Olympia-Teilnehmerin von Melbourne 1956
Anne Chatrine Rühlow schleudert den Diskus und stößt die Kugel auch mit 81 Jahren weit

Anne Chatrine Rühlow ist eine wahrlich außergewöhnliche Frau. Eine Wand mit rund 300 Siegermedaillen, Vitrinen voller Pokale und meterlange Regale mit alten Aktenordnern lassen die einmalige Geschichte dieser Leichtathletin in ihrem schmucken Heim in Burgsteinfurt lebendig werden.

Donnerstag, 01.02.2018, 13:02 Uhr

Ein kostbares Andenken und eine wunderschöne Erinnerung: Die Athletentasche der Olympischen Spiele in Melbourne 1956.
Ein kostbares Andenken und eine wunderschöne Erinnerung: Die Athletentasche der Olympischen Spiele in Melbourne 1956. Foto: Thomas Strack

„Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele Titel und Medaillen ich gewonnen habe. Da müssen Sie schon meinen Mann fragen, der weiß das genau“, sagt Rühlow. Schnell wird deutlich, dass Diskuswerfen und Kugelstoßen für sie nie Kapitel waren, die man so einfach abhakt. Dabei würden 85 Deutsche Meisterschaften, 20 Europameister- und sieben Weltmeistertitel sowie diverse Weltrekorde satt ausreichen, um persönliche Eitelkeiten zu befriedigen.

Aber darum ging es der Olympia-Teilnehmerin von Melbourne 1956 nie. „Das Schlimmste für mich wäre, wenn ich einmal aufhören müsste.“ Nicht nur diese Worte bezeugen, wie sehr sich die Burgsteinfurterin auch heute noch der Leichtathletik verbunden fühlt.

Zuletzt gewann sie 2017 bei der Europameisterschaft in der europäischen Kulturhauptstadt Aarhus (Dänemark) zwei weitere Titel und stellte mit 9,66 Metern im Kugelstoßen und 25,53 Metern im Diskuswerfen zugleich neue Weltrekorde in der Seniorinnenklasse auf. Man würde kaum darauf kommen, dass diese vitale, drahtige Frau schon 81 Jahre alt ist.

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Kunstturnen wäre auch etwas für die sportbegeisterte Anne-Chatrine Rühlow gewesen, doch dann stürzte sie sich auf Diskus und Kugel. Foto: Thomas Strack

Die Anfänge der Karriere

Ihr Vater hatte erkannt, welche Talente in seiner Tochter schlummern. Christian Lafrenz war Landwirt in der schleswig-holsteinischen Gemeinde Altgalendorf. Und als er Anfang der 1950er Jahre einmal von einer Bullenauktion aus Lübeck heimkehrte, brachte er seiner Tochter von unterwegs eine Diskusscheibe und eine Kugel mit. Anne-Chatrine übte fortan überaus fleißig auf der Wiese des heimischen Hofgeländes.

Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Anfangs strampelte sie mehrmals die Woche von ihrem Heimatdorf in die fünf Kilometer entfernte holsteinische Stadt Oldenburg zum Training. Als sie immer besser wurde, wechselte sie zum Leichtathletikverein Gut-Heil Lübeck. 1954 wurde sie Deutsche Jugend-Meisterin im Kugelstoßen, Diskuswerfen und im Fünfkampf.

Ab 1955 trat sie in der Erwachsenenklasse an, in der sie gleich in ihrem ersten Jahr Deutsche Meisterin im Diskuswurf und Kugelstoßen wurde. Zu dem Zeitpunkt war Rühlow auch national schon ins Rampenlicht gerückt. „Wie ein scheues Reh kommt sie daher“, lautete einst eine Schlagzeile in der deutschen Illustrierten „Quick“, die Anfang der 1960er Jahre wöchentlich eine Auflage von bis zu 1,7 Millionen Exemplaren erreichte.

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Erfolg mit Stress

Da Lafrenz auch die Qualifikationsnorm für die Olympischen Spiele geschafft hatte, ging es Anfang November 1956 nach Australien. Doch die Mission stand unter keinem guten Stern. „Wir mussten schon in Luleå in Schweden notlanden, weil das Flugzeug einen Motorschaden hatte“, erinnert sich Rühlow. Dann ging es zu einem dreitägigen Trainingslager nach Hawaii. Nach weiteren Stopps auf den Fidschis und in Perth endete die Reise schließlich in Melbourne.

Was muss die junge Sportlerin damals nur gefühlt haben nach dieser Odyssee? „Ich war gerade erst 20 Jahre alt geworden und nicht einmal volljährig“, sagt Rühlow. Es ist nachvollziehbar, dass die in der Geborgenheit der ostholsteinischen Provinz aufgewachsene Leichtathletin diese Flut der neuen, fremden Eindrücke nicht so ohne Weiteres abstreifen konnte.

Wohl auch deshalb endete der Olympia-Wettkampf für sie enttäuschend. Im Kugelstoßfinale wurde sie Zwölfte. In ihrer Paradedisziplin, dem Diskuswerfen, verpasste sie den Einzug in den Endkampf. Die Szene, wie sie an der Schulter ihrer Vereinskollegin Marianne Werner bittere Tränen vergoss, hat sich tief in ihre Seele eingebrannt. Doch die Athletin wuchs an diesen Erfahrungen. Schon 1957 gewann die Diskuswerferin dann ihren dritten DM-Titel.

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Erfolge und Familie

Ein Jahr später veränderte sich ihr Leben – und das gleich in doppelter Hinsicht. Sie folgte einer Einladung ihrer Kaderkollegin Werner nach Westfalen und schloss sich dem SC Greven 09 an. Als sie in einer dortigen Sporthalle während einer Trainingseinheit auch an ihrer Hochsprung-Technik feilte, wurde ein Sportreferent namens Gerhard Rühlow auf die 21-Jährige aufmerksam. „Fräulein Lafrenz“, habe er beeindruckt und Respekt zollend gefragt, „was können Sie eigentlich nicht?“ Die beiden kamen sich näher und wurden ein Paar. Aus der glücklichen Ehe gingen später zwei Kinder hervor.

Dass sich Rühlows Karriere bis heute auf höchstem Niveau stabilisierte, hatte maßgeblich mit ihrem familiären Umfeld zu tun, in dem sie gleichermaßen Motivation und Unterstützung erfuhr. Nicht zuletzt deshalb etablierte sich die seit 1967 für Preußen Münster startende Athletin dauerhaft in der nationalen und internationalen Spitzenklasse.

1972 hatte sie die Norm für die Teilnahme an den Olympischen Spielen in München erfüllt. Doch der Wunsch, an der Seite der deutschen Diskuswurf-Ikone Liesel Westermann antreten zu dürfen, erfüllte sich nicht. „Mir wurde mitgeteilt, ich hätte keine Perspektive.“

Doch Anne Chatrine Rühlow wusste längst, mit diesen Rückschlägen umzugehen. Noch mit 40 nahm sie an einem Endkampf bei den Deutschen Meisterschaften teil. Dann setzte sich die Jagd nach Titeln und Trophäen in den diversen Senioren-Altersklassen – inzwischen für den SV Burgsteinfurt startend – fort. Etwa 1989 bei den Weltmeisterschaften in Eugene, dem Leichtathletik-Mekka der USA, oder dann 1995 in Buffalo.

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