fehlt wegen eines Kreuzbandrisses bei den Winterspielen in Pyeongchang. Aus der Ferne appelliert er an die Athleten, sich mehr einzumischen. Der Skirennläufer selbst tut es und übt Kritik am Werteverfall und einem aufgeblähten Olympia-Programm.

Samstag, 03.02.2018, 10:02 Uhr

Felix Neureuther fordert von Sportlern mehr Engagement und Einmischung.
Felix Neureuther fordert von Sportlern mehr Engagement und Einmischung. Foto: Tobias Hase

Pyeongchang (dpa) - Skirennfahrer Felix Neureuther fordert die Sportler auf, sich für ihre Interessen mehr zu engagieren. «Die Athleten müssen sich noch mehr zusammenschließen, protestieren und mündige Vertreter haben, die etwas verändern können», sagte er im Interview der «Süddeutschen Zeitung ».

In vielen großen professionellen Sportarten wie Golf oder Tennis funktioniere das schon ganz gut. Das sollte es auch in kleineren Verbänden geben. «Wenn sich der neue Verein «Athleten Deutschland» als unabhängige Kraft im organisierten Sport etabliert, dann würde ich mir dafür auch Zeit neben dem Skifahren nehmen», sagte der 33-jährige Vizeweltmeister von 2013. «Weil es um die Zukunft des Sports geht.» Nur so würde man es schaffen, «wieder nachhaltig Vertrauen bei Zuschauern, Eltern und Nachwuchs» zu gewinnen. Neureuther musste wegen eines Kreuzbandrisses auf die Teilnahme an den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang verzichten.

Für ihn ist es nicht verständlich, dass viele Athleten sich nicht engagieren und ihre Meinung nicht äußern. «Es ist schade, dass man immer wieder von Sportlern hört: Ich muss mich auf den Wettkampf konzentrieren, den Rest blende ich aus», meinte Neureuther. «Wir fordern ja immer, dass wir öfters an Entscheidungen beteiligt werden wollen. Aber wenn keiner den Mund aufmacht - wie sollen dann Dinge in unserem Sinne geregelt werden?»

Für ihn habe jedenfalls der ideelle Wert der olympischen Medaille an Wert verloren: «Dieser Glanz verblasst. Das liegt auch am aufgeblähten olympischen Programm.» Ständig werde aufgestockt: Hier noch ein Teamevent, da noch ein Doppelsitzer beim Rodeln und eine Mixed-Staffel. «Als Nächstes machen wir Langlauf mit langen und halb so langen Skiern? Und alles, um noch mehr Fernsehzeit, Sponsoren und Einnahmen zu generieren.»

Er hätte nichts dagegen, im Ski alpin nur Slalom, Riesenslalom und Abfahrt durchzuführen. Kein Parallelevent, keinen Super-G, keine Kombination. «Sicher gibt es dann weniger TV-Gelder, aber bei 102 Entscheidungen in 16 Tagen weiß man schon nach einigen Tagen nicht mehr, wer was gewonnen hat», sagte Neureuther. «Da sind wir wieder bei den Emotionen: Wie willst du die schaffen, wenn jemand, übertrieben gesagt, zehn Goldmedaillen gewinnen kann?»

Auch den Umgang mit dem russischen Doping-Skandal - so dürfen in Pyeongchang 169 Sportler des Landes unter neutraler Fahne starten - sieht er kritisch und von einer anderen Seite. «Was mich stört: Wer redet eigentlich gerade von den vielen Athleten, denen durch einen gedopten Sportler der Traum genommen wurde, auf einem olympischen Podest zu stehen und ihre größte Emotion erleben zu dürfen?», so Neureuther. «So brutal das auch für manch saubere Athleten wäre: Wenn wirklich ein staatlich organisiertes System dahintersteckte, dem sich alle untergeordnet haben, dann muss ich gnadenlos vorgehen.»

Trotz aller Kritik ist für ihn Olympia immer noch ein großes Ereignis. «So kritisch ich viele Entwicklungen sehe, möchte ich aber auch eine Botschaft an alle schicken, die zweifeln: Olympische Spiele sind nach wie vor das faszinierendste Sporterlebnis, das man sich vorstellen kann.» Dafür lohne es sich zu kämpfen und zu leben. «Sonst hätte ich auch nie probiert, mit gerissenem Kreuzband zu den Spielen nach Pyeongchang zu fahren.»

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